"Gemeinsam sind wir stark"

Eine 19-Jährige aus Steinenkirch "pullt" sich in sportliche Höhen: Julia Niederberger hat das Tauziehen für sich entdeckt und ist seit Juli Mitglied der deutschen Nationalmannschaft.

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Julia Niederberger aus Steinenkirch hat das Tauziehen für sich entdeckt. Seit Juli ist sie Mitglied der deutschen Nationalmannschaft.  Foto: 

Sie wiegt gerade mal 50 Kilo, kleidet sich gerne weiblich und trägt auch mal hohe Absätze. Was die 19-jährige Julia Niederberger aus Steinenkirch dagegen sportlich macht, hört sich gar nicht so feminin an: Seit Jahren spielt sie Fußball in Eybach und ebenfalls seit Jahren zieht sie bei den Steinenkircher Tauziehern mit am Seil. Seit Juli dieses Jahres gehört sie zur Frauen-Tauziehnationalmannschaft. Mit dieser war sie sogar in den USA bei der Weltmeisterschaft und bei der Club-Weltmeisterschaft.

Die junge Frau scheint das alles gar nicht so spektakulär zu finden. "Da hat mich halt vor fünf Jahren mal einer aus der Steinenkircher Männermannschaft gefragt, ob ich keine Lust hätte, beim alljährlichen Landjugend-Turnier in Hattenhofen mitzuziehen", erinnert sich Julia an die Anfänge. Dort sei es Vorschrift, dass jeweils zwei Frauen in den Mannschaften mitziehen. "Das macht bestimmt Spaß", habe sie sich gedacht - und mitgezogen, was das Zeug hält. Welchen Rang die Mannschaft zum Schluss belegte, weiß die gelernte Arzthelferin heute gar nicht mehr. Aber dass es wirklich Spaß gemacht hat. "Da waren viele Steinenkircher dabei, haben uns angefeuert, die Stimmung war genial", erzählt sie.

So blieb sie dabei und trainierte Woche für Woche in den Heidhöfen bei den Männern mit, die zu jener Zeit in der Landesliga "pullten". 2011 teilte sich die Mannschaft auf, die Steinenkircher trainierten fortan im Heimatdorf - im großen Garten der Niederbergers. "Dort haben wir den Trainings-Galgen aufgestellt", berichtet Julia. An dem fünf Meter hohen Gestell zieht die Mannschaft über eine Umlenkrolle eine Kiste hoch, die mit Gewichten gefüllt ist.

Frauen in den Männermannschaften sind erlaubt - und gefragt. "Weil es ab Landesliga Gewichtsbeschränkungen gibt. Und dann sind sie froh, dass ich so wenig wiege", erläutert die Sportlerin. Seit 2012 kooperieren die Steinenkircher Männer mit den Tauziehern aus Affalterried, deshalb gehört Julia auch dort mit zur Mannschaft.

Im April 2013 feierte sie ihren 18. Geburtstag. Julia nutzte die Chance, um parallel zu ihrem Training in Steinenkirch nach Lenglingen (bei Maitis) zur dortigen Frauenmannschaft zu wechseln. "Die haben halt angefragt, weil sie noch ein Leichtgewicht brauchten", spielt Julia das Interesse an ihrer Mitarbeit herunter. Bis dahin war alles, was Julia Niederberger sportlich machte, reines Hobby. Das änderte sich Anfang dieses Jahres. "Ende Mai war ein Sichtungsturnier für die Nationalmannschaft", berichtet sie, "darauf haben wir Lenglingerinnen intensiv trainiert". Dabei gehe es "auch um Kraft und Ausdauer, aber hauptsächlich um die Koordination untereinander", schildert sie: "Nur gemeinsam sind wir als Mannschaft stark".

Dass am Ende sie allein es schaffte, in die Nationalmannschaft aufgenommen zu werden, enttäuschte sie selbst mehr als ihre Mannschaftskameradinnen. "Die haben sich für mich gefreut", sagt die Jungsportlerin und ergänzt: "Trotzdem, ich hätte gerne meine Lenglinger Teamkollegen mit in der Nationalmannschaft gehabt."

Zusätzlich zu den Trainingseinheiten in Steinenkirch und Lenglingen übte sie ab sofort an drei Wochenenden mit der Nationalmannschaft das "Pullen", also Ziehen am Seil. Zweimal davon in Zell im Allgäu, weil sechs der zehn Mannschaftsmitglieder von dort kommen. Genauso wie Nationaltrainer Jürgen Wegmann, der dort als Frauentrainer fungiert.

Das Ziel der zum großen Teil neu besetzten deutschen Frauen-Nationalmannschaft waren die Tauzieh-Weltmeisterschaft und die Club-Weltmeisterschaft im US-amerikanischen Madison, Wisconsin. Die Gegner kamen unter anderem aus Taiwan, das am Ende die Goldmedaille holte, aus Schweden, Südafrika oder dem "Baskenland". Die Deutschen kamen unter neun Mannschaften auf den sechsten Platz, wobei sie sämtliche Kämpfe innerhalb eines Tages bestreiten mussten. "Bei der Club-WM, wo statt Nationalmannschaften Vereinsmannschaften gegeneinander antreten, wurden wir Vierte. Da zog ich bei den Zellerinnen mit", erzählt sie. Die Woche in den Staaten sei wirklich eindrücklich und toll gewesen.

Ihre Eltern dagegen erinnern sich mit ein wenig Frust an diese aufregende Zeit ihrer Tochter. "Wir wollten ihre Kämpfe im Internet per Livestream verfolgen - aber jedesmal, wenns spannend wurde, hat die Internet-Verbindung versagt und das Bild gestoppt", beklagt sich Papa Werner über die schlechte Anbindung des Alb-Orts ans schnelle Internet.

Für Julia sind ihre Erlebnisse und Erfolge Ansporn dafür, im kommenden Jahr noch mehr zu trainieren. "Wir wollen als Vereinsmannschaft besser werden", hofft sie und dass sie sich in der Nationalmannschaft fest etablieren kann. "Und dass es bald eine Tauzieh-Bundesliga gibt. Angedacht ist das fürs Frühjahr 2015."

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