Allmählich weicht die Angst

Was sie in Syrien durchgemacht haben, können sich hier nur Menschen vorstellen, die den ZweitenWeltkrieg noch miterlebten: Die syrische Familie Gabriel sucht in Deutschland Schutz vor Terror.

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Nour (links) und ihr Bruder Gabriel sollen nicht nur unbeschwert spielen, sondern auch wieder ruhig schlafen können: Die in Böhmenkirch aufgenommene Asylbewerberfamilie aus Syrien hofft auf eine sichere Zukunft in Deutschland. Foto: Claudia Burst

Zwei Zimmer, Küche und Bad in einem alten Haus an der Hauptstraße in Böhmenkirch. Gemütlich eingerichtet mit zusammengewürfelten Möbeln. Die Wände weiß tapeziert und von Fahdi Gabriel mit zartroter Farbe geschmackvoll dekoriert. Blumen zieren das Fenster im Wohnzimmer, geschenkte Vorhänge, selber passend gemacht, rahmen es ein.

Fahdi und Kristina Gabriel (Namen von der Redaktion geändert) schlafen mit ihren drei Kindern Meryam (13), Gabriel (8) und Nour (6) in Etagenbetten im einen Zimmer, das andere wird als Wohnzimmer genutzt. "Ja, es ist ein bisschen eng", sagt Fahdi, "aber lieber schlaf ich mit der ganzen Familie in einem Zimmer, als mit viel Angst in einer großen Wohnung!" Der Familienvater meint damit die vergangenen beiden Jahre in seiner Heimatstadt Al-Qamishli im Norden von Syrien. Eine Zeit, die "Syrien um 100 Jahre zurückgeworfen hat: Vorher ging es uns dort gut. Wir hatten als aramäische Christen keine Probleme mit den Muslimen in der Stadt".

Schwager Daniel übersetzt, was Fahdi und Kristina abwechselnd erzählen. Daniel lebt bereits seit fünf Jahren in Villingen-Schwenningen und spricht verständlich deutsch. "Wir hatten täglich Angst", dolmetscht der 23-Jährige: "Gewalt war ständig gegenwärtig. Einmal explodierte in der Baustelle neben der Schule, in die Meryam ging, eine Bombe. Immer öfters kam es vor, dass gewaltbereite Muslime nach dem Moscheebesuch Wohnungen in unserem christlichen Viertel stürmten und alles darin zerstörten. Wenn wir oder die Kinder aus dem Haus gingen, mussten wir häufig Schutz suchen, weil fanatische Christenhasser mit Steinen oder Metallgegenständen auf uns warfen."

Vor allem die Kinder sind von diesen Erlebnissen traumatisiert. Einmal sei ein Bruder von Kristina, einmal ein Cousin von Fahdi entführt und erst gegen eine Lösegeldzahlung wieder freigelassen worden, berichtet Fahdi. "Zu dem Ganzen kommt, dass es seit drei Jahren kein fließendes Wasser und nur noch zwei Stunden Strom am Tag gibt. Alles stinkt und ist verdorben", fügt Daniel hinzu, als die Schwester und der Schwager schweigen.

Fast alle Christen in Syrien seien vor dem Terror inzwischen geflohen. Auch die Gabriels haben sich Anfang des Jahres dazu entschieden. Weil ein Großteil der Familie schon in Deutschland wohnte, trafen die fünf Syrer am 27. Februar in Karlsruhe ein. "Die Lage dort ist schrecklich, das Auffanglager total überfüllt, da lebten noch Ende Februar 15 bis 20 Leute in einem Zimmer", erzählt Daniel, der seine Schwester mit Familie zu sich nach Hause geholt hat und für die Formalitäten mit ihnen immer nach Karlsruhe gefahren ist. Nach vier Wochen wurde den Gabriels eine Wohnung in Böhmenkirch zugeteilt. Dort wohnen sie seit Ende März.

"Sehr, sehr, sehr!", antwortet Kristina auf die Frage, wie es ihr hier gefällt. Sowohl die evangelische Pfarrerin Gabriele Renz als auch ihr katholischer Kollege Michael Kenner hätten sich von Anfang an sehr um sie gekümmert. Katharina Ockert vom Landratsamt habe alles Amtliche "sehr menschlich" geregelt und die Lehrer an der Grund- und Hauptschule wie die Erzieherinnen im katholischen Kindergarten hätten die Kinder liebevoll unter ihre Fittiche genommen. "Die Hilfsbereitschaft war wirklich groß im Dorf und auch auf dem Rathaus handeln alle sehr unbürokratisch", bestätigt Pfarrerin Renz. Viele Möbel oder auch Alltagsgegenstände wie ein Bügeleisen oder der Mixer seien (gebrauchte) Geschenke von Böhmenkirchern. "Meryams Klassenlehrerin Sabrina Schofer hat die 13-Jährige und ihre Mutter mal zum Einkaufen nach Göppingen begleitet und - als es plötzlich nötig war - sogar ins Krankenhaus", erzählt die Pfarrerin. "Und Heinz Sickert bringt uns zweimal in der Woche Deutsch bei", fügt Fahdi Gabriel hinzu. Stolz präsentiert er sein "Deutschheft", in das er Worte aus dem Alltag sorgfältig vom Arabischen ins Deutsche übersetzt.

Jetzt ist es vor allem wichtig, dass alle schnell die Sprache lernen. Das ist Fahdi und Kristina Gabriel klar. Nachdem seit drei Wochen ihr Status als Asylberechtigte anerkannt ist, waren sie auch im Job-Center in Geislingen. Der nächste Schritt ist ein intensiver Deutschkurs, sagt er. Danach werde er sich um Arbeit bemühen. Fahdi Gabriel ist zuversichtlich. Zu Hause, sagt er, habe er Lebensmittel verkauft. Aber er sei handwerklich sehr begabt und praktisch veranlagt. Sobald es mit der Sprache klappe, werde es auch mit der Arbeitsstelle funktionieren. Am wichtigsten sei aber, dass die Kinder nachts wieder ruhig schlafen können. "Langsam hört die Angst auf. Darüber bin ich so froh."

Christen leiden besonders unter dem Bürgerkrieg in Syrien

Die Namen der syrischen Asylbewerber haben wir aus Sicherheitsgründen geändert. Für den Fall, dass die Familie irgendwann zurückkehrt, soll der echte Name nicht "gegoogelt" werden können.

Etwa zehn Prozent der Einwohner Syriens sind Christen. Sie leiden besonders unter dem Bürgerkrieg, der im Zuge des Arabischen Frühlings Anfang 2011 begann. Was als Kampf für eine Demokratisierung Syriens begann, wandelte sich zum Bürgerkrieg aus religiösen und ethischen Gründen. Viele Christen mussten fliehen - vorwiegend in die Türkei, in den Libanon und nach Jordanien, Schweden und Deutschland.

Im Kreis Göppingen befinden sich momentan 32 syrische Asylbewerber und anerkannte Asylberechtigte in zentralen und dezentralen Unterkünften.

SWP

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