Flüchtlingskinder finden Vertrauen auf dem Rücken der Pferde

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Die Pferde steigern das Selbstbewusstsein und die Sprachfähigkeit der Kinder. Foto: Sabine Ackermann  Foto: 

Vorsicht, Abdulla, du musst aufpassen. Geh bitte von hinten nicht so nah ans Pferd, komm immer von vorne“, warnt Petra Schubert in ruhigem Ton. Auch wenn sie die Freude an den Pferden nachvollziehen kann, weiß die erfahrene Dressur-Reiterin um die Gefahren beim falschen Annähern an ein Pferd. Zudem trägt sie als Klassenlehrerin eine große Verantwortung, denn für den Neunjährigen und seinen jüngeren Bruder Udei ist noch vieles fremd.

Das Geschwisterpaar gehört wie Sahel, Ranj, Youssef sowie die Mädchen Fara und Sidra zu der Grundschul-Vorbereitungsklasse der Uhinger Hieber-Gemeinschaftsschule. Die Kinder kommen aus Afghanistan, Syrien und dem Irak, Jungen und Mädchen im Alter zwischen sieben und elf Jahren und alle mit Kriegs- und Fluchterfahrungen. Seit September besuchen sie den Unterricht, leben mit ihren Familien in Uhingen in verschiedenen Unterkünften, manche haben schon eine Wohnung.

Als Jugendausschuss-Vorsitzende kümmert sich Petra Schubert um die gemeinsamen Interessen der Jugend im Pferdesport des Landesverbands Baden-Württemberg e.V., aber auch gegenüber den Behörden und der Öffentlichkeit. Insofern lag ihre Idee nahe, traumatisierten Kindern in der Begegnung mit Pferden ein positives Erlebnis zu verschaffen. Und wer Schulleiterin Claudia Leber kennt, weiß, dass sie für ein Okay nicht erst lange überlegen musste.

Schon seit längerem mache man mit der Tiergestützten Pädagogik sehr gute Erfahrungen, berichtet die Leiterin der Gemeinschaftsschule. Bis dato lernen die Kinder von und mit Hunden und Kaninchen, nun sind es Pferde, die das Selbstbewusstsein stärken, ihre Sprachfreude und -fähigkeit steigern sowie Gruppengefühl und Hilfsbereitschaft aktivieren sollen. „Die Kinder lernen wieder, Bitte und Danke zu sagen, und zeigen viel freundlichere Umgangsformen“, freut sich Diplompädagogin Sabine Höflinger, die ebenfalls wie Klassenlehrer Hartwig Stahl die Vorbereitungsklasse unterstützend begleitet. Inzwischen macht sich die kleine Gruppe mit den Schulpferden vertraut, die von erfahrenen Badhof-Mitarbeiterinnen geführt werden.

Ziemlich kalt ist es in der Reithalle, sechs Grad minus zeigt das Thermometer an. Die dunkle Prince mit der weißen Blesse ist mit 24 Jahren die älteste Stute, dagegen sind Sheron und Pia, 13 und zwölf Jahre alt, nach menschlichem Ermessen quasi mitten in der Pubertät. Doch das erste Kennenlernen klappt prima, die Tiere lasen sich streicheln, sind ganz entspannt.

„Unsere Schulpferde sind Kinder gewohnt“, verrät Badhof-Besitzerin Tanja Müller, die ständig kleine Pferdefreunde um sich hat und jede Woche mit einem Pony einen Kindergarten in der Umgebung besucht. „Ich will das“, zeigt Ranj auf das größte Pferd und bekräftigt auf Nachfrage: „Ich habe keine Angst.“ Und wirklich, Furcht zeigt keines der Kinder, nicht mal ein kleines bisschen Bammel haben sie vor den großen Tieren. „Viele Kinder sind zu Hause in ihrem Heimatland schon geritten“, weiß Sabine Höflinger.

Während die einen reiten, werden andere mit den üblichen Arbeiten eines Reiterhofs beschäftigt. „Wer will die Pferdeäpfel aufsammeln?“, fragt Schulsozialarbeiterin Verena Scholz in die Runde. Flugs schnappt sich ein Junge die Schaufel und legt tatkräftig los. „So, jetzt einmal tauschen und die nächsten aufs Pferd“, ruft Petra Schubert zum Wechsel auf. Schließlich soll ja jedes Kind einmal dran kommen. „Super geht das, macht euch groß und ein bisschen lockerer“, motiviert sie die jungen Reiter und ergänzt: „Ihr seid ja wichtig, wir brauchen euch noch.“ Pferde wie Worte kommen an. Die Augen der Kinder leuchten, und beim Gruppenfoto strecken einige sogar ganz übermütig die Zunge raus.

Nach etwa einer Stunde geht es in die warme Reiterstube, bei Tee und Keksen basteln die Jungen und Mädchen Passendes zum Thema und stellen nach ihren Möglichkeiten jede Menge Fragen. „Selbst an den Tagen danach gab es in der Vorbereitungsklasse nur ein Thema: Pferde“, verrät Sabine Höflinger auf Nachfrage lachend.

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