Flüchtlingsarbeit im Wandel

Die Anforderungen der Flüchtlingsarbeit in Wangen verändern sich: Weil weniger Menschen in die Gemeinde kommen, liegen die Schwerpunkte der Ehrenamtlichen jetzt auf der Nachversorgung.

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Viel Gesprächsbedarf gab es beim Treffen des Arbeitskreises Asyl: Thema war die Weiterentwicklung der Tätigkeitsbereiche, die sich in Zukunft mehr auf die Nachversorgung der Flüchtlinge konzentrieren werden.  Foto: 

Vor zwei Jahren sind die ersten Flüchtlinge nach Wangen gekommen. Damit hat für den Arbeitskreis Asyl die Arbeit angefangen. Weil aber immer weniger Flüchtlinge in der Gemeinde ankommen, wandeln sich für die Ehrenamtlichen auch ihre Tätigkeitsbereiche. Um darüber zu sprechen, hat sich der Arbeitskreis am Montag im evangelischen Gemeindehaus mit Bürgermeister Daniel Frey und Theda Eppinger von der zentralen Beratungsstelle für Zugewanderte des Diakonischen Werks Göppingen getroffen.

„Die erste große Not ist jetzt weg“, sagt Bea Jockenhöfer. Anfangs habe man noch Kleidung gesammelt. „Wenn nun jemand nachkommt, ist er versorgt.“ Mittlerweile begleiten die Ehrenamtlichen ihre Schützlinge auf Behörden, kümmern sich um die Anschlussunterbringung und unterstützen sie bei der Job- und Praktikumssuche. „Man ist permanent am Telefonieren, Schreiben und Herumrasen“, meint Margret Schradi. Sie betreut einen Flüchtling, dem das Jobcenter drohte, die Leistungen zu streichen, sollte er in seinen Ferien kein Praktikum machen. „Wir haben vier oder fünf Elektriker angerufen und überall hieß es: ‚Grundsätzlich ja, aber wir haben schon so Probleme mit unseren Auszubildenden und jetzt noch ein Asylbewerber – das wollen wir unseren Mitarbeitern nicht antun.“

Zwölf Menschen wohnen zur Zeit in der Gemeinschaftsunterkunft in der Talstraße. Ganz zu Beginn der zwei Jahre zogen 22 Flüchtlinge dort ein. Die Geflüchteten „der ersten Generation“ seien schon untergebracht und hätten Arbeit. „Örtliche Betriebe haben welche aufgenommen, um den Einstieg zu erleichtern“, erzählt Bürgermeister Daniel Frey. „40 Menschen wohnen hier in Wangen. Es handelt sich dabei aber nicht nur um die Menschen, die aus der Unterkunft ausgezogen sind, sondern auch um Flüchtlinge, die in Wangen untergekommen sind und beispielsweise vorher in Göppingen waren.“

Manche der ersten Flüchtlinge seien außerhalb der Gemeinde untergebracht worden – zum Beispiel in Rechberghausen, Geislingen, Ebersbach, Faurndau und Jebenhausen. „Die haben alle Privatwohnungen“, sagt Jockenhöfer. „Die haben wir von Anfang an betreut und die kommen auch immer noch zum Café Asyl. Das sind dann Gruppen, die von jeweils einem von uns betreut werden.“ Einfach ist die Nachversorgung der Geflüchteten aber nicht. Bei der Wohnungssuche sei der Widerstand in der Bevölkerung sehr groß gewesen, im Rathaus seien Hassanrufe eingegangen. „Ich bekomme mittlerweile keine Drohbriefe mehr“, sagt Frey. Trotzdem suchten die Ehrenamtlichen verzweifelt nach Wohnungen, hatten ganze Listen abgearbeitet, waren von Haus zu Haus gegangen, um mit den Eigentümern zu sprechen. „Es ist teilweise sehr mühselig“, sagt Jockenhöfer und beklagt: „Es hat immens Wohnungen, ganze Häuser frei in Wangen.“ Sie selbst hat eine Wohnung an einen Syrer vermietet.

„Es ist eine gemeinsame Herausforderung. Das schaffen wir nur zusammen“, meint Bürgermeister Daniel Frey in die Runde. Dennoch bemängeln die Helfer des Arbeitskreises das geringe Interesse und die geringe Unterstützung des Gemeinderates. Von anfänglich 35 Ehrenamtlichen sind auch nur noch sechs bis acht im Arbeitskreis aktiv. Warum es plötzlich so wenige sind, weiß Jockenhöfer nicht. „Wir sind alle an den Grenzen unserer Kapazität. Motivation haben wir schon noch.“ Für andere Hobbies oder Ehrenämter sei aber keine Zeit mehr. „Da ist dann so die Luft raus. Wie motiviere ich die 35 Leute, wieder zu helfen?“, fragt sich Jockenhöfer.

Ohne die Ehrenamtlichen im Arbeitskreis Asyl sei die Flüchtlingsarbeit vor Ort nicht möglich, lobt jedoch Frey. Dank ihnen gibt es ehrenamtlich organisierte Sprachkurse und gemeinsame Aktivitäten. Manche Flüchtlinge geben einen Teil der Unterstützung zurück, erzählt Jockenhöfer: „Einer von unseren ersten Syrern fungiert als Dolmetscher.“ Einmal die Woche besucht er eine neunköpfige Familie, die im Mai nach Wangen gezogen ist. „Das ist Integration.“ Auch der Arbeitskreis kümmert sich um die Integration der Familie in Schule, Kindergarten und Alltag. Die Familie revanchierte sich dafür mit einem Kuchen im Café Asyl. Für die, die sich kulturell noch nicht so sehr öffnen, brauche es mehr Zeit.

Ziel In Wangen wurde für die Anschlussunterbringung kein neuer Wohnraum geschaffen. Dafür hat die Gemeinde den „Wangener Weg“ erarbeitet. Er soll Geflüchtete im Ort unterbringen und integrieren, sodass sie in der Gemeinde bleiben.

Konzept Die Gemeinde steigt in einen Mietvertrag mit einem privaten Vermieter ein und vermietet den Wohnungraum an die Flüchtlinge unter. Die Gemeinde haftet bei Beschädigungen, was dem Wohnungsgeber Sicherheit bietet. „Der Wangener Weg ist der Schlüssel zur Integration der Flüchtlinge in unser Gemeinwesen“, sagt Bürgermeister Daniel Frey.

Auswirkung Zwei Geflüchtete sind auf die Weise des „Wangener Weges“ in gemeindliche Wohnungen eingezogen. 15 weitere Menschen fanden gemeinsam mit dem Arbeitskreis Asyl im Zuge der Anschlussunterbringung ein zu Hause in privaten Wohnungen, die von Wangener Bürgern vermietet wurden.

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