Annelie Keil über Lebenskompetenz, Humanität und Alter

Prof. Dr. Annelie Keil (75) ist Gesundheitswissenschaftlerin, Politikwissenschaftlerin und Soziologin. Nach ihrer Emeritierung 2004 an der Bremer Universität hält sie weiter Vorträge zu Lebensfragen, engagiert sich gegen die Ausgrenzung von Menschen.

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    Prof. Dr. Annelie Keil (75) ist Gesundheitswissenschaftlerin, Politikwissenschaftlerin und Soziologin. Foto: 
  • Das Bild entstand im Skulpturengarten "Pacem in Terris" von Warwick im US-Staat New York. 2/2
    Das Bild entstand im Skulpturengarten "Pacem in Terris" von Warwick im US-Staat New York. Foto: 
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Sie sind 1939 geboren. Was waren Ihre prägendsten Kindheitserfahrungen?

ANNELIE KEIL: Ich wurde in Berlin als uneheliches Kind geboren und von meiner Mutter in ein Kinderpflege- und Waisenheim der NSDAP gegeben. Das gesamte Heim mit etwa 40 Kindern wurde dann nach Polen deportiert - und ich habe von 1940 bis 1945 in einem Heim in Polen gelebt. Und da sind mir die beiden Kinderschwestern Tante Ilse und Tante Ichen in lebendiger Erinnerung, denn jedes Kind bekam zum Beispiel abends einen Gutenachtkuss, egal ob es etwas ausgefressen hatte oder nicht. Meine Mutter holte mich dann am 17. Januar 1945, meinem Geburtstag, aus dem Heim heraus - ich kannte sie schon aus Besuchen -, weil sie dachte, es fliehe sich mit einem Kind leichter. Der Abschied vom Heim, den Kindern und den beiden Tanten fiel mir sehr schwer. Wir haben zusammen geweint. Und dann bin ich an der Hand meiner Mutter, einer für mich relativ fremden Frau, zum Bahnhof gewandert, um in einem der Güterzüge die Flucht anzutreten. Meine Geburtstagstorte zog ich auf dem Schlitten hinter mir her. Die Züge blieben stecken, es ging dann zu Fuß weiter.

Erinnern Sie sich an ein schönes Kindheitserlebnis?

KEIL: Das war in der Kriegsgefangenschaft. Ich klaute Brot im Casino des Lagers und ein russischer Offizier erwischte mich. Während er mich am Kragen hält, fängt er an zu weinen. Er hatte Frau und Kinder in Stalingrad durch die deutsche Armee verloren. Für ihn wurde ich offensichtlich zu seiner kleinen Tochter. Wir wurden enge Freunde und er ein Vaterersatz für mich. Als er zurück nach Russland musste, hat er mir dann zum Abschied eine Trillerpfeife geschenkt. Auf der sollte ich immer, wenn ich Angst hatte, pfeifen, dann käme er, um mir zu helfen.

Erinnern Sie sich an ein schlimmes Kindheitserlebnis?

KEIL: Es war 1945 auf der Flucht. Wir versuchten, in einem kleinen Treck irgendwie nach Westen zu kommen. Da gab es eine Frau, die mit Heil-Hitler-Grüßen auf russische Panzer zu rannte, die sie mit deutschen Panzern verwechselt hatte. Und dann wurde sie neben mir erschossen. Ich war damals 6 Jahre alt.

Wenn ich mir Ihren dicht gedrängten Terminkalender und die vielen Orte anschaue, an denen Sie Vorträge halten, denke ich mir, diese Frau wird gar nicht älter.

KEIL: Mein heutiges Arbeitspensum zeigt eine Frau mit viel Liebe und Leidenschaft zu ihrer Arbeit. Viele Leute in meinem Alter privatisieren, suchen sich einen Ausgleich oder fühlen sich ausgeschlossen. Für mich war nach der Pensionierung nur das Ende der Erwerbsarbeit, nicht das Ende der Arbeit angesagt. Es warten so viele Aufgaben und Möglichkeiten auf uns, um sich zu engagieren und weiter zu tun, was Freude macht. Allerdings schaue ich bei meinen Vortragsreisen und auch den anderen Unternehmungen genau, was ich in meinem Alter noch machen kann und was nicht.

Sie sind Gesundheitswissenschaftlerin. Was machen Sie da?

KEIL: Es geht mir in meiner Forschungs- und Lehrpraxis darum, was und wie Krankheits- und Gesundheitsverläufe mit der Lebensbiographie zu tun haben. Gesundheit ist keine Ware, die man kaufen kann, sondern eine Lebenskompetenz, die man entwickeln kann und jeden Tag weiter mit Blick auf das eigene Wohlbefinden im Auge behalten muss. Es handelt sich in meinen Arbeitsfeldern um den ganzen Bereich der psychosomatischen Medizin, der sozialen Lebenslagen, der seelischen Erkrankungen, der Psychiatrie und in den letzten Jahren vor allem um die Fragen des begleiteten Sterbens, der Hospizarbeit und der Palliativmedizin.

