"Die Krankheit macht einsam"

Seit Jahren leidet eine Frau aus dem Oberen Filstal an MCS. Eine Umweltkrankheit, die ihrer Meinung nach weder von Ärzten noch von der Politik ernst genommen und richtig eingeschätzt wird.

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Autofahren nur noch mit Atemschutz: Wer an einer Multiplen Chemiekalien- Sensibilität leidet, sollte diese Möglichkeit in Betracht ziehen. Foto: Archiv

"MCS-Kranke sind schwer erkrankte Patienten und keine Hypochonder", haben umweltmedizinische Verbände eine Pressemitteilung betitelt. Sie kritisieren in einer gemeinsamen Resolution eine Studie des Robert-Koch-Instituts zur Multiplen Chemikalien-Sensibilität, die "in weiten Teilen durch die Subjektivität der Untersucher geprägt" sei.

Gerda Schmitt (Name von der Redaktion geändert), eine 70-jährige Frau aus dem Täle, ist selbst von dieser Umweltkrankheit betroffen. Sie will ihren Namen nicht nennen, obwohl sie nichts dafür kann, dass sie zum Beispiel auf chemische Duftstoffe mit Kopfweh, Schwindelgefühlen, Brennen im Mund, im Hals und im ganzen Körper, Schlaflosigkeit und oft noch schlimmeren Symptomen (bis hin zu Koma) reagiert. Mit solchen Reaktionen wüssten Ärzte meist wenig anzufangen, sagt sie. Falsche Behandlung oder die Überweisung zu einem Psychosomatiker seien die Folge. Psychopharmaka jedoch würden die Folgen einer MCS nur noch schlimmer machen - auch die Studie des Robert-Koch-Instituts (vom Jahr 2002) kommt zum Ergebnis, dass MCS keinem psychischen, psychosomatischen oder somatoformen Krankheitsbild zuzuordnen ist.

Die 70-Jährige aus dem Oberen Filstal, eine ehemalige Pädagogin, weiß, dass es außer ihr noch viele Menschen gibt, die seit Jahren von Arzt zu Arzt geschickt werden und herauszufinden versuchen, wann und warum ihre Krankheitssymptome kommen und gehen. Erst nach der richtigen Diagnose wissen sie, dass es der Waschmittelgeruch an den Kleidern ihrer Mitmenschen, ein bestimmtes Shampoo, eine Seife oder auch Chemikalien sind, die ihnen das Leben zur Hölle machen. "Jede MCS-Krankheit verläuft individuell, mit anderen Auslösern und anderen Symptomen", sagt Gerda Schmitt, die sich inzwischen zur MCS-Expertin entwickelt hat - und auf dem Weg über die Zeitung nun auch Ärzte und die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren will.

Was der resoluten Frau ganz wichtig ist: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und auch das Bundesdeutsche Institut für Medizinische Dokumentation haben das Krankheitsbild als Vergiftung inzwischen bestätigt. In anderen Ländern, besonders in Amerika und Schweden, wird seit Jahren intensiv geforscht. Dortige Studien gehen von 15 bis 30 Prozent Chemikalien-Kranken in der Bevölkerung aus. Davon seien zirka vier bis sechs Prozent schwer betroffen.

Die MCS, erklärt Gerda Schmitt, werde ausgelöst durch ein fehlendes Enzym, wodurch Giftstoffe nicht mehr abgebaut werden könnten. Aus diesem Grund sei extreme Arzneimittel-Unverträglichkeit ein weit verbreitetes Symptom.

Bei Gerda Schmitt begannen die Leidenszeit und die Ärzte-Odyssee im Jahr 2001. Damals ließ sie einen stationären Allergietest machen. Nach einer darauf folgenden Zahnbehandlung reagierte sie übermäßig stark auf ein Lösungsmittel. Dieses sei der Auslöser für ihre Geruchsempfindlichkeit gewesen, sagt sie. "Die Ursachen suchen Umweltärzte heute nicht nur in akuten Vergiftungen, sondern auch im jahrelangen Einatmen von giftigen Ausdünstungen wie Holzschutzmitteln. Oder auch in den Amalgamfüllungen." Mit Sicherheit nachzuweisen seien die Giftstoffe im Körper nicht mehr, weil sie in Knochen und Organen gebunden seien. Da auch Allergietests fehlschlugen, reagierten die von ihr aufgesuchten Ärzte fast durchweg mit Achselzucken. Schließlich empfahl man auch ihr, einen Spezialisten für psychosomatisch bedingte Erkrankungen aufzusuchen.

Weil die Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) ihrer Ansicht nach die tatsächlichen Krankheitsursachen ignoriert habe und von falschen Voraussetzungen ausgegangen sei, habe auch das Ergebnis falsch sein müssen, argumentiert Gerda Schmitt. Zur Verzweiflung vieler Betroffener, deren Ärzte über MCS falsch informiert worden seien. "Dabei", so Gerda Schmitt, "wäre gerade die Früherkennung äußerst wichtig, um zu vermeiden, dass die Krankheitssymptome chronisch werden."

Gerda Schmitt klagt jedoch auch die Politik an, die trotz der neuen, gesicherten Erkenntnisse noch immer nichts unternehme. MCS sollte von den Sozialversicherungen anerkannt werden und MCS-Patienten sollten entsprechenden Schutz von ihrer Krankenversicherung erhalten.

Die Frau aus dem Täle ist überzeugt, dass die Lobbyisten der Chemie- und Pharmaindustrie hinter dem kritisierten (Nicht-) Handeln der Verantwortlichen zu finden sind.

Ihr selbst habe nach neun Jahren Leid der Göppinger Schmerztherapeut Dr. Müller-Schwefe bei einer Telefonaktion der GEISLINGER ZEITUNG nach kurzer Schilderung ihrer Symptome die exakt richtige Diagnose gestellt. Daraufhin habe es jedoch nochmals lange gedauert, bevor sie einen Arzt fand - im Allgäu -, der bereit und fähig gewesen sei, sie zu behandeln. Jetzt hofft sie, dass sie irgendwann mal wieder unter die Leute gehen kann, ohne Angst vor plötzlichen Schmerzen oder Erstickungsanfällen. "Diese Krankheit macht einsam", stellt sie fest.

Info www.csn-deutschland.de

www.umweltrundschau.de

"Gerda Schmitt" würde sich freuen, wenn sich weitere Betroffene bei ihr melden würden: Telefon: (07334) 61 19

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