INTERVIEW: Fragebögen zu mehr Nachhaltigkeit

In diesen Tagen bekommen die Einwohner im Raum Bad Boll Post von ihrem Verwaltungsverband: wie beurteilen sie die Nachhaltigkeit in der Gemeinde? Dahinter steckt ein großer Ansatz.

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„Wenn wir’s nicht ausprobieren, wissen wir’s nicht.“ Bei der Nachhaltigkeit und Elektromobilität soll der Raum Bad Boll Schrittmacher sein, wünscht sich der Vorsitzende Jochen Reutter.  Foto: 

Der Verband Raum Bad Boll war immer schon tatendurstig. Bei der Elektromobilität bleibt er am Ball: Nach dem gescheiterten Anlauf für einen Elektro-Bürgerbus und der Einführung des E-Bürgerautos „Lorenz“ will er Grundlagen für die Elektromobilität im privaten und gewerblichen Bereich erforschen. Gleichzeitig will er eine Nachhaltigkeitsregion werden.

Herr Reutter, seit Sie sich für die Erarbeitung eines E-Mobilitätskonzepts beworben haben, hat sich die Diskussion um Fahrverbote und die Zukunft des Verbrennungsmotors gewaltig verschärft. Fühlen Sie sich bestätigt?

Jochen Reutter: Die aktuelle Entwicklung zeigt auf, dass das Thema E-Mobilität in den Köpfen der Menschen präsenter denn je ist. Stichwort Diesel. Die Frage ist, wie geht’s mit dem Verbrennungsmotor weiter? Das wird uns sicherlich noch längere Zeit begleiten.

An der E-Mobilität führt kein Weg vorbei?

Ich gehe davon aus, dass die Reise mittel- bis langfristig dahin geht. Nicht von heute auf morgen.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft: Welche Autos fahren die Hattenhofer im Jahr 2027?

In zehn Jahren – eine Prognose zu treffen, ist ausgesprochen schwierig. Aber: Was das Thema Zweitwagen betrifft, wird die E-Mobilität eine hohe Durchschlagskraft bekommen. Vor dem Hintergrund der Reichweite. Man darf auch nicht vergessen: wie läuft es mit der Batterieentsorgung. Frage auch: Wo kommt der Strom her? Aus regenerativen Energien oder aus Kohle?

Dann wäre nur die Abhängigkeit vom Öl verringert.

Man muss das schon in alle Richtungen bedenken. Die Frage ist auch: Wie geht’s weiter mit der Brennstoffzelle? Wenn alles so klar wäre, wär‘s einfach. Die Autoindustrie hat die E-Mobilität aufgegriffen. Die Reichweite, die Ladestationen, das wird zunehmend weiterverfolgt.

Bei der Zweitwagenflotte wollen Sie ja mit ihrem E-Mobilitätskonzept ansetzen.

Uns geht es auch um die gewerblichen Fahrzeuge. Die fahren ja relativ überschaubare Strecken. Das kann sicherlich mit E-Mobilität abgedeckt werden. Dann die private E-Mobilität bei den Zweitwagen. Beim Sharing, beim Autoteilen, kann man sicherlich auch nachhaken.

Sie haben ja schon Erfahrung mit ihrem Elektro-Bürgerauto Lorenz, einem Fahrdienst für alle Verbandsgemeinden. Wie ist es da mit der Reichweite im Winter?

Man merkt den Stromverbrauch von Heizung und Radio, man muss den Lorenz möglicherweise über Mittag zwischenladen. Bei fünf, sechs Fahrten am Tag mag‘s eng werden. Wir haben sehr gute Fahrer, das sind richtige Experten für ökonomischen Fahrstil und Reichweite.

Ihnen schwebt noch anderes vor: Dass sie eruieren, wieweit Privatleute für ihr Elektroauto Fotovoltaik an der Garage oder am Haus anbringen können und wollen, um sich möglichst selbst mit Strom fürs E-Mobil zu versorgen.

Wir waren in der Energiegemeinde Wildpoldsried bei Kempten. Da hat einer Fotovoltaik als Balkonverkleidung genommen. So geht’s auch. Klar, der nächste Punkt ist die Speicherung.

Es gab schon den Einwand vom Energiespartüftler Kurt Ulmer aus Zell, es wird mit den Flächen nicht reichen.

Kann sein. Aber Flächen gibt’s genügend. Wenn wir‘s nicht ausprobieren, wissen wir es nicht. Zwei Erfahrungen bewegen mich. Die Entwicklung des E-Fahrrads, die wir Verbandsgemeinden mit Leihfahrrädern gefördert haben, war ein durchschlagender Erfolg. Beispiel LED-Umstellung. Da haben die Leute vor fünf Jahren noch den Kopf geschüttelt. Die Dynamik einer technischen Veränderung ist schon verblüffend. Dass in 20 Jahren noch jeder mit dem Verbrennungsmotor rumfährt, ob der Planet das aushält? Ja, schon. Die Natur ist stärker als wir.

Sie bleiben nicht bei den Zweitwagen und den überschaubaren Strecken. Bei den Pendlern wollen sie was bewegen. Wie kriegt man das hin?

Eine Vielzahl der Fahrzeuge ist nur mit einer Person besetzt. Wir sagen: Das kann man auch mit E-Fahrzeug machen, das eigene Fahrzeug zuhause lassen, umsteigen und laden.

