Wie die Palliativambulanz schwerstkranken Menschen hilft

Damit unheilbar kranke Menschen auch im eigenen Zuhause optimale Schmerzmedizin bekommen können, dafür gibt es seit zweieinhalb Jahren die Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung. Ein Hausbesuch.

ARND WOLETZ |

"Man kann die Welt im Großen entdecken oder im Kleinen", sagt Claudia T. (Name von der Redaktion geändert). Die erlebbare Welt der 64-jährigen Frau aus Ebersbach ist klein geworden. Denn wegen ihrer schweren Krankheit, an der sie seit 20 Jahren leidet, kann sie nicht mehr aus dem Haus gehen. Weniger noch: Die Multiple Sklerose hat ihr nach und nach die Bewegungsfähigkeit geraubt. Mittlerweile ist die Lähmung so weit fortgeschritten, dass Claudia T. nur noch den Kopf bewegen kann. Sie braucht Hilfe rund um die Uhr. Eine Pflegekraft wohnt im Haus. Die Angehörigen helfen, wo sie können.

Ihr Rollstuhl wird mit dem Kinn gelenkt, das Telefon mit Sprachsteuerung bedient. Gern sitzt die 64-Jährige im Esszimmer mit dem Blick auf den Garten und liest. An der Aussicht ins Tal und hinüber zur Alb erfreut sich die Ebersbacherin. Jetzt kann sie die Welt im Kleinen wieder genießen. Denn diese zermürbenden Schmerzen, die stellenweise so stark waren, dass sie ihr den Lebensmut raubten, muss sie nicht mehr erleiden. Das verdankt sie den Mitarbeitern der SAPV.

Netzwerk aus Fachleuten

Das Kürzel steht für Spezialisierte Ambulante Palliativ-Versorgung. Ein Netzwerk aus Fachleuten, das sich im Landkreis Göppingen etabliert hat. Für Claudia T. war dies in einer schweren Situation ein Segen, wie sie sagt. Es war ein Wochenende im Oktober, die nervenbedingten Schmerzen, die in den vergangenen Jahren unterschiedlich stark auftraten, wurden unerträglich. Der Hausarzt, der sie ansonsten gut betreut, war nicht erreichbar. Die Patientin und ihre Angehörigen waren verzweifelt, wussten nicht mehr weiter. Über einen Anruf beim ambulanten Hospizdienst kam sie schließlich in Verbindung mit der SAPV. Und sie merkte: Hier bin ich in den richtigen Händen.

Die Medikamente wurden neu eingestellt, so dass die Schmerzen jetzt beherrschbar sind. Seither wird Claudia T. auch vom SAPV-Team betreut. Neben der Gewissheit, dass damit die medizinische Schmerzbehandlung perfekt abgedeckt ist, schätzt sie vor allem die Sicherheit, dass im Notfall jemand erreichbar ist, der sie kennt. Jemand, der weiß, dass sie in einer Krise nicht mehr in die Notaufnahme gefahren werden will. Wöchentlich schaut eine spezialisierte Pflegekraft vorbei. "Ich freue mich auf die Besuche", sagt Claudia T.. Nicht nur, dass sie den Pflegekräften jede Frage stellen kann und kompetente Auskunft erhält. Es ist vor allem das Gefühl, gut aufgehoben zu sein mit ihrer Krankheit. Dass da Menschen arbeiten, "die einen nicht mehr mit Gewalt ins Leben zurückholen wollen", wie Claudia T. sagt, sondern das verbleibende Leben erträglich machen. "So wünscht man es sich als Patient." Diese psychische Stütze und diese medizinische Professionalität, das weiß sie, "wird mir helfen bis zum Schluss".

Die SAPV ist eine wichtige Säule des Gebäudes geworden, auf das unheilbar kranke Menschen sich stützen können - ein Netzwerk, zu dem neben der SAPV der ambulante Hospizdienst und das stationäre Hospiz in Faurndau, die Palliativstationen an der Helfenstein-Klinik und die sogenannte Brückenpflege der Klinik am Eichert, viele Hausärzte und Pflegedienste im Landkreis Göppingen gehören.

Treibende Kraft hinter der SAPV ist der Geislinger Chefarzt Dr. Andreas Schuler. Er hat den Aufbau der SAPV vorangebracht, bis sie vor zweieinhalb Jahren im Kreis ihre Arbeit aufnahm. Heute sind zehn Ärzte mit dabei: fünf Krankenhaus-Mediziner und fünf über den Kreis verteilte niedergelassene Ärzte, die die Zusatzausbildung auf sich genommen haben. 13 Pflegekräfte arbeiten mit unterschiedlichen Stellenanteilen im ambulanten Palliativteam mit. 160 bis 200 Patienten pro Jahr werden in ihrem eigenen Zuhause betreut - also so, wie es sich die meisten Menschen wünschen. Palliativmedizin setzt früher ein als Hospizarbeit, erklärt Andreas Schuler.

Und was treibt einen Mediziner dazu an? "Die Aufgabe beinhaltet sehr vieles von dem, wofür ich Arzt geworden bin", sagt Schuler. "Der Mensch wird in den Mittelpunkt gestellt, seine Nöte, Ängste und Sorgen im letzten Lebensabschnitt." Vor Einführung der SAPV habe zwar die Palliativversorgung an den Krankenhäusern im Kreis funktioniert. Er habe aber vor allem in der ambulanten Schmerztherapie im Zuhause der Patienten Verbesserungsbedarf gesehen, erinnert er sich. Da sei die Frage aufgetaucht wie man die unterschiedlichen Dienste vernetzen könne. Und natürlich, wer das finanzieren soll. Die Verhandlungen mit den Krankenkassen waren schließlich erfolgreich. Als 19. Netzwerk im Land ging die SAPV Kreis Göppingen im Mai 2012 an den Start - gestützt vom Förderverein Pro Palliativ. Die Kosten werden auf Antrag von der Krankenkasse übernommen.

Dabei wird Andreas Schuler nicht müde zu betonen, dass es sich nicht um Konkurrenz zu anderen Diensten, sondern um ein ergänzendes Angebot handelt. Pflegedienste garantieren die Grundversorgung, die SAPV ist für die medizinische Seite zuständig und kümmert sich um die Krisensituationen der unheilbar Kranken. Weil solche Krisensituationen immer auftreten können, bedingt das einen Bereitschaftsdienst für die Mediziner und Pfleger. Ziel sei gewesen, auch im Landkreis Göppingen ein lückenloses Netz für unheilbar Kranke aufzubauen, betont Andreas Schuler. "Das ist das Engagement wert."

Claudia T. fühlt sich trotz ihrer Krankheit in diesem Netz geborgen und sagt: "Ich kann ohne diese Schmerzen wieder leben, wie zu besseren Zeiten."

Finanzierung und Leistungen von Palliativ Care

Bezahlung Anspruch auf Leistungen haben Versicherte, die an einer nicht heilbaren, fortschreitenden Erkrankung leiden, die das Leben des Patienten auf Monate begrenzt, und die zudem eine aufwendige medizinische Versorgung benötigen. Die Versorgung muss von einem Arzt verordnet werden.

Teams Die Leistungen werden von Palliative Care Teams erbracht, die mit den Krankenkassen Verträge geschlossen haben, eine 24-stündige Verfügbarkeit sicherstellen und fachliche Qualifikationen vorweisen: im Kreis Göppingen das "Palliativ-Care-Team SAPV Filstal". Die Koordinierungsstelle an der Helfenstein-Klinik ist erreichbar unter Telefon: (07331) 234 06.

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