Besuch bei der Naturfrisörin: Haarpflege, die lebt

Dauerwelle, Blondierung und Silikonpflege: Jahrelang arbeitete Stefanie Catalano als Frisörin mit chemischen Produkten. Jetzt will sie Menschen als Naturfrisörin zu bewusstem Konsum animieren.

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Stefanie Catalano sagt über ihre natürliche Haarpflegeprodukte: „Sie sind so natürlich, man kann sie sogar essen.“ Den Beweis liefert sie selbst.  Foto: 

Rote Beete, Birkenblätter, Leinsamen und Indigo – was klingt wie eine abgedrehte Teemischung ist eine Haartönung. „Rubinrot“ sollen die Haare mit dem nach Kräutern duftenden Pulver werden. Mit Wasser angerührt wird daraus eine „Pampe“, wie es Stefanie Catalano flapsig nennt.

Über 30 Jahre hat die zierliche Frau, mit den krausgelockten Haaren als Frisörin in verschiedenen Salons gearbeitet. In Wien, Köln und zuletzt in Esslingen. Dann sei der große Wendepunkt gekommen, der sich bereits lange angebahnt hatte. „Ich sollte einer alten Dame mit wunderschönem silbernen Haar eine Dauerwelle und blonde Strähnen machen“, erzählt Catalano. „Ich habe versucht, es ihr auszureden – da bekam ich Ärger mit dem Chef.“

Genug von Chemie-Produkten

Die 50-Jährige, der man ihr Alter nicht ansieht, schüttelt betrübt den Kopf. Sie habe das irgendwann nicht mehr ausgehalten. Der Geruch nach Chemie auf den Köpfen der Kunden. Die durch das Färben kaputten, gebrochenen Haare und das Unverständnis der Folgen solcher Produkte und Methoden. „Die Chemie dringt über die Haut in den Körper ein“, mahnt Catalano. Kunden würden nach der Behandlung mit einem eingefärbten chemischen Haarpflegeprodukt erwiesenermaßen grün oder blau pinkeln, erklärt Catalano und schlägt die entsprechende Stelle zum Beweis in der Fachliteratur nach.

Sie hat gekündigt. Heute ist sie selbständig und führt im Obergeschoss ihres Hauses in Wangen einen kleinen Frisörsalon. Dort duftet es nach Kräutern, im Hintergrund läuft eine leise Melodie, aus dem Garten dringt Vogelgezwitscher durch das halboffene Fenster ins Innere.

Seit zwei Jahren nennt sich Catalano Naturfrisörin. Nach zwei abgeschlossenen Kursen an einer Schule in St. Georgen bei einem Hersteller für Naturkosmetik- und Haarpflegprodukten. Der Titel ist nicht geschützt, dennoch wollte die naturverbundene Frisörin die teuren Fortbildungen besuchen. Das Färben mit natürlichen Mitteln sei eine Wissenschaft für sich: „Es kann sein, dass die Pflanzenfarbe zehn Minuten einwirken muss oder eine Stunde. Es gibt keine Farbkarte und die Farbe kommt jedes mal anders raus“, so Catalano. Beim Färben müsse sie deshalb auf viele Faktoren achten: Ob die Kundin Medikamente nimmt zum Beispiel, ob das Haar einen Goldstich oder einen aschigen Einschlag hat. „Jeder Mensch ist anders. Beim Färben mit Pflanzenfarbe sieht man seine Individualität – das ist ein kleines Abenteuer.“

Hinter der Holztüre des kleinen, lichtdurchfluteten Zimmers verbergen sich Relikte aus einer früheren Zeit. Acht Jahre führt sie ihr eigenes Frisörgeschäft, erst seit zwei Jahren stieg sie auf Naturprodukte um.

Restbestände hinter der Tür

Ein Regal voller chemischer Haarfärbemittel. Sie verschenke immer wieder etwas davon, wolle es loswerden, sagt Catalano. Zwei Kundinnen färbt sie dennoch noch mit chemischen Produkten die Haare, aus Verbundenheit zu den langjährigen Stammkunden. Gern mache sie das aber nicht. „Ich schimpfe dann immer über den Geruch“, merkt Catalano an. Sie will die chemischen Färbemittel endlich loswerden. Auch Frisöre habe sie bereits gefragt, die hätten aber alle abgelehnt.

Profitorientiert sei sie einfach nicht, sagt Stefanie Catalano über sich selbst. „Leider“, fügt sie mit einem Lächeln an. Aber sie sei angekommen in ihrem Beruf, sei glücklich mit ihrer Selbständigkeit auf dem Land. Mit ihrem Geschäft in die Stadt oder in Ballungsräume zu ziehen, um mehr Umsatz zu machen? „Kommt nicht in Frage“, so die 50-Jährige. „Ich wohne und arbeite bewusst im Dorf. Diese Naturverbundenheit gibt es in der Stadt nicht. Da ist Hektik, da ist es laut. Ich will frische Luft statt Autoabgase.“ Die Phrase „Zurück zur Natur“ sei für sie ein Selbstverständnis. Sie achte auch im Privatleben auf ein naturnahes Leben und kaufe saisonal und regional ein. Mittlerweile versucht die 50-Jährige sogar ganz aufs Färben zu verzichten.

Graues Haar statt Farbe

Ein zwei Zentimeter breiter Ansatz grauen Haars auf ihrem ansonsten braunen Haar zu erkennen. Sie wolle mit gutem Beispiel vorangehen. „Ich will auch meinen Kunden ein Umdenken näher bringen. Dass man das zu schätzen weiß, was man hat.“ Vor dem Spiegel stehend fährt sich Catalano durch das dicke Haar und hält es mit den Händen im Nacken zusammen. Sie hoffe, das mache auch anderen Frauen Mut zu ihrer natürlichen Haarfarbe und auch zu grauen Haaren zu stehen.

Angebot In Baden­-Württemberg gibt es etwa 55 Naturfrisöre, die nur biologische Produkte und Pflanzenfarbe verwenden.

Anerkennung Der Begriff „Naturfrisör“ ist nicht geschützt, an kein Zertifikat oder an eine abgeschlossene Ausbildung gebunden. Im Grunde kann sich also jeder mit dem Titel rühmen. Dennoch gibt es zahlreiche Seminare und Schulungen.

Ausbildung Die Ausbildung zum Naturfrisör oder zum Haut- und Haarpraktiker umfasst Schulungen neben Lerninhalten über Haut und Haar auch Inhalte zu den Themen Beratung, Pflanzenfarben, bewusstem Leben, Massage und Ernährung. Daran anschließend gibt es noch Weiterbildungs­seminare.

Kosten Ein Modul, das sich über zweieinhalb Tage erstreckt, kostet zum Beispiel bei CulumNataura in St. Georgen, wo Stefanie Catalano sich ausbilden ließ, 470 Euro. Die Ausbildungszeit umfasst dort acht Module. Am Ende gibt es ein Zertifikat. krib

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