Wolfgang Huber über IS-Terror, Gebote und Fußball

Wolfgang Huber hat in Göppingen den Abendgottesdienst in der Oberhofenkirche besucht. Im Interview spricht er über IS-Terror, Gebote, vertretbare Notmittel und Fußball.

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  • Er war nicht nur Bischof der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg sowie EKD-Ratsvorsitzender, sondern auch als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten im Gespräch: der Theologe Wolfgang Huber. 1/3
    Er war nicht nur Bischof der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg sowie EKD-Ratsvorsitzender, sondern auch als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten im Gespräch: der Theologe Wolfgang Huber. Foto: 
  • Wolfgang Huber war bei der Stadtkirchengemeinde Oberhofen zu Gast: Als Dankeschön für seinen Besuch und seine Predigt überreichte Pfarrer Andreas Weidle (li.) dem Theologen ein Weinpräsent mit "Württembergern". 2/3
    Wolfgang Huber war bei der Stadtkirchengemeinde Oberhofen zu Gast: Als Dankeschön für seinen Besuch und seine Predigt überreichte Pfarrer Andreas Weidle (li.) dem Theologen ein Weinpräsent mit "Württembergern". Foto: 
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Herr Huber, was hat Sie zum Abendgottesdienst in die Oberhofenkirche nach Göppingen geführt?

WOLFGANG HUBER: In Gestalt der Abendgottesdienste gibt es hier ein eindrucksvolles Projekt, an dem ich gerne einmal mitwirken wollte. Und ich freue mich sehr, dass es jetzt endlich geklappt hat, denn die erste der beharrlichen Anfragen von Pfarrer Weidle geht auf das Jahr 2012 zurück.

Was für eine Bedeutung hat für Sie so ein Gottesdienst, dass Sie dafür eigens aus Berlin anreisen?

Ich vertrete die Überzeugung, dass unsere Kirche eine öffentliche Kirche ist und dass die Auslegung des Evangeliums möglichst viele Menschen erreichen soll. Deshalb finde ich es sehr gut, dass es hier zusätzlich zum traditionellen Gottesdienst am Sonntagmorgen noch andere Gottesdienstformen gibt, die man mit der Hoffnung verbindet, Menschen zu erreichen, die vielleicht nicht unbedingt den normalen Sonntagsgottesdienst besuchen, der natürlich seine große Bedeutung und Wichtigkeit behält. Solche Gottesdienste brauchen zusätzliche Anstrengungen, an denen ich mich gern beteilige.

Fühlen Sie sich da nicht ein wenig als "Stargast"?

Wenn es Menschen gibt, die sich darüber freuen, dass ich hier bin, dann freue ich mich natürlich auch. Die Sterne sind am Himmel, und die Menschen sind auf der Erde. Insofern kann man das Wort "Stargast" ganz gelassen auf sich beruhen lassen.

Im Mittelpunkt des Gottesdiensts steht das Thema "Vertrauen". Was verbinden Sie mit diesem Begriff?

Es ist eine großartige Idee, bei starken Gefühlen nicht nur an Liebe oder Angst zu denken, sondern auch an Vertrauen. Ich bin davon überzeugt, dass das Vertrauen in unserer Gegenwart auf viele Weise vernachlässigt und geringgeschätzt wird. Dabei gehört es zu den wichtigsten Grundelementen der menschlichen Existenz. Ohne Vertrauen kann unser Leben nicht gelingen.

Wie kann Vertrauen ganz konkret bei der täglichen Lebensbewältigung helfen?

Es kommt darauf an, worauf man vertraut. Ob man das ganze Vertrauen auf sich selbst bezieht oder auch auf andere. Und wie gehe ich damit um, wenn das Vertrauen scheitert? Wie könnte dann ein neuer Anfang aussehen? Weil man sich diese Fragen immer wieder stellen muss, ist das Gottvertrauen so wichtig. Dieses Vertrauen ist die Grundlage dafür, dass wir auch mit Zuversicht in schwierige Situationen unseres Lebens hineingehen können.

Wie kann das ganz konkret gelingen?

Wenn man Fehler gemacht hat und das eigene Selbstvertrauen erschüttert ist, kann man sich meist nicht selbst aus dem Sumpf ziehen, sondern braucht die Zusage, dass es einen neuen Anfang gibt. Die Sprache des christlichen Glaubens nennt das Vergebung. Die Gewissheit, dass uns in Jesus Christus ein neuer Anfang geschenkt ist, bestimmt mein Gottvertrauen.

Und wenn Vertrauen zerstört wird, was dann?

Wir alle wissen, dass das passieren kann - durch Unaufrichtigkeit, Untreue und viele andere Dinge. Trotzdem darf man sich nicht in den Sog ziehen lassen, niemandem mehr zu trauen. Dann bringt man das Zusammenleben mit anderen Menschen nicht mehr zustande. Da hilft uns das Gottvertrauen ganz konkret.

Wie sieht das in der Politik aus, wo das Wort Vertrauen im Zusammenhang mit Griechenland gerade Hochkonjunktur hat?

Politik ohne Investition in die immer wieder notwendige Erneuerung des Vertrauens kann es nicht geben. Man darf Menschen nicht einfach auf Äußerungen in der Vergangenheit festlegen, sondern man muss immer wieder miteinander einen neuen Weg suchen. Da wird das Gottvertrauen praktisch.

Haben Religion und Glaube in unserer säkularisierten Welt noch eine Chance?

