Landrat Edgar Wolff: „Herausforderungen gibt es genug“

Neben der Abfallpolitik gibt es auch viele andere kreispolitische Themen, die Landrat Edgar Wolff sehr beschäftigen. Darüber spricht er im zweiten Teil des Interviews.

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Stolz nimmt Landrat Edgar Wolff (r.) am 7. April nach seiner Wiederwahl die Glückwünsche von CDU-Fraktionschef Wolfgang Rapp entgegen.  Foto: 

Herr Wolff, eine sehr deutliche Mehrheit des Kreistags hat Sie im April im Amt bestätigt. Auch wenn Sie der einzige Kandidat waren: Hat Sie das Votum darin bestärkt, auf dem richtigen Weg zu sein?

Edgar Wolff: Ja. Wir sind gemeinsam auf einem guten Weg und das Wahlergebnis bestärkt mich, Kurs zu halten. Ich habe mich über die Bestätigung durch den Kreistag gefreut und ich freue mich, den gemeinsam eingeschlagenen Weg nun auch in einer zweiten Amtszeit fortsetzen zu können.

Nach Ihrer Bewerbungsrede im Kreistag hatten Sie sich über einen NWZ-Kommentar geärgert. Unter der Überschrift „Ein bisschen geschummelt“ vertrat der Autor bei allem Lob für Ihre Arbeit die Meinung, dass manche Entscheidungen in Ihrer ersten Amtszeit doch nicht ganz so geräuschlos über die Bühne gegangen seien wie von Ihnen dargestellt. Warum hatten Sie ein Problem mit dieser Meinung?

Ich habe mich über den Vorwurf des Schummelns sehr geärgert. Dass nach acht Jahren einer guten Kreisentwicklung im Kommentar der NWZ zur Landratswahl in der Überschrift dieser Vorwurf erhoben wird, das hat mich schon getroffen. Schummeln ist ja nicht weniger als ein Synonym für tricksen, hintergehen oder gar betrügen. Ganz im Gegensatz dazu sind mir in meiner Arbeit als Landrat Transparenz, Offenheit und Ehrlichkeit wichtige Prinzipien. Ich habe die Themen Klinikneubau und Landrats­amtserweiterung nicht „als geräuschlos über die Bühne gegangen“ dargestellt. Deshalb war das Wort Schummeln hier aus meiner Sicht deplatziert.

Schauen wir nach vorn: Was sind für Sie in den kommenden acht Jahren die wichtigsten Themen?

Ich bin von unseren zwölf Schlüsselthemen einer ganzheitlichen und zukunftsorientierten Kreis­entwicklung überzeugt und möchte diese gerne zusammen mit der Kreispolitik und der Kreisverwaltung konsequent und kontinuierlich weiterentwickeln. Besonders wichtig und übergreifend ist  die Sicherstellung tragfähiger und geordneter Kreisfinanzen – dies insbesondere mit Blick auf die großen Themen wie den Klinikneubau, unsere Mobilitätsthemen wie den Nahverkehrsplan, die Vollintegration in den VVS, den Metropolexpress und die Erweiterung des Landrats­amts, um nur die größten zu nennen. Finanziell für den Kreis nicht relevant, aber nicht minder wichtig bleiben unsere großen Infrastrukturthemen mit dem Ausbau der B 10 bis Geislingen/Ost und dem Albaufstieg der A 8. Ein weiteres Thema von großer Bedeutung ist die Unterbringung und insbesondere die Integration der Flüchtlinge. Herausforderungen gibt es also genug.

Gibt es ein Thema, das Ihnen am meisten am Herzen liegt?

