Wortgewaltiger Kabarettist mit Stachel

Rasant, thematisch dicht, wortgewaltig, schmerzhaft und dabei noch unterhaltsam - das alles kann politisches Kabarett sein. Thomas Reis erbrachte im Geislinger Schlachthof den eindrücklichen Beweis.

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. Thomas Reis verlangte seinem Publikum im Geislinger Schlachthof einiges ab. Zwei Stunden lang spielte er die Zuschauer mit einem pausenlosen wortgewaltigen Redeschwall schwindlig. Wie ein in allen Sprachfacetten schillernder Kabarett-Kolibri flatterte er von Thema zu Thema, von fein ziselierender Pointe zum Vorschlaghammer-Kalauer - ein Ein-Mann-Philosophisches-Quartett auf Speed. Wer beim Zuhören kurz abschweifte, dem war Thomas Reis schon wieder einen 110-Meter-Hürdenlauf an Gedankensprüngen voraus. Dass er das Publikum dabei stets in seinem Bann behielt und den Zuschauern konstant Lacher entlocken konnte - vom Schenkelklopfen bis zum ungläubigen Gluckser, der fast im Halse stecken bleibt-, war große Kabarett-Kunst

"Und sie erregt mich doch" ist der Titel seines aktuellen Programms. Wer sich hinter dem "sie" verbirgt, bleibt kryptisch, ist es die Liebe, die Politik oder doch Angela Merkel? Entsprechend lang waren Reis Gedankenketten und gebührend stufenreich seine Wortkaskaden. Gerne vermischt Reis bekannte Diskurse miteinander: So unterzieht er zum Beispiel Kriegswaffen der Psychoanalyse, wendet politisch korrektes "Bio-Sprech" auf Exekutionsverfahren an und macht plagisierende Politiker zu Opfern ihrer Steuerberater. Das führt letzten Endes zu Bomben, die zu intelligent sind, um sich in die Luft zu sprengen, Hinrichtungen durch Biogas und elektrische Sitzecken und Politikern, die ihren Doktortitel verlieren, weil sie dem Rat folgten: "Promotion lohnt sich: Das kannst du alles abschreiben."

In seiner "Erregung" schreckt Thomas Reis auch nicht davor zurück, radikale Lösungen ins Spiel zu bringen. Die Finanzkrise erzählt er als Grimmsches Märchen nach: Die Banken-Hexe lockt ihre Opfer ins Haus aus kostenlosen "Pfefferaktien". Die Moral von der Geschicht: "Hänsel und Gretel haben sich befreit - sie waren gewaltbereit." Auch von Schönheitsoperationen gegen "Investmentastasen" hält Reis nichts. Was hilft, ist nur eine Radikalkur durch Dr. Guillotine. Denkt Reis an die Arbeitsbedingungen von Leiharbeitern, wünscht er sich den Sklavenhandel zurück, denn: "Eigentum ist geschützt."

Genauso virtuos wie Reis Themen und Diskurse durcheinanderwirbelt, schlüpft er auch in verschiedene Rollen: Ob als in akademischen Worthülsen versteinerter Philosoph, Teufel auf der freudschen Couch oder Gott höchstpersönlich, stets legte Thomas Reis den Finger genauso in die Wunde, dass es am meisten schmerzt.

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