Zeitfenster sind enger geworden

Vor 40 Jahren wurde in Göppingen die Jugendmusikschule gegründet. Warum es ihrem Leiter Martin Gunkel um die Zukunft der städtischen Einrichtung nicht bang ist, verrät er im Interview mit der NWZ.

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40 Jahre Jugendmusikschule Göppingen ist eine lange Zeit. Wo ist der Hauptunterschied zu den 70ern?

MARTIN GUNKEL: Das Rad lässt sich nicht neu erfinden. Was das Musizieren und eine qualitätsvolle Ausbildung angeht, hat sich nicht sehr viel geändert. Was sich geändert hat, ist, dass die Kinder weniger Zeit haben. Durch die Belastung an der allgemein bildenden Schule mit Nachmittagsunterricht und G8 sind die Zeitfenster enger geworden.

Verschärfend ist die große Konkurrenz an Musik- und Sportvereinen. Ist dadurch die erfolgreiche Arbeit etwa der Jugendkapelle oder des Jugendsinfonieorchesters gefährdet?

GUNKEL: Da haben wir keine Nachwuchssorgen. Wir haben einen guten Schülernachwuchs. Das liegt auch daran, dass wir schon vor Ort in den Kindergärten tätig sind mit der Musikalischen Früherziehung.

Wann wurde die eingeführt?

GUNKEL: Vor 20 Jahren. Heute sind wir in 25 Kindergärten vor Ort präsent. Damit können wir natürlich auch eine ideale Breitenarbeit machen und auch Familien mitversorgen, die nicht von selbst zur Jugendmusikschule kommen würden. Diese Arbeit in Kindergärten kann man auch noch weiter ausbauen.

Das gilt auch für Grundschulen?

GUNKEL: Ja, dort sind wir seit 40 Jahren präsent, inzwischen auch an 25 Grundschulen. Begonnen haben wir in der Walther-Hensel-Schule, anschließend wurde das Angebot nach und nach ausgeweitet.

Gut die Hälfte dieser 40 Jahre haben Sie selber mitgeprägt. Auf was schauen Sie besonders gerne zurück?

GUNKEL: Besonders schön sind die internationalen Jugendbegegnungen. Das hat ein besonderes Flair. Wir haben ja viele Partnerschaften - nach Spanien, nach Südafrika, kürzlich erst waren wir in Riga. Wenn unsere Freunde dann hier zu Besuch und in Gastfamilien untergebracht sind und gemeinsam mit unseren Ensembles Konzerte geben, das sind wunderschöne Momente.

Der Gemeinderat hat eine Erhöhung der Musikschulgebühren beschlossen. Schlägt sich das 2012 auf die Anmeldezahlen nieder, die ja bisher stetig nach oben gingen?

GUNKEL: Wir können das bisher nicht feststellen. Das liegt daran, dass wir eine sozial ausgewogene Gebührensatzung haben. Der Gemeinderat hat vor 40 Jahren den Satz kreiert: Kein Kind soll aus finanziellen Gründen von der Teilnahme am Musikschulunterricht ausgeschlossen werden.

Und das hat sich bewährt?

GUNKEL: Ja, absolut. Wir haben Ermäßigungsmöglichkeiten, Härtefallregelungen, es gibt die Bonuskarte und das Teilhabepaket der Bundesregierung. Und das alles zusammen führt dazu, dass alle Bürgerschichten teilnehmen können. Da sind wir auch stolz darauf.

Der Kostendeckungsgrad der Musikschule liegt dennoch nur bei 46,4 Prozent. Sehen Sie noch Möglichkeiten zu Kosteneinsparungen?

GUNKEL: Diese Zahl hängt mit dem doppischen Rechnungswesen des Neuen Kommunalen Haushaltsrechts zusammen. Da sind auch noch allgemeine Kosten der Stadt mit verrechnet. Wenn man das real sieht, liegt der Kostendeckungsgrad deutlich über 50 Prozent. Und das ist für eine Bildungseinrichtung ein hoher Wert.

Könnten Sie sich auch eine Kooperation mit der Musikschule Eislingen vorstellen?

GUNKEL: Damit bin ich bisher nicht konfrontiert worden. Aber schon jetzt haben wir ja Verträge mit acht Umlandgemeinden im südlichen Voralbgebiet.

