Was ist real, was ist Malerei?

Was ist wirklich und was ist Malerei? Dies fragt man sich bei den Arbeiten Tom Früchtls des Öfteren. Der Meister der Augentäuschung stellt bis Ende April in der Kunsthalle Göppingen aus. Vernissage ist am Sonntag.

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Im Kunstkabinett C1 ist eine Arbeit von Judith Samen ausgestellt. Fotografie wird hier zum Bühnenbild.

Wer kennt sie nicht, die aus der Antike überlieferte Geschichte zum Thema Malerei: Der Maler Zeuxis prahlte damit, dass er Trauben so täuschend perfekt gemalt hätte, dass die Vögel versucht hätten, sie aufzupicken. Da lud ihn zur Antwort Parrhasios in sein Atelier ein. Zeuxis sah dort ein Bild auf der Staffelei stehen, wollte den Vorhang zur Seite schieben und - siehe da! - er musste entdecken: Der Vorhang war gemalt.

In der Ausstellung der Malerei von Tom Früchtl wird es dem Betrachter ähnlich gehen: großflächige, pittoreske Abrisse von Wellpappe entpuppen sich bei näherem Hinsehen als gemalt, und dann ist es doch eine reale Wellpappe, und irgendwann stellt sich die Frage: Was ist wirklich und was ist Malerei? Oder: Was ist der Bildgegenstand und was ist Trompeloeil (Augentäuschung)? Tom Früchtl überführt den tatsächlichen Gegenstand in Malerei, ein Readymade in ein gemaltes Bild, die realen materialen Motive in den Illusionismus ihrer hypergenauen Abbilder - so gut, dass die malerische Camouflage der Sache mit sich selbst nur bei genauem Hinsehen wahrnehmbar ist.

Zu sehen ist die Ausstellung "not unreal" vom 26. Februar bis zum 29. April. Eröffnung ist am Sonntag ab 18 Uhr in der Kunsthalle Göppingen. Nach einer Begrüßung durch Oberbürgermeister Guido Till spricht Kunsthallenleiter Werner Meyer zur Ausstellung.

Die Malerei verhandelt hier und jetzt die so alte wie atemberaubend frische Frage nach der Kunst des Malens, nach der Frage des Verhältnisses zwischen dem Gegenstand und seinem Abbild. Kann das Bild beides zugleich sein? Wie ist das mit der Simulation von Wirklichkeit? Die Tape-Bilder sind in Wirklichkeit gemalte Illusion, die zum Bild erkorene Speditionsdecke geht unmerklich in Malerei über.

Zeitgleich mit Tom Früchtls Ausstellung sind im Kunstkabinett C1 ("see one") Judith Samens fotografische Inszenierungen von Porträt und Stillleben zu sehen. Ausgestellt ist Samens Fotografie o.T. (orange Hose). Zu der Arbeit spricht am Sonntag ab 18 Uhr Alice Wilke von der Kunsthalle Göppingen.

Die Kunst der Interpretation wird im Werk von Judith Samen vor eine schwierige Aufgabe gestellt. Ihre inszenierten Bilder verführen den Betrachter geradezu, sich dem Spiel verborgener Bedeutungen hinzugeben und sich im Netz der Deutungsmöglichkeiten zu verwickeln. Der erste Blick trifft dabei zunächst auf Bekanntes und Alltägliches. Es sind Darstellungen einzelner, sehr unterschiedlicher Personen, allesamt Charaktertypen, denen ein bestimmtes Attribut (zumeist Rohkost wie Obst und Gemüse oder auch Tierisches wie Hummerkrabben und Suppenhühnchen) zur Seite gestellt wird. Man kommt dabei nicht umhin, den Menschen unmittelbar mit dem Gegenstand in Verbindung zu bringen, was eine Kette von Assoziationen freizusetzen vermag. Schlichte Gesten und farblich ausgewählte Requisiten, dazu die perfekte Lichtführung - die Fotografie entledigt sich hier ihres Dokumentationscharakters und wird zum Bühnenbild. Dabei erzeugt Judith Samen in ihren Inszenierungen keineswegs opulente Bildräume mit dramatischen Handlungen. Die Kraft der Bilder liegt in der Reduzierung und neu kombinierten Zusammenhängen. Felsenfeste Antworten gibt es keine, im freien Spiel der sprachlichen Konnotationen und bildhaften Assoziationen bewahrt sich die Kunst Samens immer ein Stück ihrer Rätselhaftigkeit.

Info Eröffnet werden die Ausstellungen ab 18 Uhr in der Kunsthalle Göppingen, Marstallstraße 55. Öffnungszeiten: Di. bis Fr. 13-19 Uhr, Sa., So. 11-19 Uhr und nach Vereinbarung (bis 29. April). Während der Ausstellung erscheint ein Katalog.

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