Zeit und Raum hinter sich gelassen

Hermann R. Petersohn restauriert historische Kunst, malt, ist Bildhauer und schreibt Märchen - den Mainzer auf eine Kunstrichtung, auf einen Stil festlegen zu wollen, ist völlig unmöglich.

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Die Malerei ist nur eine von zahlreichen Passionen des Restaurators und Künstlers Hermann R. Petersohn.  Foto: 

Auf dem Tisch von Hermann R. Petersohns Atelier im Göppinger Norden liegt ein Bild von Georg Strobel, ein Gmünder "Haus- und Hofmaler". Die Leinwand hat Risse bekommen, wird jetzt von Petersohn in einem aufwändigen Verfahren verschweißt. Ein wertvolles Kruzifix aus dem zwölften Jahrhundert wartet noch auf seine Restaurierung. Der Fachmann hat alle Schäden aufgenommen. Dabei hat ihm mehr als einmal das Herz geblutet. Denn "man hat - vielleicht im 15. Jahrhundert - modernisiert und dabei brutal eingegriffen". Das Lendentuch wurde abgeschnitzt, ebenso die Haare und der Bart. Auch die Hand ist nicht mehr romanisch geöffnet, sondern gotisch verkrampft. Eine Abendmalszene wartet ebenfalls noch auf die regulierende Hand des Restaurators.

Der Restaurator und Künstler war bereits früh mit Kunst in Kontakt gekommen. "Mein Vater hat aquarelliert. Ich saß stundenlang dabei und sah zu." Gut erinnert er sich an sein erstes selbst gemaltes Bild. "Ich war sieben Jahre alt und malte ein Bild vom Salzburger Petersdom." Zu Weihnachten bekam der heute 61-Jährige einen Aquarellkasten geschenkt, und da war sein Berufsweg fast schon vorgezeichnet. Allerdings: "Meine Eltern wollten, dass ich etwas Solides lerne." In Frage kamen Förster, Koch oder Restaurator. Den Ausschlag gab ein verheerendes Hochwasser Mitte der 60er Jahre in Florenz. Als er die Unmengen an zerstörter Kunst sah, war für ihn klar, welchen Beruf er ergreifen möchte. In seiner Heimatstadt Mainz machte er eine Ausbildung zum Gemälderestaurator, arbeitete im Dom- und Diözesanmuseum Mainz. Das Malen hat er aber nie aufgegeben, war dabei immer von sakraler Kunst inspiriert. "Damals begann ich mit Buchmalerei in der alten Technik." Er interpretiert die Motive neu, gibt ihnen einen zeitgenössischen Bezug. Vor 25 Jahren verschlug es den Mainzer "der Liebe wegen" nach Göppingen. Hier arbeitet er als selbständiger Restaurator und freischaffender Künstler. Jüngst hat er die Heilig-Kreuz-Kapelle der Göppinger Oberhofenkirche für sich entdeckt, gibt dem sakralen Raum mit seinen nicht selten schrillen Skulpturen und Installationen ein besonderes Gepräge. Nach Ostern war es der auferstandene Christus, der seine Dornenkrone hinter sich gelassen hat. "Eine ganze Nacht hindurch" hat er an der Installation gearbeitet, Zeit und Raum hinter sich gelassen und mehr und mehr Licht in die Szenerie eingearbeitet.

Doch nicht nur sakrale Einflüsse finden sich in der Kunst. In der Höhle von Niaux im Langedoc hat er Inspiration gefunden. Hier finden sich Tierdarstellungen, die fast 15 000 Jahre alt sind und zu den ältesten Malereien der Menschheit zählen. Auch sie interpretiert er neu. Einzelne Tiere gehen ineinander über, beleben die Leinwand. Eines dieser Höhlenbilder war in der Faurndauer Stiftskirche ausgestellt, "passte perfekt dorthin". In mehreren Schichten ist es gemalt, vielschichtig wie das menschliche Leben. "Ich male intuitiv, aus dem Bauch heraus, ohne jede Kunsttheorie", sagt Hermann R. Petersohn. "Ich fange einfach an, dann entwickelt sich eine Idee." Sein christlicher Hintergrund "kommt immer hoch, wie Luftbläschen". Seit zwei Jahren widmet es sich wieder ganz intensiv der Skulptur. Auch hier schwinge Sakrales mit.

Mit der Malerei kann er eine weitere Passion verbinden. "Auch die Jagd ist ein Prozess", sagt Hermann R. Petersohn. Wenn er ganz alleine vom Hochsitz aus Wild beobachtet, "dann bekomme ich den Kopf frei und spüre die Verantwortung des Menschen dem Tier und der Natur gegenüber." Den Jägern aus der Höhle von Niaux fühlt er sich dann in besonderer Weise verbunden.

Nicht auf der Leinwand, sondern auf dem Smartphone sind die Zeichnungen entstanden, die die Geschichten illustrieren, die Hermann R. Petersohn seit vielen Jahren immer zu Weihnachten an Freunden und die Familie verschickt.

Seiner Heimatstadt Mainz fühlt sich der Künstler nach wie vor verbunden. "Einmal im Jahr muss ich zur Fasnacht." Bei den Schwaben fühlt er sich inzwischen wohl, "auch wenn man als Mainzer nie ein Schwabe wird".

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