Als Landrat sehe ich es als meine Aufgabe an, alle Themen im Blick zu haben, das „große Ganze“ voranzubringen. Von daher liegen mir auch alle unsere Schlüsselthemen am Herzen. Viele der Themen hängen auch miteinander zusammen. Manchmal führen externe Faktoren dazu, dass Themen mal mehr und mal weniger in den Fokus rücken, wegfallen oder neu dazu kommen. Hier meine ich zum Beispiel weltpolitische Geschehnisse wie die Asyl- und Flüchtlingsthematik. Das ist ein Thema, das nicht absehbar war und daher bis 2015 auch im Rahmen unseres Kreisentwicklungsprozesses nicht „auf dem Schirm“ war. Hier gilt es, teilweise auch kurzfristig zu reagieren und bestehende Konzepte anzupassen. Das Kreisentwicklungskonzept sehe ich in diesem Zusammenhang als Rahmen, der flexibel neue Entwicklungen aufnehmen kann.

Können Sie trotzdem ein Thema  nennen, das für Sie heraussticht?

Wenn ich ein einzelnes Thema nennen soll, das mir besonders wichtig ist, dann sind das unsere Alb-Fils-Kliniken. Hier geht es um das Thema Gesundheit, um den größten Arbeitgeber im Landkreis und um das Megaprojekt Klinikneubau: Unsere Alb-Fils-Kliniken stehen sicher auch in den kommenden Jahren im besonderen Blickpunkt.

Wo sehen Sie im Landkreis noch Defizite?

Da sehe ich weniger Defizite als vielmehr Entwicklungsbedarf. Diesen Entwicklungsbedarf wie zum Beispiel einer zukunfts- und umweltgerechten Mobilität oder einer Stärkung des Wirtschaftsstandorts, einer Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur, einer Weiterentwicklung unserer Abfallwirtschaft stehen Entwicklungen gegenüber, die wir bereits eingeleitet haben. Wir haben in den vergangenen acht Jahren viel erreicht; es gibt aber auch in den kommenden acht Jahren noch viel zu tun. Wir müssen als Landkreis wettbewerbsfähig bleiben – als Wirtschafts- und als Wohnstandort, als Freizeit- und als Lebensraum mit guter Lebensqualität für Menschen jeden Alters und unterschiedlicher Herkunft.

Was macht für Sie einen erfolgreichen Landrat aus? Mit welchem Erfolg verknüpfen Sie Ihre Zufriedenheit im Amt?

Ich denke, der Erfolg liegt da zuallererst im Auge des Betrachters. Der Landrat ist erfolgreich, wenn die Bürgerinnen und Bürger, Kreisrätinnen und Kreisräte, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihn als erfolgreich ansehen. Natürlich hat der Erfolg mit einer guten Entwicklung des Landkreises zu tun. Der Landrat hat dabei mehrere Rollen: Er soll Ideen- und Impulsgeber, ein guter Verwaltungschef, ein guter Vermittler, Repräsentant, oft auch Moderator oder gar Mediator zwischen verschiedenen Interessengruppen sein.

Das hört sich ein bisschen nach der Quadratur des Kreises an . . .

Das alles zur Zufriedenheit aller hinzubekommen, ist  – gerade in Zeiten vieler Veränderungen – eine schwierige, aber auch eine sehr reizvolle Aufgabe. Der Gradmesser für meine Zufriedenheit im Amt liegt eben in der Frage, wie sich der Kreis entwickelt und, ob ich Akzeptanz und Anerkennung für meine Arbeit spüre. Vor kurzem ist die Chronik des Landkreises für den Zeitraum 2009 bis 2016 erschienen und ich muss gestehen, als ich dieses Werk durchblätterte, ist mir richtig bewusst geworden, was tatsächlich alles gemeinsam geleistet und angepackt wurde – in allen Bereichen. Das macht mich, bei aller schwäbischen Bescheidenheit, dann doch auch „a bissle“ zufrieden.

Haben Sie nicht die Sorge, dass sich der Landkreis mit dem Klinik-Neubau übernimmt, weil die Kosten immer weiter steigen könnten?

