Geschäftsführer: Mehr Geld kann SAM an Mitarbeiter nicht zahlen

Bei der Firma SAM wird um mehr Geld für die Mitarbeiter gestritten. Sind die angebotenen 9,75 Euro in der Stunde ein  Hungerlohn oder das Maximum, wenn man das Unternehmen erfolgreich restrukturieren will?

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Wir wissen, dass das sehr wenig Geld ist.“ Peter Markowsky (50) räumt unumwunden ein, dass man sich bei einem Stundenlohn von 9,50 Euro beziehungsweise 9,75 Euro nicht viel leisten kann (siehe auch Infobox). Mehr sei angesichts der angespannten Lage des Unternehmens aber nicht drin, betont der neue Geschäftsführer beim Automobilzulieferer SAM Automotive.

Als die Bregal Beteiligungsgesellschaft den Hersteller von  Dachreelings und Zierleisten für die Automobilindustrie  im Februar 2016 von den Gebrüdern Binder kaufte, „stand die Firma kurz vor der Insolvenz“, betont Markowsky. Man sei auf ein schwieriges Erbe eingestellt gewesen. Nach der Übernahme habe sich dann herausgestellt, dass „die Lage deutlich schlimmer war, als wir erwartet haben“. Vor allem in puncto Arbeitssicherheit habe es erhebliche Defizite gegeben. Hier seien bislang rund eine  Million Euro investiert worden. Für weitere Maßnahmen, wie eine Absauganlage bis Ende 2018 auf den Heidhöfen, werden nochmal zwei Millionen Euro benötigt.

„Wir haben die IG Metall von Anfang an gebeten, uns drei Jahre Zeit zu geben, um das Unternehmen wieder auf stabile Beine zu stellen.“ Deshalb versteht Markowsky nicht, warum Gewerkschaft und Betriebsrat nun  schon ein Jahr nach der Übernahme Druck machen bei den Löhnen. „Ich kann nur Geld verteilen, das ich in der Tasche habe“, verweist Markowsky auf die in seinen Augen immer noch angespannte Lage des Unternehmens. Daher gebe es derzeit andere Prioritäten als die geforderte deutliche Lohnerhöhung. Die soll es aber auf jeden Fall geben: „Was die Brüder Binder 20 Jahre lang gemacht haben, will ich nicht auf Dauer machen“, verspricht Markowsky.

Alle sind nun gespannt, wo man sich trifft  – und vor allem wann. Mit zwei Warnstreiks innerhalb einer Woche und einer nicht genehmigten Mehrarbeit (am Wochenende standen damit 210 Mitarbeiter nicht zur Verfügung), haben Betriebsrat und IG Metall unterstrichen, dass sie es ernst meinen.

Im Gegenzug verweist Markowsky darauf, dass „wir vor einem Jahr auch 1500 Arbeitsplätze gerettet haben“. Dabei handle es sich zum Großteil um angelernte Produktionshelfer: „Wenn die ihren Job verlieren,  werden es viele schwer haben, neue Arbeit zu finden.“

Wenn die neuen Inhaber SAM wieder auf stabile Beine stellen wollen, geht es aber nicht  nur um Arbeitssicherheit und höhere Löhne. Das größte Problem, das die Firma Binder überhaupt erst in Schieflage brachte, sind Liefertreue und Qualität. Bei Binder wurde offenbar so viel Ausschuss produziert, dass die Kosten für Schrott und Nacharbeiten zuletzt bei einer Million Euro im Monat lagen. Diese Zahlen hat jedenfalls Finanzchef Thomas Erath auf einer Betriebsversammlung genannt.  Geschäftsführer Markowsky will von Qualitätsproblemen offiziell nichts wissen. Allerdings  räumt er offen ein, dass „wir verbrannte Flecken wieder beleben wollen“.

