„Es klemmt gerade überall“

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Ute Kröll liest mit Kindern. Die Kleinen im Hintergrund müssen solange alleine spielen. Schon seit sieben Monaten versucht die katholische Kirchengemeinde vergeblich, eine befristete 50-Prozent-Stelle im Kindergarten „Pusteblume“ zu besetzen.      Foto: 

Es klemmt gerade überall. Der Markt ist schon seit Jahren leergefegt.“ Edith Boser, Kämmerin beim katholischen Dekanat Göppingen-Geislingen sucht derzeit ebenso händeringend Erzieherinnen wie ihre Kollegen bei den Kommunen.

Spätestens als die Bundesregierung ab 2013 den Anspruch auf einen Betreuungsplatz für Kleinkinder zwischen einem und drei Jahren per Gesetz vorschrieb,  wurde das Thema zu einer echten Herausforderung für Kommunen wie kirchliche Träger. Dem Ausbau der Betreuung folgte zunächst ein Ausbau der Räumlichkeiten. Auch im Raum Geislingen haben Städte  und Gemeinden zig Millionen in den An- und Ausbau von Kindergärten gesteckt. Nicht selten waren komplette Neubauten notwendig, um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden (siehe Info). Andere Kommunen wie Deggingen, Bad Überkingen und Bad Ditzenbach versuchen, die Engpässe mit Übergangslösungen wie Containern oder Waldkindergärten zu überbrücken. Aber auch dort weiß man, dass „wir so auf lange Sicht nicht weiterkommen“, wie Bad Ditzenbachs Bürgermeister Herbert Juhn einräumt.

Fast noch schwieriger als ein millionenschwerer An- oder Neubau ist es, für die erweiterten Betreuungsangebote genügend Personal zu finden. Verlängerte Öffnungszeiten, Ganztagesgruppen und Krippen benötigen mehr Kräfte. Darüber hinaus haben die Aufsichtsbehörden auch die Personalschlüssel kontinuierlich angehoben: Reichten 2010 etwa noch 1,5 Kräfte für die Betreuung einer Regelgruppe, sind aktuell 1,8 Stellen vorgeschrieben. Ein weiteres Problem ist die hohe Fluktuationsrate. Im Gegensatz zu anderen Berufen werden Erzieherinnen oft schon krank geschrieben, wenn eine Schwangerschaft erkannt wird und sie keine Antikörper gegen Mumps, Röteln, Masern und Windpocken haben. Der Umgang mit kleinen Kindern stellt hier ein zu großes Risiko dar.

Dagegen sinken die Chancen, wegen Mutterschutz und Elternzeit vakante Stellen wieder zu besetzen: In der Regel sind das befristete Arbeitsverhältnisse. „Und da sind Vollzeitstellen natürlich attraktiver“, weiß Edith Boser. Ein Beispiel bildet der Kindergarten Pusteblume in Mühlhausen: Dort sucht die Kirchengemeinde schon seit sieben Monaten vergeblich eine Mutterschaftsvertretung für eine 50-Prozent-Kraft.

Aktuell suchen fünf  Kommunen und vier Kirchengemeinden im Raum Geislingen insgesamt zwölf Erzieherinnen. Überall gern gesehene Kräfte sind auch Anerkennungspraktikantinnen, die deutlich weniger kosten als fertige Erzieherinnen.

Um der drängenden Personalnot zu begegnen, hat das Land inzwischen den Zugang zum Erzieherberuf auch für Quereinsteiger geöffnet. Eine  Möglichkeit bildet die „Praxisintegrierte Ausbildung“ (PIA): Hier sind die Auszubildenden  über drei Jahre hinweg jeweils zwei oder drei Tage im Kindergarten und den Rest der Woche in der Schule. Im Gegensatz zur herkömmlichen Erzieher-Ausbildung (drei Jahre Schule und ein Jahr bezahltes  Anerkennunsgpraktikum) verdienen PIA-Kräfte  vom ersten Tag an Geld. Im Schnitt sind es 900 Euro im Monat.

Noch einfacher ist es für Interessenten mit verwandten Berufen wie zum Beispiel Kinderpflegerinnen, Hebammen, Kinderkrankenschwestern, Logopäden, Ergotherapeuten Familienpflegerinnen oder Dorfhelferinnen. Sie müssen nur eine 25 Tage dauernde pädagogische Fortbildung absolvieren und haben dann ihr Zertifikat als „pädagogische Fachkraft“ in der Tasche. Damit können sie  zunächst zwar keine leitenden Funktionen  übernehmen, verdienen aber ansonsten genauso viel wie staatlich anerkannten Erzieherinnen.

Dieser von den Behörden gebilligte  „Crashkurs“ wird in den Kindergärten zuweilen kritisch gesehen. In den Rathäusern und bei den Kirchengemeinden ist man hingegen froh, dass man überhaupt jemand findet, damit der Personalschlüssel eingehalten und damit letztendlich auch die Betriebserlaubnis weiterhin bestehen bleibt.

Erweiterungen Kommunen und Kirchengemeinden im Verbreitungsgebiet der GEISLINGER ZEITUNG haben in den vergangenen Jahren viel Geld in  die Hand genommen, um ausreichend Räumlichkeiten für den gesetzlich vorgeschriebenen Ausbau der Betreuung von Kleinkindern  zu schaffen. Fast überall wurde aus- oder angebaut, was nicht selten Kosten im hohen sechsstelligen Bereich verursachte.

Neubauten In der Stadt Geislingen (8,0 Millionen Euro), in Gerstetten (2,9 Mio Euro) sowie in Wiesensteig (1,9 Mio) wurden sogar komplett neue Einrichtungen geschaffen.

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