Dem toten Hasen Bild erklärt

Wenn sich der Sohn des größten Beuys-Sammlers öffentlich mit dessen Lebenswerk auseinandersetzt, kann das Resultat im besten Fall ein außergewöhnlicher Abend sein. So auch jetzt beim Kunstverein.

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Gerhard van der Grinten, von dem (und dessen Vater Franz Josef) die Rede ist, ist selbst Kunsterzieher und Künstler. Und er hat bereits als Kind all das hautnah mitbekommen, was nicht spurlos an ihm vorübergehen sollte. Selbst im Kinderzimmer war er schon von Sammlerstücken umstellt, weil jede freie Ecke genutzt wurde für das, was der Vater und dessen Bruder heimbrachten. Nun hat er beim Eislinger Kunstverein im Rahmen der Biennale der Zeichnung zurückgeblickt, locker plaudernd, für jede Zwischenfrage offen. So entstand ein Kaleidoskop faszinierender Eindrücke und Erkenntnisse um das weite, häufig auch missverstandene Werk eines fast besessen agierenden Künstlers.

Joseph Beuys war mehr als nur Zeichner oder Plastiker, er war eine Universalbegabung, geprägt von seiner Biografie. Gerhard van der Grinten holt weit aus in seiner Beschreibung dieses Menschen, dem er von klein auf regelmäßig begegnet ist, gehörte Beuys doch zeitweise fast zur Familie. Er schildert ihn als mittelmäßigen Schüler, der vor allem durch Fahrradabstecher über sämtliche Treppen des Schulhauses auf sich aufmerksam macht. Aber die Lehrer mögen ihn, weil er das, was ihn interessiert, mit Leidenschaft angeht, was später dazu führt, dass er sogar Fachleute auf ihren Spezialgebieten in Verlegenheit bringt.

Beuys ist ein sozialkritischer Vordenker, dem keine Provokation zu verwegen oder zu banal ist, um andere zum Mitdenken anzuregen. Es geht ihm aber auch um elementare Überlebensmöglichkeiten, für die immer wieder seine Werkstoffe wie Filz (für wärmende Kleidung) oder Fett (für die Ernährung) stehen. Zwei Abstürze als Kampfflieger und spätere gesundheitliche Einschränkungen machen dies nachvollziehbar. Er ist ein guter Cello- und Klavierspieler, dessen Musikverständnis in einigen Bereichen Assoziationen zu Beethoven erlaubt. Religion ist für ihn wichtig, solange es um Wege geht, die dem Menschen weiterhelfen. Im Übrigen darf man sich den 1921 im niederrheinischen Kleve geborenen, für seinen Humor und sein ansteckendes Lachen bekannten Künstler sogar im Kuhstall sitzend vorstellen, wo er einem toten Hasen (den er als begeisterter Koch anschließend als Mahlzeit zubereitet) Bilder erklärt. Was nach seiner Erfahrung sinnvoller ist, als dies gegenüber einem der ohnehin alles besser wissenden Kunsthistoriker zu versuchen.

Fakten, Anekdoten, Weisheiten, in bunter Folge. Wer weiß, wer länger ausgehalten hätte, das über dreißigköpfige Publikum oder der Erzähler. Nach guten zwei Stunden einigte man sich schließlich auf ein - zumindest offizielles - Ende.

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