Markowsky hat dabei vor allem BMW und Mercedes im Auge, bei denen SAM zuletzt  spürbar an Boden verloren hat.  Vor diesem Hintergrund fiel auch die Entscheidung, die Akkordarbeit abzuschaffen. „Unsere Kunden haben hohe Ansprüche an die Qualität. Da sind Akkord und Menge nicht der richtige Weg“, erläutert Personalchefin Marina Klein die Entscheidung.

Markowsky versichert, man sei mit dieser Strategie auf dem richtigen Weg: „Die Kunden bleiben uns jedenfalls treu“, versichert der neue Geschäftsführer. Die erforderlichen Aufträge sind offenbar da: „240 bis 250 Millionen Euro sind bis 2020 bereits sicher gebucht.“

Ein KOMMENTAR von Thomas Hehn: Sie sitzen im selben Boot

Trommeln gehört zum Geschäft bei Tarifverhandlungen. Die eine Seite fordert viel zu viel, die andere will erst mal kaum was rausrücken. Auch wenn das Geschrei groß ist: Irgendwann einigen sie sich immer. Schließlich wissen alle Beteiligten, dass es ohne den anderen nicht geht. Wer schlechte Qualität, zu spät oder gar nicht liefert, ist in der hart umkämpften Automobilbranche schnell weg vom Fenster. Das weiß man bei Binder am besten. Wegen mangelnder Liefertreue und Qualitätseinbußen wurde der OEM-Ausrüster in den vergangenen Jahren regelmäßig  vom A- zum B-Lieferanten heruntergestuft von den Kunden. SAM-Chef Markowsky spricht nicht umsonst von „verbrannten Flecken“, die man wieder zurückgewinnen müsse.

Auf der Gegenseite dürfen Betriebsrat und Gewerkschaft den Bogen nicht überspannen. Schließlich besteht der Großteil der Beschäftigten aus ungelernten „Produktionshelfern“. Früher kam man als Hilfsarbeiter oder schlecht bezahlter Metzger­geselle schnell unter in der Industrie. Mittlerweile hat Kollege Roboter den Job am Band übernommen, wenn er nicht schon längst in Fernost gelandet ist.Deshalb sollten alle nicht vergessen, dass sie im selben Boot sitzen.

Forderungen: IG Metall und Betriebsrat bei der Firma SAM fordern für die 1500 Beschäftigten neben mehr Weihnachts- und Urlaubsgeld Lohnerhöhungen in Höhe von 70 Cent pro Stunde in einer ersten Stufe und weitere 70 Cent, um Lohnungleichheiten für dieselbe Arbeit zu beseitigen.

Angebot: Die Geschäftsführung bietet ab 2018 eine Lohnerhöhung von 9,20 auf 9,50 Euro für Mitarbeiter ab einem Jahr Betriebszugehörigkeit und 9,75 Euro ab fünf Jahren bei der SAM an.

Brutto - netto: Bei 9,20 Euro beziehungsweise 9,50 Euro und der bei SAM geltenden 40-Stunden-Woche würde ein Lediger 1600/1650 Euro brutto im Monat verdienen. Das sind netto 1159 bzw. 1185 Euro. Für einen Verheirateten (Steuerklasse III)  mit zwei Kindern bleiben am Monatsende 1267 bzw. 1307 Euro übrig.

Industrie: Für die Gewerkschaft IG Metall ist das Angebot des Arbeitgebers selbst für Angelernte inakzeptabel. Ein Produktionshelfer bei der WMF  bekomme für eine vergleichbare Tätigkeit 18 Euro pro Stunde, argumentiert IG-Metallsekretär Manuel Schäfer.

Handwerk: Im Handwerk sind die Verhältnisse nochmal anders: Nach Angaben der Handwerkskmmer Göppingen verdienen Gesellen zwischen 8,73 bis 18 Euro. Am schlechtesten bezahlt sind Bäcker und Frisöre. Am meisten verdienen Gesellen in den Bereichen Elektro und Metall. hn

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