Zahlungsmoral: Wenn das Geld nicht kommt

Rund ein Drittel der Firmen im Kreis Göppingen ächzt unter der schlechten Zahlungsmoral ihrer Kunden. Die Experten Michael Engelhardt und Lothar Lehner erklären, wie sich Gläubiger am besten verhalten.

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    Lothar Lehner leitet die Geschäftsstelle des BVMW im Landkreis. Foto: 
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    Michael Engelhardt ist Chef der Creditreform Göppingen. Foto: 
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Gerade kleine und mittelständische Unternehmen bekommen häufig Liquiditätsprobleme, obwohl der Betrieb bestens läuft.

MICHAEL ENGELHARDT: Das ist in der Tat gar nicht so selten. Da gibt es den fleißigen Handwerker, der von morgens bis abends auf der Baustelle tätig ist, aber das Geld dafür kommt nicht rein. Da muss man sich dann mal anschauen, wie die Rechnungstellung erfolgt und wie die Mahnprozesse laufen.

Also ein reines Problem der Handwerksbetriebe?

ENGELHARDT: Nein, das ist kein reines Handwerkerproblem. Auch kleine und mittelständische Unternehmen im industriellen Bereich haben Probleme mit der Liquidität.

Wäre da nicht die Hausbank gefordert, die Kreditlinien zu ändern?

ENGELHARDT: Das könnte man auf den ersten Blick meinen, doch das ist gefährlich. Höhere Kredite belasten die Bilanz und bedeuten oft auch eine schlechtere Bewertung. Und das völlig ohne Grund.

Zu welchem Schritt raten Sie denn?

ENGELHARDT: Wenn das Problem nicht durch zügigere Rechnungstellung und beschleunigten Mahnprozess gelöst werden kann, dann gibt es die Möglichkeit, einen Factor dazwischenzuschalten. Der hilft, das Liquiditätsproblem zu umgehen.

LOTHAR LEHNER: Factoring ist eine Finanzdienstleistung und dient Unternehmen als Finanzquelle. Die können, gerade wenn lange Zahlungsziele vereinbart sind, dadurch ihre Bilanz um Forderungen und Verbindlichkeiten verkürzen und verbessern so ihre Liquiditätssituation und Eigenkapitalquote. Soll heißen: die Forderung wird an den Factor verkauft. Das Factoring ist in der Regel günstiger als ein Barkredit.

Gibt es im Landkreis viele Unternehmen, die gegen eine schlechte Zahlungsmoral ankämpfen müssen?

ENGELHARDT: Wir gehen davon aus, dass hier ein gutes Drittel der Betriebe betroffen sind. Zu dieser Erkenntnis kommen wir unter anderem durch unsere Wirtschaftsforschung, die wir deutschlandweit und heruntergebrochen bis auf den Postleitzahlenbereich betreiben. Die Zahl im Landkreis Göppingen ist deshalb so hoch, weil wir hier überdurchschnittlich viele Firmen haben, die Zulieferer für die Automobilbranche sind. Und die hat zum Teil Zahlungsziele von bis zu 180 Tagen. Da wird es für manchen schon sehr eng. Eine schlechte Zahlungsmoral von Kunden kann also relativ schnell zu Liquiditätsproblemen des liefernden Betriebs führen.

LEHNER: Der Zulieferer kann da in der Regel nichts ändern. Für die großen Konzerne gehört das zu den Geschäftsbedingungen. Da steht der Maschinenbauer hier vor Ort nur vor der Wahl: Friss oder stirb.

Ist die Abhängigkeit von den großen Autobauern die einzige Ursache?

LEHNER: Probleme können auch Unternehmen bekommen, die viel exportieren. Wir in Deutschland sind ja mit einem Zahlungsziel von in der Regel 30 Tagen regelrecht verwöhnt. Wenn wir uns in Europa einmal umschauen, dann sind längere Zahlungsziele von 60 oder 90 Tagen anderswo selbstverständlich. Zum Beispiel in Italien oder Spanien.

Kann die Kreisgeschäftsstelle des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW) helfen?

