Biomüllmenge im Landkreis deutlich unter den Erwartungen

Der Landkreis Göppingen will im kommenden Jahr deutlich mehr Biomüll sammeln. Die Bilanz nach dem ersten Jahr fällt ernüchternd aus. <i>Mit Leitartikel.</i>

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Die blauen Beutel mit Biomüll am Straßenrand lassen sich oft an einer Hand abzählen.  Foto: 

Der neue Leiter des Abfallwirtschaftsbetriebs (AWB) des Landkreises Göppingen, Dirk Hausmann, redet Klartext: „Da gibt es nichts zu beschönigen, das ist nicht so, wie wir uns das wünschen.“ Seit einem Jahr werden im Landkreis Bioabfälle getrennt gesammelt und die Bilanz ist ernüchternd. Lediglich 2000 Tonnen – rund 30 pro Woche – konnten für die Verwertung in Biogasanlagen abgeschöpft werden. „6000 Tonnen wären ein ganz vernünftiges Ergebnis“, sagt Hausmann, der im Juni die Nachfolge von Eberhard Stähle angetreten hat.

„Wir haben den politischen Willen, das deutlich zu steigern“, gibt der AWB-Chef die Marschrichtung für das kommende Jahr vor. Das soll mit einem Mehrstufenplan erreicht werden. Mit intensiver Aufklärungsarbeit und einem Abfallmagazin soll vor allem die Akzeptanz der bei vielen Bürgern unbeliebten blauen Beutel erhöht werden. Hausmann macht aber deutlich, dass es keine Abkehr von diesem Sammelsystem geben werde. Nur in den Beuteln könnten ganz gezielt Küchenabfälle gesammelt werden, die den entsprechenden Energiegehalt für die Biogasproduktion hätten.

Biomüll in Restmülltonne zu entsorgen, ist verboten

Der AWB wolle aber auch deutlich machen, dass der Landkreis nicht nur verpflichtet sei, Bioabfälle getrennt zu sammeln, sondern auch die Umsetzung durchzusetzen. „Es ist definitiv verboten, Biomüll und Wertstoffe in der Restmülltonne zu entsorgen“, erklärt Hausmann. Schon jetzt werde stichprobenartig kontrolliert. Bis jetzt habe es keine Konsequenzen, wenn die Kontrolleure größere Mengen Küchenabfälle darin vorfinden. „Aber in Extremfällen, lassen wir jetzt schon Eimer stehen.“ Etwa wenn sie wie jüngst mit Fallobst vollgestopft sind.

Bis Ende des Jahres will der AWB auf Aufklärung und „Appelle an die Vernunft der Bürger setzen. Ab dem kommenden Jahr könnte es für Trennmuffel jedoch unangenehmer werden. Dann würden die Kontrollen verstärkt und „wir überlegen, gelbe und rote Karten einzuführen“, erklärt Hausmann.

Ziel des Landkreises sei aber nicht nur, die Menge des gesammelten Biomülls zu erhöhen. Vor allem gehe es darum, dass weniger Müll in der Verbrennung lande – das sei ebenfalls eine Vorgabe des Abfall-Kreislaufwirtschaftsgesetzes. Beim Restmüll rangiert der Landkreis seit Jahren auf den hinteren vier Plätzen vergleichbar strukturierter Kreise im Land und mit einer Menge von 183 Kilogramm pro Einwohner und Jahr deutlich über dem Landesdurchschnitt von 142 Kilogramm.

Der Landkreis zahle zwar für die Verbrennung des Restmülls einen Festpreis, „aber es rechnet sich, wenn wir weniger anliefern“. 189 Euro koste es, eine Tonne Müll zu verbrennen, dagegen werden für die Verwertung der gleichen Menge Biomüll nur 60 Euro fällig. Niedrige Kosten seien auch im Interesse der Gebühren zahlenden Bürger. Jedoch räumt der AWB-Chef ein, dass das derzeitige Gebührensystem einer Überarbeitung bedarf. „Im Grund gibt es ja nicht wirklich einen finanziellen Anreiz, den Biomüll zu trennen.“ „Das Ziel sollte sein, dass jene, die Müll trennen, auch sparen“, erklärt Hausmann, der vom Kreistag den Auftrag hat, Vorschläge für die Abfallwirtschaft der Zukunft zu unterbreiten. „Wir stellen derzeit alles selbstkritisch auf den Prüfstand, wie sich das System bürgernah und komfortabler verändern lässt.“

