Aufgalopp im Windpark

Der mit 19 Rotoren größte Windpark des Landes hat nun offiziell den Betrieb aufgenommen. Der Ministerpräsident drückte im Wald bei Lauterstein auf den roten Knopf.

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Einen Tag zuvor bei der Grundsteinlegung für den ungeliebten Stuttgarter Tiefbahnhof hatte der Ministerpräsident noch gefehlt. Doch zur Einweihung des Windparks bei Lauterstein rollte am Samstag die dunkelgrüne Limousine des Regierungschefs durch den ebenso dunkelgrünen Wald. Am Ende der Fahrt in den östlichen Zipfel des Landkreises Göppingen wartete ein politisches Heimspiel auf Winfried Kretschmann: Hier war ihm der Rückenwind sicher.

Windkraftgegner waren weit und breit nicht zu sehen. Die Pojektpartner feierten die Einweihung der Anlage in einem Festzelt mit gut 1000 Besuchern. Die verspeisten unter anderem große Mengen kostenloser „Windbeutel“ und „Windräder“. Die örtlichen Musikkapellen beschallten die Szenerie, die Kinder sangen Lieder von Wind und Wetter.

Der hiesige Windpark sucht in Baden-Württemberg seinesgleichen. Jede der 19 Anlagen ist mit 200 Meter Gesamthöhe bis zur Rotorenspitze fast so hoch wie der Stuttgarter Fernsehturm. 16 dieser ökologischen Schwergewichte stehen auf Lautersteiner Gemarkung, drei weitere kommen demnächst auf der Gemarkung Bartholomä hinzu. Die Mehrzahl der Windräder hat die Firma WPD Onshore finanziert, drei das Geislinger Albwerk. Investitionssumme:  80 Millionen Euro. Hier soll einmal der Strombedarf für zigtausende Menschen gedeckt werden.

"...der sieht sich eines Besseren belehrt"

Kein Wunder, dass der Stuttgarter Regierungschef zwar gewohnt behäbig, aber gut gelaunt am Rednerpult stand. Denn mit dem Windstrom ist auch seine persönliche politische Karriere eng verzahnt. Kretschmann erinnerte an die 90er Jahre, als er Vorsitzender des Umweltausschusses des Landtags war und die Umstellung auf regenerative Energien als „Tagträumereien“ abgeschmettert wurden. Ein Abschalten von Atomkraftwerken war unvorstellbar. „Das Unvorstellbare ist wahr geworden“, frohlockte Kretschmann. „Wer jetzt noch behauptet, dass die Windkraft in unserem Land keine Chance hat, der sieht sich eines Besseren belehrt.“ Dezentrale Anlagen mindern das Problem mit den ungeliebten Stromtrassen von Nord nach Süd. Nur zähneknirschend habe er dem „Minimalkonsens“ bei der neuen Verordnung über erneuerbare Energien zugestimmt, mit der der weitere Ausbau der Windkraft wohl etwas gedrosselt werde. Schließlich habe das Hochtechnologieland Baden-Württemberg auch eine Vorbildrolle, so Kretschmann: „Wenn wir zeigen, dass Windenergie nicht nur gut für die Umwelt ist, sondern für Prosperität und Wohlstand sorgt.“

Zwei Pfarrerinnen erteilten den  Riesen-Windrädern ihren Segen. Dann drückte Kretschmann zusammen mit Umweltminister Franz Untersteller, der ebenfalls auf den Albuch gekommen war und mit den anderen Partnern auf den roten Knopf. Die gigantischen Rotorblätter setzten sich ganz allmählich in Bewegung. Die 18 anderen Kolosse waren vom Festplatz aus allerdings nicht zu sehen. Denn der Windpark erstreckt sich über ein großes Waldgebiet. Unter jedem Windrad liegt eine Schotterfläche, auf der man fast ein Fußballspiel austragen könnte. Insgesamt wurden für Wege und Aufstellflächen sieben Hektar Wald gerodet. 120 Kilometer Kabel schlummern nun im Boden.