Ich halte es für einen Irrtum zu sagen, unsere Welt sei säkularisiert. Säkular ist hoffentlich der Staat. Aber die Gesellschaft ist vielfältig. Da gibt es unterschiedliche religiöse Überzeugungen und eine starke christliche Tradition, die wir nicht über Bord werfen dürfen. Es gibt bei uns wie anderswo natürlich auch eine starke säkulare Strömung. Ich weiß, wovon ich rede. Ich lebe in Berlin, im Osten Deutschlands. Die entscheidenden Fragen auch unserer Zeit sind jedoch Glaubensfragen. Man denke nur an die aktuelle Auseinandersetzung um den Islam.

Wie sollen Staat und christliche Kirchen mit dieser Weltreligion umgehen?

Die Kirchen sollten aus eigener Glaubensfestigkeit tolerant mit den Vertreterinnen und Vertretern anderer Religionen umgehen. Zur Toleranz gehört ein Bewusstsein für das, was man gemeinsam hat, worin man übereinstimmt, aber auch eine klare Position dort, wo man es mit Unterschieden zu tun hat. Klarheit und gute Nachbarschaft gehören zusammen. Deshalb müssen wir uns auch mit den Muslimen, die bei und mit uns leben, zusammentun und eine klare Grenze ziehen gegen den schrecklichen und beunruhigenden Extremismus des "Islamischen Staats".

Die Bundesrepublik liefert im Kampf gegen den IS Waffen in die Krisengebiete. Wie stehen Sie als Christ dazu?

Natürlich gilt für Christen der Vorrang gewaltfreier Mittel. Doch die Verbrechen des sogenannten Islamischen Staats sind furchtbar, es handelt sich um Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Da ist es einfach unmöglich, tatenlos zuzuschauen. Das fünfte Gebot "Du sollst nicht töten" schließt auch das Gebot "Du sollst nicht töten lassen" mit ein. Deshalb habe ich mich dazu durchgerungen, die Waffenlieferungen an die Peschmerga für ein vertretbares Notmittel zu halten.

In Stuttgart findet Anfang Juni unter dem Psalmwort "Damit wir klug werden" ein evangelischer Kirchentag statt, an dem Sie auch teilnehmen werden. Wann gibt es mal wieder einen ökumenischen Kirchentag wie zuletzt 2003 und 2010?

Evangelische Kirchentage wie auch die Katholikentage sind heute durchweg auch ökumenische Ereignisse. Und auf der Ebene der Gemeinden wird Ökumene Tag für Tag ganz praktisch gelebt. Die Verantwortlichen in den Amtskirchen müssen dafür Sorge tragen, dass diese Ökumene vor Ort nicht entmutigt, sondern ermutigt wird.

Ihr aktueller Terminkalender sieht nicht gerade nach Ruhestand aus. . .

Ruhestand bedeutet für mich nicht, dass ich mich zur Ruhe setze, sondern dass ich unter dem Gebot "Du sollst deine Zeit nicht nutzlos verbringen" weiterhin, vor allem auch ehrenamtlich, aktiv bin. Aber neben Reisen, Vorträgen, Gottesdiensten und anderen Verpflichtungen habe ich mehr Zeit für die Familie und für sportliche Aktivitäten. So kann ich auch mehr auf meine Gesundheit achten als früher.

Wie halten Sie sich denn fit?

Ich laufe gerne, schwimme, paddle, fahre Ski und wandere, bin also ein Breitensportler im wahrsten Sinne des Wortes. Das macht mir große Freude, vor allem auch deshalb, weil ich das Meiste mit meiner Frau zusammen machen kann.

Bei Frank Plasbergs TV-Talk "Hart aber fair" haben Sie sich kürzlich sehr emotional und kritisch zur Fußball-WM in Qatar geäußert. Sind Sie auch Fußball-Fan?

Ja, ich interessiere mich sehr für Fußball und bin nicht nur Fan, sondern auch Ehrenmitglied von Hertha BSC. Fußball ist ein starkes Stück Leben. Weltmeisterschaften sind für mich seit dem berühmten "Wunder von Bern" 1954 ein wichtiges Thema. Sehr gerne erinnere ich mich an das Sommermärchen von 2006, das ich unmittelbar miterleben konnte. Deshalb bin ich entsetzt darüber, was in Qatar passiert, wo das Vertrauen in den Fußball so schändlich beschädigt wird.

Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, Theologe, Pfarrer zu werden?

Ich bin zunächst aus Interesse und Überzeugung in die evangelische Jugendbewegung gekommen und habe dort schon als 13-Jähriger Verantwortung übernommen, Andachten gehalten und Bibelarbeiten geleitet. Die selbstständige Auseinandersetzung damit, was am christlichen Glauben für mich selbst tragend ist, hat für meine Lebensgeschichte eine große Bedeutung. Darin wurde ich auch durch einen sehr guten Religionsunterricht gefördert. Schon in der Zeit des Konfirmandenunterrichts sagte ein junger Vikar zu mir: Du könntest Pfarrer werden. Das traf mich wie ein Blitz. In meiner Familie war dieser Berufswunsch eigentlich nicht vorgesehen. Diesen Schritt habe ich in keiner Sekunde meines Lebens bereut.

Eine aktuelle Frage zum Schluss: Was bedeutet Ihnen Ostern?

Ostern ist für mich das große Hoffnungsfest. Und ich habe keine inneren Schwierigkeiten damit, dass ins christliche Osterfest die Freude am Erwachen der Natur mit hineinfließt. Deshalb gehören auch Osterbräuche wie etwa das Verstecken von Eiern im Garten einfach zum Fest dazu. Den Ostergottesdienst feiere ich an einem ganz besonderen Ort, in der Nagelkreuzkapelle in Potsdam, die an dem Ort steht, wo früher die Garnisonkirche stand. Hier soll eine neue Kirche entstehen als Zeichen der Versöhnung über Gräben und Gräber hinweg.

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