Botschaft an Europa

Eine Botschaft an Europa hat das Seminar für freiheitliche Ordnung in Bad Boll: Griechenland brauche die Drachme zur Überwindung der Finanzkrise, und zwar als Parallelwährung mit laufendem Wertabschlag.

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Seit mehr als 50 Jahren ist das Seminar für freiheitliche Ordnung in Bad Boll eine sozialwissenschaftlich orientierte Denkfabrik für Fragen der Volkswirtschaft, und von jeher vertritt es währungspolitisch eine Lehre, die im Kleinen schon erfolgreich war: Die Lehre vom Geld mit eingebauter Sicherung seines Umlaufs durch Wertminderung, vom "alternden Geld".

Für die Vorstände der Denkfabrik schreit die Situation in Griechenland geradezu nach so einem Geld als "Parallelgeld" neben dem Euro. Denn: "Das Spardiktat von Brüssel führt geradewegs in eine Rezession", stellt Eckhard Behrens fest. Das Sparen im Staatshaushalt könne man konjunkturpolitisch aber wettmachen, indem die Griechen wieder Drachmen als zusätzliche gesetzliche Zahlungsmittel bekommen, die kontinuierlich ein ganz kleines bisschen an Wert verlieren. Im ersten Jahr um zehn Prozent, als harte Dosis, in späteren Jahren vielleicht nur fünf Prozent. Dann würden die Griechen ihr Drachmen zügig ausgeben und damit die Konjunktur ankurbeln. Gleichzeitig, so betont Behrens, blieben die Preise stabil. Die würden weiterhin in Euro ausgezeichnet.

Diese Lehre ist schon mehr als hundert Jahre alt und stammt von einem Deutsch-Belgier namens Silvio Gesell. Rudolf Steiner griff die Idee unter der Bezeichnung "alterndes Geld" auf. In der Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre wurde sie aus der Not heraus angewandt. Gute Erfolge erzielte man damit im kleinen Wörgl in Tirol, bis die österreichische Notenbank das Experiment stoppte. "Aber auch in den USA gab es über 100 Städte mit diesem Freigeld", weiß Fritz Andres, bis auch dort das Aus kam: Roosevelt hielt sich lieber an das Konzept der staatlichen Konjunkturspritzen. Aber auch dessen geistiger Vater, John Maynard Keynes, hielt große Stücke auf Gesells Ansatz.

Man muss nicht in die Historie blicken: In Deutschland existieren heutzutage etliche "Zweitwährungen" nach diesem Muster, das so genannte Regiogeld. Die Verfechter aus Bad Boll verweisen auf das bekannteste Beispiel, den "Chiemgauer", der zwischen Rosenheim und Traunstein zirkuliert und dies dreimal schneller als der Euro - was sie als Beweis für seine Überlegenheit werten. Der Chiemgauer fördere die heimischen Produkte, das sei der Grundgedanke, und ein Teil der Wertminderung fließe in soziale Zwecke. "Das funktioniert", betont Jobst v. Heynitz. Unternehmen machten mit und erzielen damit zusätzliche Umsätze und Gewinne, die die Wertminderung des Geldes übersteigen.

Auf nationaler Ebene ist das noch nie erprobt worden. Für die Bad Boller Denkfabrik ist jetzt der historische Zeitpunkt, auf dieses System umzusteigen. Nicht nur im Falle Griechenlands als Notgeld in der Krise, sondern besser noch in ganz Europa als Dauerlösung. Denn die hoch verschuldeten Staaten könnten nicht länger Konjunkturspritzen finanzieren."Deutschland hat sich das mit einer Schuldenbremse verboten", erläutert Behrens. Stelle man den Euro auf alterndes Geld um, bekomme man eine ständige Konjunkturanregung und vermeide die Ausschläge der Konjunktur und des Geldwertes nach oben und unten.

Warum hören die Wirtschaftsminister in Europa nicht darauf? "Sie halten sich an die traditionelle Lehre", beklagt Jobst v. Heynitz. Nur seien sie im Fall Griechenlands ratlos. Die "Gesellianer" von Bad Boll, die schon so lange einsame Rufer in der Wüste sind, setzen aber auf die Überzeugungskraft von Gesells Lehre. Schon andere seiner Ideen hätten sich im Laufe der Zeit durchgesetzt, etwa der Freihandel, die Abkehr von der Goldwährung und die Freiheit der Wechselkurse. Eine weitere ketzerische Meinung sei auch schon diskutabel: Eine Konjunkturbelebung durch eine gesteuerte Inflation von "unter, aber nahe fünf" Prozent. Das empfehlen die Bad Boller als zweitbeste Lösung.

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