Was hat Sie als Studentin dazu bewogen, Politikwissenschaft, Soziologie und Pädagogik zu studieren?

KEIL: Ich wollte als Kriegskind, als uneheliches Kind, als Kind einer Sozialhilfeempfängerin und dann noch als Flüchtling schon in den 50er Jahren die Welt verändern. Ich will bis heute, dass sie anders wird, gerechter und menschlicher, damit zum Beispiel Menschen, die als Flüchtlinge zu uns kommen, einen Lebensort finden - so wie ich nach dem Zweiten Weltkrieg hier im Westen.

Welche Forschungsgebiete haben Sie als Professorin an der Universität Bremen bearbeitet?

KEIL: Biographie- und Lebensweltforschung, die Bereiche der Prävention, der Gesundheitsförderung wie der Rehabilitation. In der Gesundheits- und Krankenforschung stand für mich immer der erkrankte Mensch und nicht nur seine Krankheit im Mittelpunkt. Nicht ein Organ wird krank, sondern der ganze Mensch erleidet eine Krankheit.

Ihre Wissenschaftsposition ist, sagen wir mal, etwas ungewöhnlich, wenn Sie erklären: "Ich bin eine Wissenschaftlerin, die zu den Menschen geht und ihre Fragen aufnimmt."

KEIL: Das ist meine Grundüberzeugung, deshalb bin ich auch 1971 zur Gründung der Universität nach Bremen gegangen. Ich wollte Wissenschaft problemorientiert und praxisnah betreiben, wollte mich und die Studierenden schon früh mit ihren zukünftigen Berufsfeldern konfrontieren. Keine Einzelwissenschaft kann Lebensprobleme lösen. Wir müssen interdisziplinär forschen und lehren.

Ihre Einstellung zum Thema "Fragen und Antworten"?

KEIL: Die Schöpfung oder der Urknall hat uns die Sehnsucht nach einer Gebrauchsanweisung oder nach einer Erklärung mitgegeben. Denn wir kommen ungefragt auf die Welt und müssen herausfinden, warum wir hier unsere Runden drehen. Wir werden ungefragt in ein Land, eine Zeitgeschichte und auch in eine spezifische Familie hineingeboren. All das ist erklärungsbedürftig, muss gefühlt und ausgehalten werden.

Was meinen Sie mit Ihrer Aussage beziehungsweise Frage: "Bin ich der Schlafsack meiner Seele?"

KEIL: Kinder fragten ja oft, was die Seele sei. Die Frage ist, wer dient wem. Die drei großen Elemente Körper, Geist und Seele wurden früher auseinandergenommen. Heute wenden wir uns wieder der Einheit zu. Also: Wohin gehen die Gefühle, wenn sie ihre Ruhe haben und schlafen wollen.

Sie haben die "Mood Tour" unterstützt. Was ist das?

KEIL: Das ist ein wunderbares Projekt, das ein junger Mann, Sebastian Burger, entwickelt hat, um zum Beispiel mit Hilfe einer großen Radtour durch Deutschland gegen die Diskriminierung und Ausgrenzung von depressiven Menschen zu protestieren und die Depression zu einem wichtigen Thema in der Gesundheitsreform zu machen. Schon Kinder und Jugendliche, aber zunehmend auch viele alte Menschen leiden unter Depressionen und brauchen Achtsamkeit, Respekt und Hilfe.

Warum engagieren Sie sich in der Hospizbewegung und im "Palliativ Care" in Bremen?

KEIL: Ich habe an der Universität Bremen ein berufsbegleitendes Weiterbildungsstudium Palliative Care gegründet, das Angehörige verschiedener Berufe wie Ärzte, Pflegende, Psychologen oder Sozialarbeiter gemeinsam auf die Aufgabe vorbereitet, schwerst kranke und sterbende Menschen in ihrer letzten Lebensphase zu begleiten. Eine Gesellschaft zeigt ihre Humanität, wie sie Eltern und Kinder am Anfang des Lebens und Sterbende gegen Ende ihres Lebens unterstützt. Und neue Aufgaben kommen auf uns zu: Dementielle Menschen und Obdachlose nehmen zu und müssen begleitet werden. Wo Tabus, soziale Ausgrenzungen und Ungerechtigkeit herrschen, da fühle ich mich gefordert.

Sie sind für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Warum?

KEIL: Ich teile nicht die Skepsis, das die Menschen dann größtenteils nicht mehr arbeiten wollten. Es geht darum, dafür zu sorgen, dass Menschen überhaupt leben können und dass Ausbeutung, Armut und seelische wie geistige Verelendung, egal ob für Kinder, Erwachsene oder Alte, aufhören und nicht die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft nehmen.

Sie haben 2004, als Sie in den Ruhestand gingen, das Bundesverdienstkreuz bekommen. Wofür?

KEIL: Für meine vielen sozialen Projekte und mein bürgerschaftliches Engagement im sozialen wie im Bildungsbereich im In- und Ausland. Ohne diese Projekte und die mit ihnen verbundenen Erfahrungen und Begegnungen wäre ich nicht die, die ich geworden bin. Dafür bin ich sehr dankbar.

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