Zur Konfirmation gab es Bombenalarm

Die Göppinger Poststraße bildet mit der Hauptstraße eine wichtige Achse der Göppinger Innenstadt. Die NWZ stellt in einer Serie das Geschehen und die Gebäude der Straße sowie ihre Geschichte vor.

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Gerahmte Impressionen aus längst vergangener Zeit: eine Kollage mit Motiven vom alten Backsteingebäude in der Poststraße 35/I in Göppingen.  Foto: 

Seit Jahrzehnten schon lebt Lore Eberspächer nicht mehr in der Poststraße. 1952 bereits hatte sie den Bäckermeister Karl Eberspächer geheiratet und war in die Geislinger Straße gezogen. Ihre Kindheit, die sie im Haus Poststraße Nummer 35/I verbracht hat, hat die 84-Jährige aber noch immer lebendig in Erinnerung - auch wenn das große Backsteingebäude schon lange nicht mehr steht. Heute parken an seiner Stelle Autos vor dem Bio-Supermarkt denns.

In dem Anwesen, gebaut von Kommerzienrat Franck, hatte ihr Vater die vom Großvater übernommene Schmiede betrieben. "Die Brauereipferde und die Pferde und Ochsen der Wilhelmshilfe wurden bei uns im Haus beschlagen", erinnert sich Lore Eberspächer genau. Im Hof wurde das Rosshaar zum Trocknen aufgehängt, denn auch eine Polsterei wurde betrieben. Hinterm Haus sei "ein wunderschöner Garten" gewesen. Dort traf sich nach Feierabend die Nachbarschaft auf ein Schwätzchen. Am Sonntag aber spazierte die ganze Familie ins Oberholz in den Schrebergarten.

Lore Eberspächer blickt auf eine Kollage, die ihre Nichte Ulrike Engert ihr geschenkt hat. Sie zeigt das alte Anwesen und die Nachbarschaft. Auch Ulrike Engert ist im Haus der Großeltern aufgewachsen, weiß noch, dass die Aufzugfirma Haisch bis Ende der 1950er Jahre im Haus ihren Sitz hatte. Später befand sich da auch das Fotoatelier von Wilhelm Hildenbrand. "Wir haben auf der Straße gespielt, Fangen, Verstecken, Seilhüpfen oder Himmel und Hölle." Alle Kinder waren draußen, jeder kannte jeden. "An Neujahr traf sich die ganze Nachbarschaft in der Brauereigaststätte." Dort halfen die Kinder manchmal in der Küche aus. "Und durften dann mitessen."

Lore Eberspächer hat aber auch die Wochen und Monate vor Kriegsende 1945 gut im Gedächtnis verwahrt. Zwar hatte es wohl in der Poststraße keine Schäden gegeben. Aber ausgerechnet am 1. März, als die Nordstadt bombardiert wurde und 300 Göppinger den Tod fanden, feierte sie Konfirmation. "Während des Gottesdienstes war Alarm, es fielen aber keine Bomben." Weil es in den Tagen zuvor kein Wasser gegeben hatte, "waren wir zum Kuchenbacken zu meiner Oma nach Lerchenberg gefahren". Nach Kriegsende quartierten sich die Amerikaner ein, jetzt wurde eine Weile in der Werkstatt gekocht.

"Auf der Straße und in der Umgebung war viel los", erinnert sich die alte Dame mit ein bisschen Wehmut in der Stimme an die Zeit ihrer Kindheit zurück - als noch keinen elektronischen Geräten der Vorrang vor den eigenen Spielkameraden gegeben worden war.

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