Architekt spricht von Affront

Der Planer der neuen Klinik am Eichert, Manfred Ehrle, kann sich nicht vorstellen, dass die Pläne zum Erhalt des Altbaus ernst gemeint sind.

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Manfred Ehrle, der Architekt der neuen Klinik am Eichert, hält den Fortbestand des Altbaus für unmöglich – die Idee sei „ein Störfeuer“ und baurechtlich ohnehin nicht umsetzbar.  Foto: 

Mit Manfred Ehrle hat niemand gesprochen. Aber von seinem Schreibtisch in einem Büro in der Stuttgarter Innenstadt verfolgt er aus der Ferne, was sich gerade in Göppingen abspielt. Ehrle ist Architekt, Geschäftsführer der Arcass Planungsgesellschaft, und plant derzeit den Neubau der Klinik am Eichert. Mehr oder weniger zufällig hat er von den Plänen des Göppinger Unternehmers Johannes Krauter erfahren, der die bestehende Klinik vor dem Abriss retten will und dort Wohnungen und ein Hotel unterbringen möchte. „Ich kenne den Herrn Krauter nicht“, sagt Ehrle. „Aber das kann einfach nicht ernst gemeint sein.“

Ende 2012 hat der Kreistag den Abriss des Altbaus aus den 1970er-Jahren beschlossen. Vor einer Woche wurde bekannt, dass Krauter – Chef der gleichnamigen Fabrik für elektrische Antriebe und Immobilieninvestor – das Gebäude erhalten und für 70 bis 90 Millionen Euro runderneuern will. Auf bis zu 420 Millionen Euro taxierten die Verantwortlichen 2012 den Preis für eine Komplettsanierung des Gebäudes.

„Das ist ein ungeborenes Kind, das zum falschen Zeitpunkt ans Tageslicht kommt“, meint nun Architekt Ehrle zu Krauters Idee. „Denn wenn das Haus da jetzt so bliebe, wäre das für uns eigentlich ein Affront.“ Die Planungen beinhalten unter anderem einen Patientenpark an der Stelle des Altbaus. So ein Großprojekt sei ohnehin immer schwer durch- und umzusetzen, sagt Ehrle und findet: „Da braucht man jetzt kein Störfeuer.“

Für den Stuttgarter Architekten ist klar, dass Krauters Pläne, sollten sie denn wahr werden, Einfluss auf das Neubauprojekt hätten: „Die Planung würde natürlich in Frage gestellt, wenn das Gebäude stehenbliebe.“ Der Zeitplan sei im Moment ohnehin eng getaktet. „Wir sind auf Kurs, aber was das Störfeuer von Johannes Krauter bedeutet, muss die Stadt entscheiden.“ Denn Göppingen ist für den Bebauungsplan und die Baugenehmigungen zuständig. Ehrle kann sich aber nicht vorstellen, dass der Altbau stehen bleibt: „Weil ich nicht glaube, dass das baurechtlich überhaupt möglich ist.“

Daran hat auch OB Guido Till seine Zweifel. Am Donnerstag hat Krauter ihm und Baubürgermeister Helmut Renftle seine Idee zweieinhalb Stunden lang präsentiert. „Das Gespräch hat aber nichts daran geändert, dass sich Oberbürgermeister Guido Till eine derart massive Bebauung dort nicht vorstellen kann“, teilt Rathaussprecher Olaf Hinrichsen mit. „Seine Skepsis ist geblieben.“

Ein KOMMENTAR von Helge Thiele: Bruchlandung mit Ansage

Lange nicht hat ein Thema die Bürger im Landkreis so beschäftigt wie die Idee, die bestehende Klinik am Eichert nicht abzureißen, sondern umzubauen und für Wohnungen und ein Hotel weiterzunutzen. Gestern vor einer Woche war hinter verschlossenen Türen im Kreistag bekannt geworden, dass der Göppinger Unternehmer Johannes Krauter 70 bis 90 Millionen Euro in den Altbau investieren will. Sogar ein Architektenbüro hat der potenzielle Investor schon beauftragt. Nur, er hat dies im Alleingang getan. Entsprechend groß waren und sind die Zurückhaltung und Irritationen in der Chefetage der Alb-Fils-Kliniken, beim Landrat, den Kreisräten, dem Göppinger Oberbürgermeister sowie den Göppinger Stadträten. Letztere fühlen sich völlig übergangen, was verständlich ist. Schließlich ist die Stadt die zuständige Planungsbehörde für alle baurechtlichen und städtebaulichen Fragen zum Klinikneubau. Der
Gemeinderat müsste gegebenenfalls grünes Licht für das  Projekt von Johannes Krauter geben. In den vergangenen Tagen wurde schnell deutlich: Neben der Kritik an Krauters Umgang mit den Kommunalpolitikern gibt es auch stärkste Zweifel an der Umsetzbarkeit. Der Planer des Klinikneubaus, Manfred Ehrler, spricht gar von einem „Affront“, wenn die alte Klinik stehen bliebe.

Keine Frage, auf den ersten Blick hat es Charme, sich vorzustellen, ein an und für sich funktionstüchtiges elfstöckiges Gebäude zu erhalten, statt es für zehn Millionen Euro oder mehr dem Erdboden gleichzumachen. Die Stadt könnte neuen Wohnraum gut gebrauchen, auch kliniknahe Dienstleistungen wären im Altbau sicherlich gut unterzubringen. Doch zu dem jahrelang mit großem Aufwand ausgetüftelten Konzept des Klinikneubaus passt Krauters Vision kaum. Baurechtlich sind die Hürden immens. Zudem wäre der  Koloss des Altbaus neben der neuen Klinik nicht nur unansehnlich, er würde auch alle Kriterien für eine sozial ver­trägliche Quartiersgestaltung in Frage stellen. Darüber hinaus verlöre die neue Klinik ihre
Flächen für Grünanlagen oder eine spätere  Erweiterung.

Der Landkreis ist für den  – aktuell – rund 340 Millionen Euro teuren Klinikneubau auf einen kräftigen Landeszuschuss angewiesen, über den 2018 entschieden wird. Das Land plant quasi mit. Diese Gemengelage und die Kritik der letzten Tage lassen Krauters gut gemeintes Projekt aus heutiger Sicht als sehr unrealistisch erscheinen.

Fett Text

Vermarktung Als „Projektpartner“ hat Unternehmer Johannes Krauter vor wenigen Tagen die Kreissparkasse Göppingen (KSK)  beziehungsweise deren Tochterfirma „Fachpartner Gewerbeimmobilien“ (FGI) bezeichnet. KSK-Pressesprecher Thomas Wolf weist dies zurück: „Wir sind nicht der Projektpartner.“ Vielmehr sei die FGI wegen einer möglichen späteren Vermarktung der Immobilie von Krauter angesprochen worden. 

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