Das "Glückslos" des Lebens gezogen

Heike Fischer hat sich ihren Traum erfüllt: Vor 13 Jahren gewann die 47-Jährige eine Greencard für die USA - und zog damit das Glückslos ihres Lebens. Die Entscheidung für die Staaten hat sie nie bereut.

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Oft werde ich gefragt, warum ich es "getan" habe. Damals im März 2000. Selbst beim Auswanderungsgespräch auf dem Konsulat in Frankfurt machte mich der Doktor darauf aufmerksam, dass Amerika hinsichtlich der sozialen Bedingungen doch so sehr viel unangenehmer wäre als Deutschland und ob ich mir das gut überlegt hätte. Bis heute hab ich es noch nicht bereut.

Angefangen hat es, als ich mir mit 21 meinen ersten Traum erfüllte: Ich flog 1986 ganz allein nach Amerika, ohne Anlaufstelle, ohne die bekannte "Tante im Ausland" oder irgendwas in der Richtung. Stattdessen lernte ich den "Jugendherbergsführer USA" quasi auswendig, kaufte mir zwei 30-Tage-Tickets von Greyhound (einem Busunternehmen in Amerika, das hauptsächlich Langstrecken zwischen den verschiedenen Staaten fährt). Und ich kaufte ein "Open-End-Ticket" von der Lufthansa: ein Ticket mit Hin-und Rückflug, nur war der Rückflug ohne Datum.

Ich war zirka fünf Monate unterwegs: Von Florida die Ostküste hoch bis zu den Niagara-Fällen. Dann mit vielen, vielen Stopps Richtung Westen bis San Francisco und von dort die Westküste runter bis San Diego. In dieser Zeit habe ich mich in Amerika und vor allem in San Diego verliebt. Eine Leidenschaft, die mich bis heute festhält.

In den folgenden Jahren flog ich immer wieder nach Amerika in den Urlaub und blieb so mit meinen Freunden, die ich auf meinem langen Trip kennengelernt hatte, weiter in Kontakt. Irgendwann machte mich meine Mutter auf eine Green-Card-Verlosung aufmerksam. Diese Aufenthalts- und Arbeitsberechtigung für die USA konnte man tatsächlich einmal im Jahr gewinnen und jeder durfte teilnehmen! Ich hab zweimal mitgemacht: 1994 und 1996. Um doppelte Gewinnchancen zu haben, füllte ich die Papiere gleich zweimal aus - einmal für mich und einmal für meinen Freund. Und BANG!! - Im September 1996 erhielten wir die Nachricht, dass wir tatsächlich sogar beide gewonnen hatten. Allerdings war das nur der erste Schritt eines langen Papierkrieg. Aber ich habe mich durch die Formulare gewühlt - und lebe nun seit März 2000 in den Vereinigten Staaten.

Mein Freund arbeitete viel für deutsche Kunden. Als wir überlegten, wo es hingehen sollte, wollte ich eigentlich in meine Lieblingsstadt San Diego. Nach reiflicher Überlegung waren wir uns dann aber einig, dass es eine Stadt an der Ostküste sein musste, weil hier der Zeitunterschied zu Deutschland mit sechs Stunden erträglicher war im Vergleich zu den neun Stunden bis zur Westküste. Meine Bedingung war aber Sonnenschein - also entschlossen wir uns, nach Florida zu ziehen. Bis 2006 lebten wir in Sarasota an der Westküste Floridas. Eine wunderschöne Zeit: Ich genoss die heißen Sommer, die warmen Nächte und vor allem das Meer und den Strand.

2006 trennte ich mich von meinem Freund und das eröffnete mir auch den Weg, endlich nach San Diego zu ziehen. Eine Woche hab ich gebraucht - immer der I-10 entlang: Der Highway geht von Florida bis Kalifornien immer am Strand entlang und endet in Los Angeles. Es war beeindruckend zu sehen, wie viele unterschiedliche Landschaften Amerika bietet: Ich fuhr vom tropischen Florida durch die Sümpfe von Illinois, durchquerte die Ölwüste von Texas und die Wüste von New Mexico, überquerte die Berge der Rockys, bis ich Kalifornien erreichte. Es war ein Fest für Augen und alle übrigen Sinne!

Seit 2006 lebe ich in San Diego. Nach ein paar Jahren als Immobilienverkäuferin in Florida arbeite ich inzwischen als Chef-Sekretärin bei einem Versicherungsunternehmen. Die Reise nach Deutschland ist noch länger und recht anstrengend, trotzdem komme ich noch regelmäßig "heim", um dann wieder "heim" nach San Diego zu können. Kalifornien hat viele "verrückte" Seiten, die ja allgemein bekannt sind: Hollywood etwa, der Wahn nach Jugend, Schönheit und Fitness. Keine Frage, da ist nichts erlogen dran. Aber Kalifornien ist trotzdem ein atemberaubendes Land: Die Berge, das Meer - man kann morgens am Strand liegen und mittags nach zwei Stunden Fahrt in den Bergen Skifahren. Hat man genug vom Schnee, fährt man einfach wieder zurück in den Sommer.

Wenn man hier lebt, wird man auch automatisch vom "Bewegungswahn" und der Aktivität der Kalifornier angesteckt. Ich kenne niemanden, der sich nicht irgendwie "bewegt": Von acht bis 80 läuft jeder, geht ins "Gym", schwimmt, läuft Marathons, Triathlons oder Ironmans - einfach alles. Ich spiele gern Volleyball am Strand, es gibt rund 20 Volleyball-Courts. Wenn man nicht morgens um 7 Uhr da ist, sind alle besetzt. Klar, was gibt es auch Besseres, als seinen Sport am sonnigen Strand nachzugehen?

Sommer, Sonne und Strand waren es wohl auch, warum ich von zu Hause weg bin. Für mich bedeutet schönes Wetter einfach Lebensqualität. Ich liebe Deutschland und ich habe die besten Freunde und allerbeste Familie der Welt dort. Und ich vermisse sie alle sehr. Aber wenn ich dann wieder hier samstagmorgens am Strand sitze oder den Sommer über abends nach der Arbeit zum Strand gehe und im Sonnenuntergang Volleyball spiele oder im Februar mit dem Fahrrad am Strand entlang fahre und die Wale auf ihrem Weg nach Mexiko beobachte oder samstagabends in meiner Lieblings-Kneipe am Strand ein "Sunset-Beer" trinke - und alle jubeln, weil die Sonne wieder mal dramatisch am Horizont untergegangen ist - dann freue ich mich mit ihnen, weil sie wie ich am schönsten Fleck der Welt leben. Und dann weiß ich auch wieder, dass es damals vor 13 Jahren "ganz für mich" die beste Entscheidung meines Lebens war.

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