Sie denken an den Park- und Ride-Platz an der Autobahn bei Aichelberg. An Ladestationen, die man dort installiert. An Photovoltaik-Anlagen, um sie zu versorgen.

So würde man es hinkriegen.

Gibt‘s so etwas irgendwo schon?

Mir ist das nicht bekannt. Aber wenn du ab und zu nach Bayern kommst, wunderst du dich, was es alles gibt. Wir haben schon noch Nachholbedarf.

Es gibt ja die Meinung: Man kann viel tun, um Elektromobilität zu fördern. Aber die Leute müssen es wollen.

Die Leute wollen es, wenn das Thema Reichweite passt. Wenn der Komfort mit Heizung und Radio gegeben ist. Die Ladeinfrastruktur muss stimmen.

Wie halten Sie es selbst mit dem Elektroauto? Würden Sie umsteigen?

Ich kaufe eines. Einen E-Smart als Zweitwagen. Er kommt aber erst in 2018.

Pendler können sich ja immer schon in Fahrgemeinschaften organisieren. Spart bares Geld. Nur muss es auch passen, von den Arbeitszeiten, viele haben Gleitzeit, und man muss sich auch grün sein, wenn man in einem Auto nach Stuttgart fährt.

Es ist nicht ganz einfach. Aber du kannst nicht sagen: mehr geht nicht. Elektromobilität ist ja auch eine neue Situation, siehe Diskussion um Fahrverbote. Wir wollen es testen. Wir wollen das Bewusstsein schärfen, so wie mit unseren Pedelecs. Wieso haben wir die gekauft? Wir gehen auf die Leute zu. Es gibt für alle drei Felder unseres E-Mobilitätskonzepts Online-Befragungen.

Kommen wir zu Ihren Bemühungen um Nachhaltigkeit. Dazu gehört ja auch eine Bürgerbefragung. Was fragen Sie die Leute?

Was ihnen wichtig ist. Was sie bewegt. Was sind die Aspekte für eine kleine Gemeinde der Zukunft.

Wo steckt die Nachhaltigkeit in diesen Fragen?

Nachhaltig ist, was die Gemeinde in ihrer Qualität erhält. Warum die Leute hier wohnen und nicht wegziehen wollen. Da wird die Nahversorgung, die Ärzteversorgung, die öffentliche Sicherheit, die Bildung das wichtigste sein.

Okay. Wenn Ihre Bürger Ihnen das schriftlich geben, ist das noch kein Erkenntnisgewinn.

Wir haben 26 Fragen. Beispiel: Was finden Sie besonders gut an Ihrer Kommune? Wo sehen Sie Nachholbedarf? Wir fragen nach Anregungen für nachhaltige Entwicklung und nach dem Stellenwert, den Bürger dem Klimawandel beimessen. Welche Folgen hat er nach ihrer Einschätzung auf die Lebensbedingungen vor Ort? Klimaschutz, Artenschutz, das kommt für die Bürger dann schon auch.

Es könnte auch der Wunsch nach einer Ortsumfahrung kommen. So wie bei Ihrer Bürgerumfrage in Hattenhofen vor einigen Jahren.

Für uns in Hattenhofen ist eine Ortsumfahrung aktuell kein Thema. Auch im Verbandsgebiet wohl eher nicht. Aber wenn‘s um Verbesserungen für stark belastete Ortsdurchfahrten geht, kann das Nachhaltigkeits-Projekt ein Argument liefern, wieder einen Vorstoß zu machen. Wenn ich an unsere Bürgerumfrage denke: Daraus resultierte unsere Kneippanlage. Das kam als Anregung aus der Bürgerschaft. Sie wird gut angenommen.

Die Elektromobilität ist dem Grunde nach ja auch etwas Nachhaltiges.

Wir fragen das auch ab. Es wird mit abgedeckt mit dieser Umfrage an alle Haushalte. Wir wollen wissen, wo die Bürger in ihrem Handeln Einflussmöglichkeiten auf den Klimawandel sehen. Das können die regenerativen Energien sein, energetische Sanierung des Hauses, die Ernährung, das Konsumverhalten, wie man Urlaub macht und reist. Bürger werden auch gefragt, sich an Projekten zur Nachhaltigkeit zu beteiligen.

Wenn Sie das Prozedere durchlaufen haben: Ziele werden von der Bevölkerung vorgeschlagen, vom Nachhaltigkeits-Beirat aufgestellt, in einem Masterplan zur Bearbeitung vorgegeben – wann haben Sie das Prädikat einer Nachhaltigkeits-Region?

Mit dem Masterplan haben wir den ersten Schritt zur Prädikatsregion erreicht. Es muss dann die Projektumsetzung folgen.

Jochen Reutter (53) ist seit 2009 Vorsitzender des Verbands Raum Bad Boll, den die Gemeinden Aichelberg, Bad Boll, Dürnau, Gammelshausen, Hattenhofen und Zell bilden. Der aus Wernau stammende Verwaltungsfachmann ist seit 1996 Bürgermeister von Hattenhofen. Seine Gemeinde ist seit 1993 Mitglied im Klimabündnis und hat seit zwei Jahren den „European Energy Award“, das Gütezeichen für eine nachhaltige Energie- und Klimaschutzpolitik der Kommune. Reutter ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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