Barbarossa innerlich zerrissen

Bei den Adelberger Freilichtspielen wurde der Mythos um Barbarossa mit einem Musical von Gunnar Kunz und Hans-Ulrich Pohl zum Leben erweckt - bei Bruthitze am Freitag und schwerem Unwetter am Samstag.

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Wäre es nicht gar so heiß gewesen - die hinter der Ulrichskapelle untergehende Sonne wäre das perfekte Szenenbild für die Morgendämmerung im von Nebelschwaden durchwaberten Wald. Während kreischende Raben flatternd dem Morgentanz frönen, fächeln schwitzende Zuschauer nach Luft und schützen die Augen vor blendenden Sonnenstrahlen. Open-Air hat auch bei grandiosem Wetter Tücken.

Dafür kommen die auf mehreren Ebenen angesiedelten Schauplätze in der historischen Kulisse ohne Vorhang aus und vermitteln eine Atmosphäre, die keine Halle bietet. Vor allem als sich die Dämmerung über das Geschehen legt und Lichteffekte Bühnenbilder, Kostüme und monumentale mittelalterliche Szenen richtig zur Geltung bringen.

Ein Kaiser im Wechselbad der Gefühle. Das Szenarium wird durch unzählige kleine Rollen belebt. Bäume, Tiere, Soldaten, Bedienstete, Bevölkerung, ein wuselnder Markt, Spielleute, Akrobaten, spielende Kinder, Wirtshausrunden, Kampfgetümmel - auf verschiedenen Schauplätzen pulsiert das Leben. Dazwischen durchleiden Barbarossa und ihm Nahestehende Wechselbäder der Gefühle. Den Darstellern gelingt es, das Publikum in die Gefühlswelten des vor Emotionen strotzenden Musicals - einer Melange aus Historie und Fiktion - eintauchen zu lassen. Stimmlich wie schauspielerisch überzeugend, verkörpert Peter Bold den innerlich zerrissenen Barbarossa, auf der Suche nach sich selbst und dem heiligen Gral. "Nie hört Ihr mir zu", klagen sich Barbarossa und seine erste Frau Adela (Bianca Spiegel) singenderweise des gegenseitigen Desinteresses an, bevor Barbarossa Adela großmütig seinem sonst so prinzipientreuen Nebenbuhler Ritter von Ravensburg (Darko Domajnko) überlässt.

Hat der nicht gerade noch einem lebenslustigen Mönch, der die Freuden des Lebens für gottgegeben hält, etwas von Verzicht und Regeln erzählt? Christian Mehring, der vor Lebenslust nur so sprüht, spielt die Rolle des Mönchs perfekt. Genau wie Florian Voigtländer den intriganten Abt Burkhardt, der mehr als einmal für Tragisches verantwortlich ist.

Vielzahl an großen und kleinen Hinguckern. Er füllt die Rolle des zunehmend wahnsinniger werdenden Vasallen des Papstes fast aus, als sei er dessen Inkarnation und treibt Barbarossas treuen Freund Anselm (Armin Österle) in den Freitod.

Das Mysterium der großen Liebe offenbart sich Barbarossa in Beatrix, überzeugend dargestellt von Kathi Pohl und Anica Landrichter. Wegen ihres Einflusses auf den Kaiser, wird sie vom Abt vergiftet.

Das Musical bietet über drei Stunden eine Vielzahl an kleinen und großen Hinguckern. Besonders zu erwähnen ist die gekonnte akrobatische Einlage beim Kerzentanz und der Auftritt der Mystikerin, die Barbarossa klar macht, dass er den Gral in sich selbst suchen muss. Mit ihrer großartigen Stimme jagt Laura Carrino dem Publikum trotz Hitze kalte Schauer über den Rücken.

Hart auf die Probe gestellt - das Sitzfleisch des Publikums. Nicht nur die breit angelegte Szenerie mit den teils weiten Wegen, auch das Stück selbst birgt "Längen", derer es nicht aller bedarf. Ein paar kleine Kürzungen zugunsten eines etwas späteren Beginns und alles wäre perfekt gewesen.

Die Wetterkapriolen brachten dann am Samstag die Freilichtspiele gehörig durcheinander: Nach der sommerlich heißen Premiere am Freitag machte den Darstellern und Besuchern bei der zweiten Aufführung des Musicals ein Unwetter mit Blitz, Donner und Starkregen zu schaffen, wie unser Leserfoto zeigt.

Info Die für heute geplante Aufführung des Musicals "Kennt Ihr Blauland" haben die Organisatoren wegen des nassen Bodens "aus Rücksicht auf die Kinder" in die Stadthalle Göppingen verlegt. Beginn ist um 15.30 Uhr

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