Klar ist, dass so ein Megaprojekt nicht ohne Risiken daherkommt. Wir haben auf diese Risiken hingewiesen. Andererseits haben wir bis hierher einen guten und zielführenden Planungsprozess durchlaufen. Alle Beteiligten haben sehr gut und intensiv zusammengearbeitet, der Architekt hat einen prima Entwurf vorgelegt und auch die Finanzierung kann aus heutiger Sicht dargestellt werden. Das Finanzkonzept des Landkreises zeigt hier klare Linien auf, unter welchen Voraussetzungen der Klinikneubau bewerkstelligt werden kann. Der Klinikneubau ist eine große Chance und der richtige Weg, um eine gute Gesundheitsversorgung für unsere Bürgerinnen und Bürger auch in Zukunft sicherzustellen. Wir sind also bei diesem wichtigen Projekt auf einem guten Weg und die Herausforderung der kommenden Jahre wird es sein, funktional und finanziell den Klinikneubau erfolgreich zu realisieren.

Halten Sie es für realistisch, dass die Alb-Fils-Kliniken eines Tages dauerhaft schwarze Zahlen schreiben?

Wenn ich das nicht für realistisch hielte, hätten wir die schwarze Null nicht ab 2018 in unser Finanzkonzept einpreisen dürfen. Unsere Alb-Fils-Kliniken arbeiten intensiv und mit aller Kraft an einem ausgeglichenen Betriebsergebnis und wir sind auch dabei auf einem guten Weg. Wer die allgemein schwierige Finanzierungssituation der Krankenhäuser – speziell der kommunalen – kennt, weiß auch, dass eine dauerhaft schwarze Null nicht wirklich garantiert werden kann.

Kommen wir zu einem anderen Thema, über das sich viele Menschen im Landkreis ärgern. Die Zustände für Bahnpendler sind zum Teil unerträglich. Können Sie daran etwas  ändern?

Bei uns gehen täglich Beschwerden von Bahnpendlern ein und schließlich sind wir alle, die mehr oder weniger täglich mit der Bahn reisen, auch selbst betroffen. Den Unmut und Ärger der Menschen kann ich daher sehr gut verstehen. Wir haben immer wieder auf die Missstände hingewiesen und stehen hier in Kontakt mit den betroffenen Personen beim Land und bei der DB. Erst am 10. Juli fand zu diesem Thema auch eine große Veranstaltung mit Vertretern von DB Regio und dem Verkehrsministerium im Landrats­amt statt. Es ist, je länger die Missstände anhalten, umso wichtiger, hier klare Worte zu finden. So wie es ist, kann es einfach nicht weitergehen. Nach dem Gespräch am 10. Juli bin ich aber auch hier zuversichtlich, dass sich in naher Zukunft etwas ändert. Erste Schritte gab es bereits: Laut DB Regio sollen künftig mehr Züge und mehr Personal eingesetzt werden. Auch ein Monatsbeitrag soll erstattet werden.

Andere Pendler sind auf der Straße unterwegs: Wann ist die neue B 10 bis Geislingen fertig?

Mit der Fertigstellung des Abschnitts bis Gingen/Ost  kommen wir sozusagen auf die Zielgerade. Und das ist auch gut so. Wir brauchen dringend eine Entlastung der Bevölkerung von Lärm und Feinstaub in den Ortsdurchfahrten. Wir brauchen für unsere Wirtschaft dringend gut funktionierende und staufreie Verkehrswege. Mit den Eingruppierungen im Bundesverkehrswegeplan können wir unter dem Strich zufrieden sein. Wie uns Minister Dobrindt und auch Minister Schäuble in Berlin versichert haben, scheitert es derzeit weniger am Geld. Wir müssen jetzt in der Planung vorankommen.

Warum dauert das so lange?

