Werkstatt und Spielplatz in einem

Die Göppinger Poststraße bildet mit der Hauptstraße eine wichtige Achse der Göppinger Innenstadt. Die NWZ stellt in einer Serie das Geschehen und die Gebäude der Straße und ihre Geschichte vor.

|
Eine Aufnahme des Hauses in der Poststraße 7 vor dem Abriss in den 80er Jahren.

Nichts erinnert mehr an das Fachwerkhaus mit seiner Schiefervertäfelung, in dem bis kurz vor seinem Abriss in den 80er Jahren die Friseurmeisterin Heidrun Läpple ihren Salon betrieb. Dort finden sich heute seniorengerechte Wohnungen der Wilhelmshilfe Göppingen, Arztpraxen und therapeutische Einrichtungen.

In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts hatte am östlichen Rand der Stadt Johann Schauffler seine Rotgerberei betrieben. Jahrzehntelang brachten anschließend die Polsterer- und Tapeziermeister der Familie Braun dort Werkstatt und Laden unter. Hans-Dieter Utz hat mit seinen beiden Brüdern einen Teil seiner Kindheit im Haus seiner Urgroß- und Großeltern verbracht.

Sie genossen großes Ansehen in der Stadt, arbeiteten in allen Fabrikantenvillen. Ein altes Foto zeigt die beiden Männer mit Mitarbeitern. Die Aufnahme belegt, dass früher auch Handwerker mit Krawatte zur Arbeit gegangen sind. Der Urgroßvater galt als wohlhabend, hat erfolgreich Immobiliengeschäfte getätigt und sich in seiner Freizeit der Obstbaumveredlung und dem Lesen von Geschichtsbüchern verschrieben.

Hans-Dieter Utz und seine Brüder kannten sich in der Werkstatt gut aus. Sie war ihnen - ebenso wie die Poststraße - ein Spielplatz. "Wir wussten mit zehn schon, wie man polstert", erinnert er sich. Utz hatte aber nie Ambitionen, in die Fußstapfen seines Opas zu treten. Er erinnert sich gut an das großzügige Anwesen, zu dem auch ein großer Hinterhof und ein Garten gehörten. "Am Sonntag trafen wir uns in unserem Garten zum Kaffee im Grünen." Mit den Nachbarn wurde reger Kontakt gepflegt, ob zur Fabrikantengattin Schmohl oder zum Enkel vom Goldenen Adler. Die Jungs waren regelmäßige Besucher des Hallenbads, das in Sichtweite stand.

Später dann, als die Großeltern ihr Geschäft aufgegeben hatten und zunächst die Friseurmeisterin Rosi Scherrenbacher dort ihren Salon eröffnete, nutzten Hans-Dieter Utz und seine Musikerkollegen von der Band "Tante Anna" die Räume zum Proben. Sie waren als Tanzkapelle sehr gefragt, gewannen gar einen von Karl Pflugfelder ausgeschriebenen Wettbewerb.

Als sie dann in der NWZ inserierten: "Tante Anna hat noch Termine frei" gab es ein amüsantes Missverständnis. "Wir haben ungezählte Anrufe bekommen, die alles suchten, bloß keine Musikband", erzählt Ilona Abel-Utz lachend. Da wollte ein Unternehmer eine großzügige Dame für ausländische Geschäftsbesucher engagieren und eine Frau suchte etwas Unterhaltung für ihren Opa. "Gisela Schlüter hat die Geschichte später in einer Fernsehsendung verarbeitet."

Ende der 70er Jahre wollte die Stadt das Anwesen unbedingt haben. Die Familie zog nach St. Gotthardt. Die Möbel der Großeltern fanden teilweise den Weg in das Haus von Ilona und Hans Dieter Utz - wie ein Stuhl, den das Foto, das wohl kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs gemacht worden ist, zeigt.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Krauter-Pläne vor dem Aus

Für das Vorhaben, die alte Klinik nach Fertigstellung des Neubaus weiterzunutzen, gibt es keine Mehrheit im Gemeinderat. weiter lesen