Wenn Ehre in Gewalt mündet

Immer wieder werden junge Mädchen und Frauen, aber auch Männer Opfer, eines traditionell geprägten Ehrbegriffs. Hilfe bekommen sie in der Beratungsstelle Yasemin, die jetzt in der Kaufmännischen Schule Göppingen vorgestellt wurde.

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Die Szene ist gestellt, aber nicht unrealistisch. Wenn die Meinungen über Ehre und Lebensweise zu weit auseinander gehen, kommt oft unkontrollierte Gewalt ins Spiel. Die Beratungsstelle Yasemin will gegensteuern. Foto: Archiv

Es ist ein schwieriges Thema, das an diesem Vormittag auf dem Stundenplan einer Klasse der Berufsfachschule der Kaufmännischen Schule im Berufsschulzentrum Öde steht. "Ehre" und "Gewalt im Namen der Ehre" haben die Mitarbeiterinnen der Stuttgarter Beratungsstelle Yasemin die beiden Schulstunden überschrieben.

Das Thema ist heikel, deshalb nennen sie nicht ihre richtigen Namen, wollen nicht fotografiert werden. Denn nicht nur die Ratsuchenden sind von Gewalt betroffen, auch alle die, die helfend eingreifen, können ihr ausgesetzt sein. Selten sind es Männer, die sich an die beiden Sozialarbeiterinnen wenden. Meist sind es Frauen, weil sie zu einer Ehe gezwungen werden sollen. Mädchen und junge Frauen sind dem Zwang ausgesetzt und mit einem traditionell geprägten Ehrbegriff konfrontiert.

Die Klasse am Göppinger Berufschulzentrum besuchen überwiegend Schülerinnen und Schüler mit einem Migrationshintergrund. Schnell wird deutlich, dass auch unter ihnen unterschiedliche Ehrbegriffe vorherrschen. Für einen Jungen beispielsweise ist es ganz selbstverständlich, dass seine Schwester "Sex nur mit ihrem Ehemann" haben darf. Dies gelte aber nicht für Männer, glaubt er. Diese Ansicht ruft den Widerspruch seiner Klassenkameradinnen hervor, und auch die türkische Sozialarbeiterin von Yasemin hält ihm entgegen: "Jeder Mensch hat das Recht auf eigene Entscheidungen." Und vor allem: "Jeder Mensch hat das Recht, gewaltfrei zu leben."

Als einer der Schüler den Song "Köln-Kalk Ehrenmord" des Rappers Eko Fresh vorspielt, steigt die Anspannung im Klassenzimmer spürbar an. Er singt von dem Mädchen Gülsahin und von dem Jungen Max und von ihrer Liebe, die in den Augen ihres Bruders nicht sein darf. Am Ende weinen die Eltern an ihren Gräbern. Den jungen Frauen singt der Musiker aus der Seele. "Das ist pure Realität. Es ist gut, dass er das macht. Dann wird über das Thema geredet", erklärt eine von ihnen mit Nachdruck.

Es ist für Außenstehende kaum vorstellbar, dass diese jungen Mädchen, die modisch gekleidet und frisiert sind, einer Gewalt ausgesetzt sein können, die zunächst weniger mit religiösen Vorgaben, als vielmehr mit einem traditionellen Weltbild zu tun hat.

Mindestens einmal hat Ulrich Klotz, Abteilungsleiter der Berufsfachschule für Büro und Handel, "ganz klar" erlebt, dass eine Schülerin zwangsverheiratet worden war. "Meistens ist das Thema nur unterschwellig zu erkennen", bedauert er. Er ist deshalb sehr glücklich, in Zehra Boran jemand gefunden zu haben, der hier aufgewachsen ist, aber dennoch Zugang zum Kulturkreis der Schülerinnen hat. Die junge Lehrerin mit türkischen Wurzeln hatte in der Klasse am Rande mitbekommen, dass viele Mädchen vom Vater, vom Bruder enge Grenzen gesetzt bekommen - ein Umstand, der ihr aus ihrer eigenen Jugend vollkommen fremd ist. Ihr ist es wichtig, den Schülerinnen Wege aus ihrer Zwangssituation, die mit physischer oder psychischer Gewalt einhergeht, aufzuzeigen - wie eben der Gang zu Yasemin.

Dort werden Mädchen und Frauen im Alter von zwölf bis 27 Jahren beraten, kostenlos und - wenn sie dies wünschen - auch unter Wahrung ihrer Anonymität. Vertraute Dritte wie Freundinnen, Lehrer, Chefs oder Ärzte können sich ebenfalls an die Sozialarbeiterinnen wenden. "Wir gehen auch die Schule oder an den Ausbildungsplatz, um die Frauen zu treffen, wenn dies anders nicht möglich ist", erklärt eine von ihnen und klärt über Rechtliches auf. "Der Arzt darf die Jungfernschaft nicht kontrollieren" und "Zwangsheiraten sind strafbar". Und dann bekräftigt sie: "Jeder Mensch hat eine Ehre." Und für die gebe es nicht die eine richtige Definition.

Als es klingelt, scheint die Klasse froh zu sein, dass die direkte Auseinandersetzung mit dem Thema ein Ende hat.

Info Die Beratungsstelle ist unter Telefon: (0711) 65 86 95 26 oder 65 86 9527 oder info@eva-yasemin.de erreichbar. Allerdings ist ihre Finanzierung nur bis Juni gesichert. Springt das Land dann nicht ein, muss dieses in Baden-Württemberg einmalige Angebot schließen.

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