"Die lassen euch verhungern"

18 Tage lang reiste der Badener Autor Tino Berlin mit seinem "Landsmann" Matthias Kehle durch schwäbisches Feindesland - ohne einen Cent in der Tasche. Bei einer Lesung in Böhmenkirch erzählte er davon.

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Die "Schnapsidee" zu seinem Buch "Ohne Geld durch Schwaben" entstand während eines Telefonats mit dem befreundeten Autor Matthias Kehle, erzählte Tino Berlin den gut zwanzig Zuhörern in der Böhmenkircher Bücherei. Lass uns fortfahren und ein Buch darüber schreiben, versuchte der Freund Berlin zu überreden. Berlins Idee, Laos zu bereisen stieß bei seinem Kollegen allerdings auf wenig Gegenliebe. Zu heiß und zu weit weg.

Eigentlich als Witz schlug der Badener Berlin seinem "Landsmann" eine Tour durch das Schwabenland vor - ohne Geld. Aus dem Scherz wurde schnell ernst: Im Mai 2014 zogen die beiden los. Als "Lebensversicherung" hatten sie lediglich ein Handy dabei, um sich im Notfall evakuieren zu lassen. Ihre Erlebnisse schildern sie in dem Buch "Ohne Geld durch Schwaben - Zwei Badener testen die Württemberger".

Die düsteren Warnungen aus Berlins badischem Freundeskreis bewahrheiteten sich nicht: "Das wird nichts, die lassen dich verhungern", wurde dem Schriftsteller vorhergesagt. Seine schwäbische Ehefrau sah das anders: "Du wirst zwei Kilo zunehmen." Es waren schließlich drei Kilo, gesteht Tino Berlin. Die als geizig verschrienen Schwaben verwöhnten die badischen "Schnorrer" nach Strich und Faden.

Statt auf der Parkbank oder im Heuschober schliefen die "Gelbfüßer" in Hotel- und Klosterbetten und an durchaus "exotischen" Orten, unter anderem im Wangener Pulverturm und im Schaufenster eines Möbelhauses.

Nicht einmal zum Wandern kamen sie: Die längste Strecke auf Schusters Rappen betrug während der 18-tägigen Reise gerade einmal 700 Meter. Den Rest legten sie per Anhalter und "gesponserten" Bahntickets zurück.

Allerdings hatten die beiden Autoren teilweise auch erleichterte Bedingungen. Die Lokalpresse war ihnen oft einen Schritt voraus und hatte ihre Leser schon vor der Ankunft der beiden Badener vorgewarnt.

Deshalb wurden die beiden Reisenden mit der badischen Landesflagge hin und wieder erkannt, bekamen den einen oder anderen Geldschein zugesteckt, Einladungen zum Essen und Übernachtungsangebote. Sogar einige Kindheitsträume gingen für Berlin so in Erfüllung: Die Übernachtung in einem Römerlager in Welzheim und das steinzeitliche Kochen zusammen mit dem Leiter des Urgeschichtlichen Museums Blaubeuren gehörten dazu.

Teilweise trafen Berlin und Kehle aber auch einfach nur Menschen, die helfen wollten. Etwa das Ulmer Hoteliersehepaar, das die beiden ohne große Fragen umsonst übernachten ließ oder den langzeitarbeitslosen Lebenskünstler Uwe, der sie in seinem alten Golf von Welzheim bis an die Stuttgarter Ortsgrenze fuhr - den Abstecher in die Innenstadt verhinderte die rote Umweltplakette am Auto.

Uwe und sein Golf II entpuppten sich als wahre Lebensretter, ausgestattet mit einer Tiefkühlbox und Tupperschüsseln voller Lebensmittel und sogar einer mobilen Dusche. Nur an den Tübingern bissen sich Berlin und Kehle die Zähne aus: Niemand wollte die Gestrandeten aufnehmen.

Nicht einmal der Wink mit dem Zaunpfahl, dass sie Autoren seien, die über ihre Erfahrungen ein Buch schreiben werden, half ihnen in der Unistadt weiter: Das Projekt stieß nicht auf Gegenliebe. Gefrustet zogen sie weiter in das mit Tübingen in historischer Dauerfehde verbundene Reutlingen. "Wir sind völlig anders", versicherte man dort. Ein durch die Erfindung einer automatischen Tischtennismaschine reich gewordener Millionär nahm sie schließlich auf und stiftete Matthias Kehle sogar ein neues Hemd für einen anstehenden Fernsehauftritt beim SWR.

Nach knapp drei Wochen Reise durchs Schwabenland wurden die beiden Badener Abenteurer schließlich wieder von Freunden im heimischen Karlsruhe in Empfang genommen, denen anders als erwartet keine erbarmungswürdigen ausgemergelten Gestalten entgegenwankten. Im Gegenteil: "Die Schwaben haben uns verwöhnt", lautet das Fazit von Tino Berlin.

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