"Das sind ja Fundgruben"

"Das hab ich selbst noch nicht gesehen", gab Pater Felix auf die Frage nach dem "Archiv" von Ave Maria in Deggingen zu. Er wurde fündig: von 1929 bis 1994 verfassten seine Vorgänger Chroniken.

|
Selbst erstaunt über das kleine "Archiv" im Kloster Ave Maria: Pater Felix mit der Chronik der Degginger Wallfahrtskirche, die 1929 beginnt. Neben Aufschrieben finden sich Fotos, Skizzen, Zeichnungen und Lagepläne, die vermutlich der erste Guardian der Wallfahrtskirche, Pater Kilian, sorgsam eingeklebt hat. Foto: Claudia Burst

Sie erinnern an Tagebücher, die fünf handgeschriebenen DIN-A5-Hefte. Sie machen das "Archiv" des Klosters Ave Maria aus. Die Wallfahrtskirche östlich von Deggingen steht dort zwar schon seit 1718, aber erst 1929 berief Bischof Sproll die Kapuziner zu Verwaltern dieser Kirche. Deren erster Guardian war Pater Kilian. Vermutlich war es auch dieser Pater Kilian, der "Anno Domini 1929" mit dem Schreiben der ersten "Chronik" begann.

Viel Zeit haben die Chronisten in die Erstellung vor allem der ersten beiden Büchlein gesteckt. Die Jahreszahlen scheinen gestempelt zu sein, sie finden sich auf jeder Seite. Viele Einträge beginnen mit einem verschnörkelten ersten Buchstaben als Zierde. Geschrieben haben die Patres in deutscher Schrift. Pater Felix, seit 2010 Guardian im Kloster, kann das lesen. Schnell vertieft er sich in die Aufschriebe, betrachtet die Fotos und Zeichnungen, Zeitungsausschnitte, Skizzen und Lagepläne, die seine Vorgänger sorgfältig eingeklebt haben. "Schaun Sie mal, da gab es eine Dreifaltigkeitskapelle", zeigt er, als er den Lageplan von 1929 entdeckt. Vielleicht handele es sich dabei um die heute als "Alt Ave" bekannte Kapelle oberhalb der Wallfahrtskirche, vermutet Pater Felix. Auf der Zeichnung sind auch ein Pfarr- und ein Mesnerhäuschen zu sehen. Im Pfarrhaus lebte bis zum Bau des Klosters der jeweils zuständige "Wallfahrtspriester" oder "Wallfahrtskaplan" von Ave.

"Die haben sich schon sehr Mühe gemacht", gesteht Pater Felix offen seine Bewunderung für den Aufwand, den frühere Patres geleistet haben. "Damals waren einfach noch mehr Leute im Kloster", begründet er die Tatsache, dass die Aufschriebe im Jahr 1994 enden.

Heute leben neben Pater Felix noch Pater Benedikt, Pater Flavian sowie Bruder Jakobus in der Klostergemeinschaft. Pater Felix ist für die Leitung des Klosters und der Wallfahrtskirche zuständig, darüber hinaus als Pfarradministrator für fünf Pfarreien in und um Deggingen.

Die Aufschriebe faszinieren ihn. "Gut, dass Sie gekommen sind", gibt er mit einem Lachen zu. "Schauen Sie, hier ist die Geschichte des Kapuziner-Ordens in Württemberg" aufgeführt", sagt er. Von einem zum anderen Kloster oder Hospiz, die hier aufgezählt werden, seien es nicht mehr als 30 Kilometer gewesen. "Das war, damit die Kapuziner bei Besuchen zu Namenstagen oder Visitationen immer im eigenen Kloster übernachten konnten", erzählt der 68-Jährige. Doch mit der Säkularisierung - der Trennung von Kirche und Staat - zu Beginn des 19. Jahrhunderts habe sich das geändert. Klöster seien aufgelöst worden, bittere Geschichten habe es da gegeben.

Pater Felix weiß aus Überlieferungen von Aussterbeklöstern, wo Mönche aus aufgegebenen Klöstern zusammengepfercht wurden. "Krepierklöster war ein Ausdruck, den man damals verwendet hat", erinnert sich der Katholik an alte Geschichten seiner bayerischen Heimat. "Da schau her, eine Kaffeestube war hierin", stellt er plötzlich fest, als er den Bauplan des Klosters findet: "Heute ist das der Fernsehraum", schmunzelt er.

Anno Domini 1933 betrug die Hundesteuer 10 Reichsmark jährlich. Ein Hund im Kloster? "Ja, das kann schon sein", nickt Pater Felix. Säuberlich aufgeführt sind auch die Baukosten des Klosters.

Im Jahr 1934 entdeckt er eine "Situationskarte für Kollekturmöglichkeiten im Oberamt Geislingen". "Kollekturbrüder gab es bis in die 80er Jahre", fällt dem Kapuziner dabei ein. Sie sammelten Lebensmittel wie Kartoffeln, Eier, Schmalz oder Getreide auf den umliegenden Höfen.

Für die Brüder war dies eine Aufgabe, die meist gern übernommen wurde, bekamen sie doch häufig gutes Essen bei den Bauernfamilien vorgesetzt. "Sie selber brachten kleine Ringe für die Mädchen oder Andachtsbildchen für die Buam mit", weiß Pater Felix aus seiner eigenen Kindheit - und für die Tiere geweihtes Futter. "Das war Melisse und Heilkräuter aus dem Klostergarten, gedörrt, zerrieben, gesegnet und in kleine Beutelchen abgefüllt. Das verteilten die Bauern dann übers Viehfutter." Pater Felix freut sich über die Erinnerung und stellt fest: "Das sind ja richtige Fundgruben, diese Chroniken!"

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Landratsamt: Anbau wird bald abgerissen

Im Dezember findet die letzte Sitzung im Hohenstaufensaal des Landratsamts statt. Die Arbeiten am Millionenprojekt Neubau beginnen noch dieses Jahr. weiter lesen