Debatte um Metropolexpress

Geht es nach dem Verkehrsministerium, so kann man dem Kreis Göppingen auch beim Schienenverkehr kein Wunschkonzert bieten. Es bleibt dabei: Wo es weniger Fahrgäste gibt, fahren künftig weniger Züge.

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»Dieser Zug fällt heute aus«, teilt die Zielanzeige auf dem Geislinger Hauptbahnhof am Donnerstag mit: Grund ist nicht das mangelnde Fahrgastaufkommen, sondern der Lokführerstreik.  Foto: 

„Bedauerlich“, sei es, schreibt das Verkehrsministerium an den Landrat, „dass Ihre Vorstellungen hinsichtlich eines aus Ihrer Sicht adäquaten Schienenverkehrsangebots“ vom Land „offenbar nicht vollständig erfüllt werden können“. Der Brief, den der Mobilitätsamtsleiter Jörg-Michael Wienecke noch in der Sitzung des Verkehrsausschusses am Dienstag austeilte, lässt die Kreisräte vollends auf die Barrikaden steigen. „Wir müssen weiterverhandeln, weil wir gute Argumente haben“, sagte Landrat Edgar Wolff bestimmt. Nun will er dem Kreistag eine Resolution verabschieden lassen.

Keinen Meter kommt das Land dem Landkreis entgegen bei seinem Wunsch, mit einer neuen Ausschreibung des Verkehrs auf der Filstalbahn von Stuttgart nach Ulm endlich ein „S-Bahn-ähnliches Verkehrsangebot“ zu erhalten, um den Kreis besser an die Landeshauptstadt anzubinden. Immerhin ist der Kreis Göppingen der einzige in der Region Stuttgart, der nicht mit der S-Bahn erreichbar ist. Das Land bietet in seiner „Zielkonzeption 2025“ eine völlig neue Lösung an: Das Metropolexpress-System. Eine erste Stufe dieses Systems werde auf der Filstalbahn umgesetzt. Im Halbstundentakt nach Stuttgart – so stellt sich auch der Kreis ein S-Bahn-ähnliches Angebot vor.

Wäre da nicht ein gravierender Nachteil: Für den Metropolexpress entfällt ein stündlich fahrender Regionalexpress, der bislang bis Ulm fährt. Und: Der neue Zug soll nur bis Süßen fahren, weil auf dem Reststück bis Geislingen die nötige Zahl von mehr als 5000 Fahrgästen pro Tag und Abschnitt nicht erreicht wird. Will der Kreis mehr, soll er es selbst zahlen.

So will das Land den Zugverkehr auf der Strecke „nachfrageorientiert“ gestalten, erklärt das Ministerium: „Wir werden weder kürzen, noch sparen, sondern auch künftig mindestens das gleiche Zugkilometervolumen wie heute bestellen“ – nur eben anders auf die Strecke verteilt. „Wir sind jedoch davon überzeugt“, beschwichtigt der Ministerialdirektor Uwe Jahn in seinem Brief an den Landrat, „ein signifikant verbessertes Angebot auf die Schiene zu bringen“.

Da hielt es den Geislinger CDU-Kreisrat Wolfgang Rapp im Verkehrsausschuss nicht mehr auf dem Sitz: „Was ist denn daran ein signifikant verbessertes Angebot?“, wetterte er. Der Landkreis werde auf der Schiene „in der Mitte halbiert in eine zweite und dritte Wagenklasse“. Von einer Nutzerorientierung, wie sie dem Ministerium vorschwebt, profitierten allenfalls die Ballungsräume, bevölkerungsschwächere Gegenden seien benachteiligt. Das Gegenteil wolle der Kreis erreichen, unter diesen Voraussetzungen komme er seinem Ziel aber nicht nahe. Stattdessen verschlechtere sich die Perspektive für den Kreis erheblich.

Dabei sei der Kreis mit der Finanzierung des Filstaltakts schon vor Jahren in Vorleistung gegangen. „Ich weiß nicht, ob er Verständnis für unsere Situation hat“, kommentierte Rapp den Brief des Ministerialdirektors. Dass der Kreis für Extras auch noch bezahlen solle, setze dem Ganzen die Krone auf. „Das Filstal endet nicht in Süßen! Mir scheint, dass man aus Stuttgarter Perspektive nicht sieht, wie weit die Grenzen des Landkreises gehen.“

Verbindungen vom äußersten Zipfel der Region bis hinein nach Stuttgart habe das Land durch seinen neuen Metropolexpress versprochen, erinnerte Freie-Wähler-Kreisrat Werner Stöckle (Wangen). In dem Konzept sei auch Geislingen aufgeführt. Es liege in der Verantwortung des Landes, verlässliche und vertaktete Verbindungen zu schaffen. Dies sei keine fixe Idee, sondern seit dem 15. April sogar per Gesetz geregelt.

„Das können wir nicht akzeptieren“, klagte auch der Kuchener SPD-Kreisrat Rainer Kruschina. Der Raum Geislingen und auch Amstetten würden durch die Pläne des Landes „maßgeblich benachteiligt“. Kruschina erinnerte an das Drama um die neue B10, die nicht weitergebaut wird, wodurch das Obere Filstal schon zum „Tal der Tränen“ werde. „Wenn man etwas plant, dann muss es eine Verbesserung sein und keine Verschlechterung.“

Einzig die Grünen-Kreisrätin Dorothee Kraus-Prause (Bad Boll) zeigte Verständnis für die Zwänge ihrer grünen Parteifreunde in der Stuttgarter Landesregierung. Angesichts knapper Kassen befinde sich das Land in einem finanziellen Dilemma: Wie soll das Geld verteilt werden? Erkennbar sei „ein ehrenwertes Bemühen“ nach Kriterien zu entscheiden.

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