"Keine windigen Gesellen" im Gemeinderat

In Lauterstein, das wurde in den vielen Ansprachen und Grußworten immer wieder deutlich, zogen beim Thema Windkraft alle an einem Strang. Lautersteins Bürgermeister Michael Lenz betonte, bei diesem größten Investitionsprojekt in der Geschichte der Stadt seien die Bürger von Anfang an mitgenommen worden – in unzähligen Infoveranstaltungen und Gesprächen. Alles sei sehr transparent zugegangen. Schon die Baustelle habe sich zum wahren Publikumsmagnet entwickelt. Einwendungen habe es kaum gegeben, freute sich Michael Lenz und scherzte: Schließlich sei der Bürgermeister „kein Luftikus“ und im Gemeinderat säßen „keine windigen Gesellen“.

Der Göppinger Landrat Edgar Wolff bestätigte, dass eine solche fast geschlossene Zustimmung, die  in Lauterstein zu beobachten war, beileibe keine Selbstverständlichkeit sei. Er selber habe kürzlich 1100 Unterschriften gegen neue Windkraftanlagen im Schurwald entgegengenommen. Viele der Unterzeichner fürchten unter anderem, dass die riesigen Windräder die Landschaft kaputt machen. Deshalb gelte es, auf möglichst viel Akzeptanz in der Bevölkerung zu achten und die Bedenken der Menschen ernst zu nehmen, so Wolff. Der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien bleibe aber eine „gesamtgesellschaftliche Aufgabe“ und sei folglich auch eines der Schlüsselthemen im Landkreis. Mit dem neuen Windpark steige die Zahl der Anlagen auf 42. Weitere 34 befänden sich in der Genehmigungsphase, berichtete der Landrat.

All das hätte Kretschmann sich sicher gerne noch angehört. Doch da war die dunkelgrüne Regierungslimousine schon längst wieder im dunklen Tann verschwunden.

„Lauterstein ist  Energiewende-Hauptstadt“

Wandel Wie sehr der politische Wind in den vergangenen Jahren gedreht hat, verdeutlichte Dr. Hartmut Brösamle, Chef der Windpark-Firma WPD, in seiner Ansprache. Denn schon vor 20 Jahren hatte er den Höhenzug bei Lauterstein-Weißenstein zum ersten Mal als möglichen Windkraftstandort ins Visier genommen und war bei der örtlichen Bevölkerung bereits damals auf Zustimmung gestoßen. Doch dann rollte die Politik dem Unternehmen viele Steine in den Weg. Es folgte ein teurer und frustrierender Klagemarathon.

Lob Erst durch die Energiewende sei der Traum jetzt endlich möglich geworden. Brösamle: „Lauterstein ist ab heute die Energiewende-Hauptstadt im Ländle“. Das Göppinger Landratsamt bezeichnete er als „die beste Genehmigungsbehörde in Deutschland“.

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Kommentare

22.09.2016 19:01 Uhr

fehlt nur noch der Wind!!

Auslastungsgrad der WKAs in Württemberg wohl um lumpige 13%. Z.B. stehen zur Zeit der Niederschrift gerade wieder alle 6 WKAs bei Schwäbisch-Hall/Michelbach mucksmäuschenstill. Normalzustand! Die Sonne geht gerade unter u.wo kommt der Strom her? Braunkohle oder Atom. Lächerliche Symbolpolitik!

Aber anscheinend lassen sich immer noch genug grünangehauchte- oder Einfaltsschwaben gerne von den Märchen des anscheinend Cheflobbyisten der Windindustrie, Opa Kretschmann, in den Schlaf singen.

Deutschland hat jetzt bereits genug Kapazität an Solar- u. Windstrom um den Strombedarf auch an einem Werktag abzudecken. Theoretisch! Um die 33 % wird wohl der aktuelle EEG-Anteil an der Stromproduktion in Deutschland sein. Davon ziehen Sie 15 % Anteil von Wasserkraft und Biogas ab (Zahlen aus dem Gedächtnis) u. Sie wissen, was WInd u. Solar bringen. Ein Witz, aber laßt uns weiterhin ungebremst Windkraft zubauen!

Bizarr, wie hierzulande mittlerweile der Fisch vom Kopfe stinkt!

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22.09.2016 17:28 Uhr

Blödsinn...

... wird hier mal wieder verzapft. All die Windräder ersetzen kein einziges Kern- oder Kohlekraftwerk, denn wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, stehen die Anlagen nur rum und verschandeln die Umwelt. Insofern wird auch durch die Windräder kein Zentimeter Netz eingespart - ganz im Gegenteil, es wird erforderlich, zum Einsammeln und Verteilen des Flatterstroms eine doppelte Netz-Infrastruktur aufzubauen.

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