Zahlreiche Schüler und Ensembles der Jugendmusikschule erhalten regelmäßig Preise und Auszeichnungen bei Wettbewerben. Wie erklären Sie sich die Erfolge?

GUNKEL: Die Ensemble-Arbeit in Göppingen hat eine besondere Tradition. Die Jugendmusikschule ist sehr verwurzelt, auch in den Familien. Und wir haben gute Lehrer, die den Kindern Freude am Musizieren vermitteln. Musizieren soll auch ein Ausgleich zum stressigen Schulalltag sein. Es macht den Kindern aber nur Spaß, wenn sie gefordert werden. Das im richtigen Maß zu machen mit Fingerspitzengefühl, das ist die Kunst.

Andere Musikschulen kooperieren mit bestimmten Musikvereinen. Wäre das für Sie eine Option?

GUNKEL: Wir haben viele Schüler, die auch in Musikvereinen mitspielen, und das Städtische Blasorchester beteiligt sich beim Konzert "Blasmusik aus Göppingen". Aber es gibt viele Gruppierungen, und wir wollen uns nicht verzetteln. Wir sehen uns als Partner aller Musikvereine.

Die Musikschule Ebersbach wendet sich inzwischen gezielt auch an Erwachsene. Haben Sie das auch für Ihre Musikschule erwogen?

GUNKEL: In unserer Satzung steht, dass die Musikschule bei der Projekt- und der Ensemblearbeit, etwa beim Städtischen Blasorchester, für Erwachsene offen ist. Die Instrumentalausbildung haben wir noch nicht geöffnet, weil wir Wartelisten haben und weil wir in erster Linie für die Kinder da sind.

Apropos Blasorchester: Das feiert am Sonntag sein 30-jähriges Bestehen mit einem Festkonzert. Nochmal eine lange Tradition. . .

GUNKEL: Ja, das Städtische Blasorchester wurde gegründet, um den jungen Musikern, die aus der Jugendkapelle herauswachsen, die Möglichkeit zu geben, in einem qualifizierten Orchester weiterzuspielen. Wir sind stolz darauf, so ein Ensemble betreuen zu dürfen, und freuen uns auf das Festkonzert.

Was sehen Sie als wichtigste Aufgabe, um die Musikschule für die Zukunft zu rüsten?

GUNKEL: Zunächst einmal stecken wir in einem ständigen Qualitätsverbesserungsprozess. Das bindet alle pädagogischen Kräfte. Man spricht immer von den persönlichkeitsbildenden Wirkungen der Musik. Das ist erwiesen. Aber es funktioniert nur, wenn dieser Prozess über Jahre läuft. Und das schafft man nicht mit Crash-Kursen, mit Massenunterricht, auch nicht mit Tingeltangel-Angeboten, bei denen man hier und da mal einen Luftballon steigen lässt. Das schafft man nur, wenn man den roten Faden im Auge behält, mit qualifiziertem Fachunterricht und Qualität.

Was würden Sie Eltern raten, die besorgt sind, dass ihr Kind mit G8, Sportverein und Musikunterricht überfordert ist?

GUNKEL: Sport ist auch wichtig, ganz klar. In meiner Jugend habe ich begeistert Fußball gespielt, bis zur A-Jugend. Beides ist wichtig. Und ich glaube auch, dass sich beides auch heute noch gut verbinden lässt. Den Schlüssel dafür haben aber die Schulen in der Hand, die dafür sorgen müssen, dass genügend Zeitfenster da sind und die musizierenden Schüler Anerkennung erfahren. Und warum sollen Kinder, wenn sie regelmäßig die Musikschule als staatlich anerkannte Bildungseinrichtung besuchen, Ensemble-Arbeit leisten und das, was sie gelernt haben, ja auch wieder in die Schule tragen, etwa indem sie das Schulorchester unterstützen, ihre Leistung nicht zeitlich angerechnet bekommen? Das wäre richtig und fair.

Ein Ziel, das Sie auch im Gespräch mit Lehrern und Schulleitern vermitteln?

GUNKEL: Natürlich, wir sind da ständig in Gesprächen. Das Musikschulzertifikat, das wir vor ein paar Jahren eingeführt haben, ist ein schöner Erfolg. Aber es ist erst der Anfang. Wir müssen einfach immer wieder sehr geduldig darauf verweisen - auch gegenüber dem Kultusministerium.

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