Behinderter fühlt sich seit 50 Jahren in Gastfamilie wohl

Seit 50 Jahren lebt der geistig behinderte Kurt Rahmer bei einer Familie in Lenglingen – vermittelt und betreut  durch die Diakonie Stetten.

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  • Kurt Rahmer (Mitte) fühlt sich bei Elfriede und Dieter Weihenmaier in Lenglingen geborgen und wohl. Der Behinderte hatte schon bei ihren Eltern ein liebevolles Zuhause.  1/2
    Kurt Rahmer (Mitte) fühlt sich bei Elfriede und Dieter Weihenmaier in Lenglingen geborgen und wohl. Der Behinderte hatte schon bei ihren Eltern ein liebevolles Zuhause.  Foto: 
  • Kurt Rahmer mag auch den Umgang mit Tieren. Die Weihenmaiers können sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen. 2/2
    Kurt Rahmer mag auch den Umgang mit Tieren. Die Weihenmaiers können sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen. Foto: 
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Am 9. Februar war es“, erinnert sich der 73-Jährige Kurt Rahmer an seine Ankunft in Lenglingen als wäre es vor wenigen Monaten und nicht im Jahre 1967 gewesen. Jahrestage sind dem gebürtigen Gschwender wichtig. Seine Geburtstage seien die größten Festtage im Haus, erzählt Elfriede Weihenmaier. Ihre Eltern hatten Kurt Rahmer vor 50 Jahren aufgenommen, da sie christliche Nächstenliebe leben und einem Menschen ein Zuhause geben wollten, erinnert sie sich. An den Tag des Einzugs in Lenglingen erinnert sich Rahmer besonders gerne, denn damals hat er nach einer 14-tägigen Probezeit ein liebevolles Zuhause gefunden, das er wohl bis an sein Lebensende wird behalten dürfen.

Das ist keine Selbstverständlichkeit weiß Elfriede Weihenmaier, die beim Einzug Rahmers in ihr Elternhaus erst 11 Jahre alt war. „Niemand kann die Frage der Fortführung der Betreuung für seine Kinder entscheiden“, sagt sie und berichtet von Familien, in denen spätestens der Partner der Kinder die Entscheidung herbeiführte: „Er oder ich“. Nicht so in Lenglingen. Auch für Elfriede Weihenmaiers Mann Dieter gehört Kurt Rahmer heute zur Familie.

Erleichtert habe die Sache, dass es ein langsames Hineinwachsen gewesen sei, erklärt Elfriede Weihenmaier. Nach der Heirat im Jahre 1980 hatten sie zusammen mit den Eltern und Kurt Rahmer auf dem landwirtschaftlichen Anwesen gelebt. Seit dem Tod der Mutter von Elfriede Weihenmaier im Jahre 1994 lebt Kurt Rahmer bei Weihenmaiers. „Er war und ist einfach ein weiteres Kind“, sagt sie.

Auch die drei Kinder und sieben Enkel der Weihenmaiers können sich ein Leben ohne Kurt Rahmer nicht vorstellen. Sie würden ihn als Bereicherung für ihr Leben und ihre Sichtweisen erfahren und liebten es, mit ihm zu puzzeln oder Türme zu bauen. Der jüngste Enkel mit seinen 21 Monaten hänge besonders an seinem „Urt“ und stürme gleich zu ihm beim Besuch der Großeltern, erzählt Elfriede Weihenmaier.

Diese generationenübergreifende Integration sei besonders schön, sagt Erhard Beck, in der Diakonie Stetten zuständig für betreutes Wohnen in Familien, gemeinsam mit einem achtköpfigen Team. Elfriede Weihenmaier und ihre Familie bietet  Kurt Rahmer mit Energie und Herzenswärme heute ein Zuhause, wie er es zuerst bei ihren Eltern gefunden hatte. „Mama“ und „Papa“ habe er zu ihnen gesagt, erinnert sich die „kleine Schwester“; beim Tod ihrer Mutter habe Kurt Rahmer bitterlich geweint.

Ist die Vermittlung in Familien heute schwieriger? „Anders“ sagt, Erhard Beck und erklärt warum. Die Änderung der wirtschaftlichen Strukturen schlägt sich hier besonders nieder. Denn, vielfach kamen in früheren Zeiten Bewohner aus Stetten in landwirtschaftliche Betriebe. Familienleben und einfache Mitarbeit auf dem Hof ließen sich ideal ergänzen. Mit dem Rückgang der Bauernhöfe bietet sich diese Gelegenheit zunehmend weniger.

In Familien betreute Menschen mit Behinderungen besuchen heute tagsüber meist entsprechende Werkstätten. So gebe es auch „zu wenig Familien, die diesen Weg zusammen mit einem behinderten Menschen gehen“. Das sei sehr bedauerlich. Denn, alternativ zu einer Heimunterbringung seien in den Familien deutlich mehr Individualität, soziale Kontakte und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben möglich, erklärt Beck. „Wahre Inklusion“ nennt das Erhard Beck.

Die Diakonie Stetten war vor rund 140 Jahren der erste Träger, der betreutes Wohnen in Familien für Menschen mit geistiger Behinderung vermittelte. Das Lenglinger Beispiel der besonders individuelle Form der Unterbringung für  Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen kein Zuhause haben, zeugt von Herzlichkeit und Bereicherung in einer Zeit, in der Behinderung zunehmend als „vermeidbar“ gilt.

Wohnform Die Diakonie Stetten vermittelt in Baden-Württemberg im Rahmen von „Betreutes Wohnen in Familien“ Menschen mit Behinderung in Gastfamilien. Das Betreute Wohnen in Familien prüft sorgfältig, wer zu wem passen könnte.

Unterstützung Gastfamilie und Mitbewohner mit Behinderung werden nach der Vermittlung von Fachkräften des Fachdiensts „Betreutes Wohnen in Familien“ (BWF) dauerhaft unterstützt und beraten. Finanzielle Leistungen werden jährlich individuell angepasst. Die Diakonie Stetten sucht zurzeit vor allem für Kinder und Frauen mit Kleinkindern Gastfamilien.
Kontakt Erhard Beck, Tel. (07151) 940-2344 oder per Mail: erhard.beck@diakonie-stetten.de.

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