Baustelle: Einblick in die Steinenkircher Steige

1901 wurde die Steinenkircher Steige erbaut. Momentan wird sie generalsaniert. Wie das geschieht, das erlebten Besucher beim Sommer der Ver-Führungen live am Freitagnachmittag.

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Strabag-Bauleiter Steffen Schnepf erklärt den Einsatz der U-förmigen Verbauträger, auf denen er gerade steht – hier werden sie bis zum Einsatz auf der Steinenkircher Steige gelagert.  Foto: 

Für Pferdefuhrwerke wurde die Steinenkircher Steige vor 115 Jahren erbaut, doch schon seit Jahrzehnten rumpeln 40-Tonner-Lkw hinauf und hinunter. Zu viel für eine Strecke, deren Unterlage einfach hangseitig abgebaut und talseitig aufgeschüttet wurde. „Dafür hat sie, haben die Steigen überhaupt verblüffend lange gehalten“, sagte der Böhmenkircher Bürgermeister Matthias Nägele, der im Rahmen des Sommers der Ver-Führungen eine Baustellenbesichtigung der Steinenkircher Steige am Freitagnachmittag ermöglicht hatte.

Gleich vier Profis – drei vom Regierungspräsidium Stuttgart, dem Auftraggeber für die Steige-Sanierung sowie Steffen Schnepf, der Bauleiter der ausführenden Baufirma „Strabag“ – begleiteten den Tross der Besucher. Die hatten sich vorher an der Oberen Roggenmühle mit Matthias Nägele getroffen und waren komfortabel mit dem Bus nach Steinenkirch chauffiert worden. In Steinenkirch befindet sich auch der Baucontainer der Straßenbauer. Dort informierten Steffen Schnepf und Reiner Bihr, der Bauaufseher des Auftraggebers, ihre Zuhörer über das Vorgehen bei einer solchen Baumaßnahme. Klaus Ullrich, der Baureferatsleiter des Baureferats Süd in Göppingen, hatte davor deutlich gemacht, was für ein finanzieller Kraftakt diese 5,7 Millionen Euro teure Steigensanierung für das Land ist – und dass über 20 Steigen im Gebiet Esslingen / Göppingen eine solche Sanierung nötig hatten oder haben. Als „spannende Maßnahme“ bezeichnete Steffen Schnepf den auf neun Monate geplanten Bauvorgang auf der 2,7 Kilometer langen Strecke zwischen Unterer Roggenmühle und dem Ortseingang in Steinenkirch. Außer an den bereits reparierten Einzelstellen werde über die gesamte Länge die Fahrbahn talseitig abgetragen. Das teerhaltige Material, das dabei anfällt, muss als Sondermüll entsorgt werden.

„Es gab vorher ein geologisches Gutachten mit 50 Bohrungen, anhand derer wir wissen, in welcher Tiefe eine tragfähige Schicht kommt, bis zu der wir abgraben müssen. Auf diesem Grund werden dann die Gabionen aufgestellt, die nachher die neue Straße talseitig stützen“, erläuterte der Bau-Fachmann.

Wie aufwendig sich diese einfach anhörende Theorie in der Praxis gestaltet, wurde beim Betreten der kilometerlangen Baustelle anschaulich deutlich. Noch bevor die Ver-Führten weit marschiert waren, mussten sie einem Lkw ausweichen, der mit piepsenden Blinkern rückwärts bis zur aktuellen Baugrube fuhr. „Wer hier nicht wirklich den Lkw beherrscht, braucht nicht zu fahren. Es gibt auf der Strecke keine Wendemöglichkeiten“, sagte Schnepf. Es sei ein logistischer Großaufwand, zu organisieren, wann welcher Lkw aus welcher Richtung für Nachschub sorge.

Immer wieder stoßen die Strabag-Wühlmäuse auf Untergrund unter dem hangseitigen Straßenteil, der aus Kies oder losem Gestein besteht. „Um hier die Tragfähigkeit der Straße und die Sicherheit unserer Leute zu gewährleisten und zu vermeiden, dass der Untergrund nach dem Abgraben der Talseite rausrutscht, arbeiten wir mit diesen U-förmigen Verbauträgern und Verbauplatten. Sie stützen die Baugruben auf der gesamten notwendigen Länge ab“, erklärte Schnepf an dem Teil der Steige, auf dem einige Verbauträger bis zu ihrem Einsatz gelagert wurden.

Für die Besucher war es faszinierend zu sehen, bis in welche Tiefen die Bauarbeiter graben mussten, bevor sie auf festen Grund stießen. „Am tiefsten Punkt mussten wir fast sechs Meter abgraben“, sagte der Baustellen-Führer. An dieser Stelle stapeln sich die Gabionen in vier Lagen. Die mit Steinen gefüllten Drahtkörbe stehen auf Schottermaterial, das als Ausgleichsschicht auf den Untergrund aufgetragen wird. Darauf wird noch eine Drainage-Betonschicht aufgetragen, die Wasser durchlässt. Falls Wasser in den Untergrund sickert, wird es über eine Neigung Richtung Hang in ein Sickerrohr geleitet, von wo aus es ablaufen kann.

„Als Straßenrandeinfassung wird ein Betonkopfbalken mit den oberen Gabionen verbunden“, erfuhren die Zuhörer – und konnten im Lauf der Strecke nach unten sämtliche Phasen der Baumaßnahmen nachvollziehen. Während oben noch nicht abgegraben ist, werden in etwa der Mitte der Steige momentan die Gabionen am Rande des Abgrunds mit Gestein befüllt. Im unteren Teil stehen die mit Schutzvlies abgedeckten Felskörbe bereits, der Zwischenraum zum verbleibenden Straßenteil ist aufgefüllt. In die Gabionen einbetonierte Stahlstangen warten in Reih und Glied, bis der Betonkopfbalken mithilfe eines „Gleitschalungsfertigers“ – also ohne Schalung – aufgetragen wird. „20 Meter schafft ein solcher Gleitschalungsfertiger in der Stunde, der Beton wird so hart aufgetragen, dass er auf Anhieb standfest ist“, beschrieb Reiner Bihr. Im unteren Bereich der Steige ist auch bereits der Asphalt der hangseitigen Straße abgefräst. Am Ende der Baumaßnahme, die – wie es momentan aussieht – pünktlich bis Dezember vollendet werden kann, erhält die gesamte Strecke eine neue 22 Zentimeter starke Asphaltauflage ohne Mittelnaht.

Am Ende waren die Besucher nicht nur informiert, sondern begeistert von einer dreistündigen Live-Anschauung, die keinen im Zweifel ließ, dass eine solche Baumaßnahme nicht in kürzerer Zeit durchgeführt werden kann.

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