Bei der B 10 warten wir noch immer auf die Einleitung des Planfeststellungsverfahrens. Hierfür wird es höchste Zeit. Aktuell laufen Untersuchungen durch den Bund. Ich hoffe weiterhin, dass wir binnen zehn Jahren sowohl bei der B 10 als auch bei der A 8 am Ziel ankommen, das heißt zum einen in Geislingen/Ost, und zum anderen sechsstreifig in Hohenstadt. Beides wird dann den Landkreis regional und in den Außenbeziehungen entscheidend voranbringen und unser Standortprofil wesentlich stärken.

Eine Frage, die viele Bürger umtreibt: Wird es gelingen, alle Flüchtlinge im Landkreis zu integrieren – auch in den Arbeitsmarkt?

Die Integration der hier auf Dauer lebenden Flüchtlinge in Arbeit und in Wohnraum ist nach der vorläufigen Unterbringung nun das wichtigste Thema. Neben der Vermittlung in die Anschluss­unterbringung in die Städte und Gemeinden gehört hier die genannte Integration in den Arbeitsmarkt mit an die erste Stelle. Das ist eine gewaltige Aufgabe, die alle in Bund, Land, in den Landkreisen und in den Städten und Gemeinden betrifft. Hier sind alle gefordert – die haupt- und die ehrenamtlichen Akteure, aber vor allem auch die Flüchtlinge selbst. Vor Ort gibt es diverse Angebote, unter anderem hinsichtlich des Spracherwerbs, da dieser noch vor allen weiteren Schritten steht. Hier im Landratsamt sind wir mit unseren Flüchtlingsbeauftragten sowie unseren Bildungskoordinatoren für Neuzugewanderte aus meiner Sicht gut aufgestellt. Vorbildlich unterstützt werden wir durch die Städte und Gemeinden und die vielen Ehrenamtlichen, die sich vor Ort einsetzen. Ich denke, die Integration der Flüchtlinge, die eine Bleibeperspektive haben, ist eine dringende, aber auch schwierige Aufgabe, die gleichzeitig mit Blick auf den demografischen Wandel auch eine Chance ist. Hier sind wir als Gesellschaft insgesamt gefordert.

Was mögen Sie an Ihrem Amt gerne? Und woran können oder wollen Sie sich eher nicht gewöhnen?

Ich mag unseren schönen Landkreis, ich mag die enorme Aufgabenvielfalt und die Gestaltungsmöglichkeiten. Der Umgang mit Menschen aus unterschiedlichen Bereichen, die Möglichkeit, Projekte anzustoßen und das Gefühl, vor Ort etwas zu bewegen, das den Menschen im Landkreis zu Gute kommt, das macht mir viel Freude. Gewöhnungsbedürftig sind nur die Tage, an denen zwischen den vielen Terminen kaum Luft zum Atmen bleibt.

Wie entspannen Sie am Besten?

Entspannen kann ich sehr gut beim Joggen, beim Radfahren, beim Lesen, beim Musikhören, gerne mal in  der Sauna und seit neuestem auch mit meinen beiden Enkeln. Und im Urlaub!

Jetzt sind Sie Landrat, früher waren Sie Bürgermeister in Ebersbach. Was war als Kind Ihr Traumberuf?

Beides war damals nicht mein Traumberuf. Beides hätte ich auch in meiner Jugend nicht für möglich gehalten. Einen ausgesprochenen Traumberuf hatte ich nicht. Heute habe ich ihn.

Lesetipp: Hier gehts zum ersten Teil des Interviews

Edgar Wolff ist 58 Jahre alt und seit
1. Juli 2009 Landrat des Landkreises Göppingen. Im April wurde er  – ohne Gegenkandidaten – für eine zweite Amtsperiode gewählt. Von 1997 bis 2009 war der Diplom-Verwaltungswirt Bürgermeister der Stadt Ebersbach.

Der heute erschienene Beitrag ist der zweite Teil des Interviews mit Landrat Edgar Wolff. Der erste Teil wurde in unserer Samstagsausgabe veröffentlicht. Darin ging es um die Müllpolitik. Die Fragen wurden schriftlich gestellt.

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