LEHNER: Wir versuchen ja, über unsere Veranstaltungen Unternehmer zu den verschiedensten Themen zu informieren und wollen helfen, ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen unseren Referenten und den Besuchern unserer Treffen aufzubauen. Der BVMW ist deshalb auch mit der Creditreform Göppingen eine Kooperation eingegangen. Unternehmer, die bei uns Mitglied sind, erhalten dort jetzt ein umfassendes Mehr an Beratung, zum Beispiel auch zum Thema Factoring, das die Creditreform über ein eigenes Tochterunternehmen anbietet.

Wie ist es denn um die Zahlungsmoral der öffentlichen Hand bestellt?

ENGELHARDT: Für Kommunen kann man festhalten, dass diese im Allgemeinen eine gute Zahlungsmoral haben und selten Zahlungsziele überschreiten. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise kommt es zwar durchaus vor, dass Kommunen in einen deutlichen Verzug geraten. In Baden-Württemberg und speziell im Kreis Göppingen ist dies nicht der Fall. In den vergangenen zehn Jahren hatten wir nur einen Fall, und da ist die Rechnung, ganz menschlich, einfach vergessen worden. Allerdings kann man feststellen, dass in Zeiten klammer kommunaler Kassen, die Zahlungsziele wesentlich intensiver ausgenutzt werden als noch vor zehn Jahren.

In welchen anderen Bereichen kann die neue Kooperation zwischen Creditreform Göppingen und dem BVMW Unternehmern helfen?

ENGELHARDT: Ganz aktuell bei der Frage, ob eine geplante Warenlieferung nach Russland gegen die verhängten Sanktionen verstößt. Wir kennen die Sanktionslisten genau und sind auch über die Adressaten in Russland informiert. Wir wissen, wer hinter den Empfängerfirmen steckt. Und auch bei der Geldwäscheprävention können wir den Unternehmern behilflich sein. Wer hier nicht aufpasst, kann schnell Opfer werden.

Welche Rolle spielen Betrugsfälle im elektronischen Handel?

ENGELHARDT: Die nehmen auffällig zu. Aktuell hatten wir ein Unternehmen hier im Kreis, bei dem das Inkasso plötzlich rasant angestiegen ist. Wir haben festgestellt, dass Ursache hierfür die Möglichkeit des Rechnungskaufs bei einer Liefergarantie von 48 Stunden war. Die hatten sich Betrüger zunutze gemacht und sich Waren an Adressen liefern lassen, die nur zwei Tage, bis zu erfolgten Lieferung, Bestand hatten. Danach waren die Besteller über alle Berge. Prüfprozesse bei Online-Shop-Anbietern sind wichtig. Der Schaden im Online-Handel beträgt jährlich zwei Milliarden Euro. Wir gehen aber davon aus, dass die Dunkelziffer noch weit höher ist.


Info: Das Interview wurde unserer Zeitung vom Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) und dem Unternehmen Creditreform Göppingen zur Verfügung gestellt.

Zu den Personen

Michael Engelhardt (31) ist geschäftsführender Gesellschafter der Creditreform Göppingen Engelhardt KG. Das Unternehmen hat seinen Sitz in Eislingen. Nach dem Studium in Tübingen (allgemeine Rhetorik) qualifizierte sich Engelhardt an der Hochschule Bochum zum Certified Credit Controller. Vor dem Einstieg bei der Creditreform arbeitete Engelhardt beim Malteser Hilfsdienst Baden-Württemberg. Der Firmenchef interessiert sich für Literatur und betreibt als Hobby historisches Fechten.

Lothar Lehner (49) ist Geschäftsführer der Lehner Management GmbH in Geislingen und Vertragspartner des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW). Der Diplom-Betriebswirt begann seine berufliche Laufbahn beim Genossenschaftsverband Stuttgart und kam dann in die Albwerk-Gruppe nach Geislingen, bevor er sein eigenes Beratungsunternehmen gründete. Lehner ist verheiratet und hat ein Kind, interessiert sich für Politik und liebt Literatur und Musik.

Kooperation: Der BVMW und das Unternehmen Creditreform Göppingen haben eine Kooperation begründet. Creditreform Göppingen hat unter anderem den Schuldner-Atlas für Baden-Württemberg und den Landkreis Göppingen erarbeitet.

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