Abfall in Zahlen

Biomüll 2000 Tonnen Küchenabfälle hat der Landkreis hat im ersten Jahr gesammelt. Angepeilt werden 6000 Tonnen. Kostenvergleich Die Verwertung des Biomülls kostet im Jahr 1,13 Millionen Euro. Das sind 60 Euro pro Tonne. Die Verbrennung des Restmülls kostet 189 Euro je Tonne. Kellerkinder Beim Anfall von Hausmüll zählt der Landkreis zu den Schlusslichtern bei den 27 städtischen Kreisen im Land. Jährlich erzeugt jeder Einwohner 183 Kilogramm Müll. Am meisten Restmüll fällt im Ortenaukreis an 203 Kilogramm), Spitzenreiter ist der Kreis Calw mit 68 Kilogramm pro Einwohner und Jahr.

Ein Kommentar von Karin Tutas: Trennen muss sich lohnen

Es ist eine verheerende Bilanz. Seit einem Jahr sammelt der Landkreis Bioabfälle getrennt vom Restmüll und ist weit von dem entfernt, was der neue Leiter des Abfallwirtschaftsbetriebes, Dirk Hausmann, „als „ganz vernünftiges Ergebnis“ bezeichnen würde. Das wären rund 6000 Tonnen, jedoch werden gerade mal 2000 Tonnen in Biogasanlagen verwertet. Zwar ist der lautstark geäußerte Unmut gegen die ungeliebten blauen Beutel weitgehend verstummt.
Am Ergebnis ändert das aber nichts. Die Plastikbeutel, die an Abfuhrtagen draußen stehen, lassen sich in vielen Straßen an einer Hand abzählen. Stattdessen wandern die meisten Küchenabfälle munter in der Restmülltonne . Mangelnde Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit kann man dem AWB nicht vorwerfen. Es wurde viel getan, um den Bürgern die gesetzlich vorgeschriebene Biomüll-Abfuhr schmackhaft zu machen. Offenbar ist dabei aber nicht deutlich genug geworden, dass die Pflicht, Müll zu trennen nicht nur für den Landkreis gilt, sondern auch für die Bürger.
Trennmuffel sollten also bedenken, dass das Aussortieren von Bioabfällen oder Wertstoffen keineswegs eine freiwillige Leistung ist. Nach dem Abfall-Kreislaufwirtschaftsgesetz und der Abfallsatzung des Landkreises ist es schlicht verboten, Bioabfälle und Wertstoffe in den Mülleimer zu werfen. Der Landkreis, dessen Restmüllmengen deutlich über dem Landesdurchschnitt liegen und der damit unter den Schlusslichtern der städtischen Kreise in Baden-Württemberg liegt, muss also mächtig Gas geben, um das Abfallaufkommen, das in der Müllverbrennung landet, weiter zu reduzieren. Nicht nur, weil das Göppinger Müllheizkraftwerk bereits am Anschlag ist. Mit 189 Euro sind die Verbrennungskosten für eine Tonne Müll dreimal so hoch wie für die Verwertung des Biomülls. Weniger Restmüll rechnet sich also nicht nur für den Landkreis, sondern auch für die Gebühren zahlenden Bürger. Die Überlegungen, die Trennung der Abfälle künftig mit sanftem Druck durchzusetzen, sind nachvollziehbar. Den einen oder anderen Mülleimer mal ungeleert stehen zu lassen, kann durchaus heilsam sein, wenn Appelle nicht fruchten. Zwangstrennung kann jedoch nicht die ultima ratio sein. Es muss sich lohnen, seine Abfälle zu trennen. Bislang ist das Trennen des Biomülls für den Verbraucher nämlich ein Nullsummenspiel. Was er durch die vierwöchige Müllabfuhr spart, zahlt er für die Biobeutel wieder drauf. An der Einführung einer mengenabhängigen Müllgebühr wird kein Weg vorbeiführen.

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Kommentare

12.08.2016 07:20 Uhr

Kosten zu hoch

Haushalt mit zwei Wickelkindern, also 14-Tägige Leerung der Mülltonne nötig PLUS Kosten für diese blauen Säckchen - 2 pro Woche... das macht dann gut 260 Euro im Jahr. Zu teuer scheint das, da ja mit Biomüll auch noch Energie gewonnen wird....

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Am 1. Juli 2015 ist im Landkreis Göppingen die getrennte Sammlung von Bioabfällen in Form von Plastiksäcken gestartet. Es gilt die gesetzliche Pflicht zur Trennung und Verwertung von Küchenabfällen.

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