"Le Monde" zeigt den Fluchtweg zweier Syrer auf

Der Weg zweier Flüchtlinge führte von Damaskus nach Bad Boll. Anhand ihrer "Whats-App"-Nachrichten an die Familie in Syrien hat die französische Tageszeitung "Le Monde" die Flucht der Syrer geschildert.

PHILIP SCHWARZ |

Die Geschichte der beiden Syrer hat zwei Anfänge. Die eine Erzählung beginnt in Ismir und endet in Bad Boll. In der Türkei kommen die beiden über Journalisten zu Lucie Soullier, Redakteurin der französischen Tageszeitung "Le Monde". Anhand der Nachrichten, die die zwei Flüchtlinge in einer Gruppe an ihre Verwandten und Lieben schicken, rekonstruiert die Journalistin ihre Flucht. Neben einem großen Artikel in der Zeitung lässt sich die Fluchtgeschichte im Internet auf Französisch anhand sämtlicher WhatsApp-Nachrichten lesen.

Zwar endet im Zeitungsbeitrag die Erzählung in Bad Boll, aber nicht für die Journalistin Soullier, die eigens aus Paris anreiste, um nach den zweien zu schauen. Sie hat beschäftigt, wie die beiden sich eingelebt haben und wie es ihren Verwandten geht, die sich auch auf den Weg nach Deutschland machen wollen. Die beiden Syrer sind aber erstmal froh, in Boll angekommen zu sein und zur Ruhe kommen zu können: "Es ist gut hier. Wir sind in Sicherheit."

Die eigentliche Geschichte beginnt jedoch früher. Zwei Wochen lang kämpften sie sich von Syriens Hauptstadt Damaskus bis nach Deutschland durch. Sie, das sind eine 24-Jährige und ihr 28-jähriger Schwager. Beide wollen ihre Namen nicht nennen aus Angst, dass Informationen über sie in Syrien landen könnten. In ihrer Heimat protestierten sie gegen das Regime. Nachdem die Proteste nichts änderten, das syrische Militär wahllos Leute zum Militär einzog und die Mutter der 24-Jährigen grundlos kurzzeitig im Gefängnis festsetzte, beschlossen sie zu flüchten.

Ihre Reise in die Freiheit führte zuerst in den Libanon, wo sie mit Glück über eine weitgehend abgeriegelte Grenze gelangten und dann mit dem Flugzeug weiter in die Türkei, nach Ismir. "Wir wohnten in einer schlechten Gegend. Man spürte überall die Angst der Leute. Alles war organisiert wie in der Mafia", beschreibt die Syrerin ihre letzte Station vor Europa. Mit dem Bus fuhren sie gen Norden an einen Strand: "Er war voller Müll. Wir warteten auf den Sonnenuntergang." Im Schutz der Dunkelheit kamen sie mit einem Schlauchboot über eine Meerenge nach Europa auf die Insel Lesbos. Statt 35 Leute, so erklärte ihnen der Schleuser, waren über 60 in dem kleinen Boot. "Wer schwimmen kann, schafft es auch. Das Gefährliche ist, wenn Panik auf dem Boot ausbricht", erklärt der 28-Jährige. Mit der Fähre ging es dann nach Athen, wo im Hafen schon die nächsten Schlepper warteten. Auf der Balkan-Route versuchten die beiden ihr Glück, nach Deutschland zu kommen.

Der "Hogwarts-Express", erklärt sie, während sie auf ein Bild auf ihrem Handy von dem alten Zug zeigt, der dem in den "Harry-Potter"-Romanen ähnelte, brachte sie dann von Mazedonien nach Serbien. Mit Bussen führte die Reise weiter über Ungarn nach Österreich. Ein ständiger Begleiter waren die gründlichen Kontrollen: "Alles wurde durchsucht und angezweifelt. Die Polizisten waren oftmals überfordert und nervös", berichtet die 24-Jährige. Nach mehreren Versuchen schafften es die zwei dann nach Deutschland. Von Passau führte ihr Weg über die Erstaufnahmestelle in Mannheim nach Göppingen und von dort weiter bis nach Bad Boll. Dort wohnen sie seit zwei Monaten und sind nun in Sicherheit.

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