Vortrag: Warum Populismus funktioniert

Einen Experten-Vortrag über „Populismus und Radikalisierung aus psychiatrischer Sicht“ gab es am Tag der seelischen Gesundheit im Göppinger Christophsbad.

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    Chefarzt Dr. Markus Löble widmete sich dem Narzissmus. Foto: 
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    Radikalisierung war Thema bei Dr. Niklas Gebele, Leiter Psychiatrische Ambulanz. Foto: 
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Populismus funktioniert so: Wir verändern als Masse die schwierige Frage in Richtung einfach, um die Antwort schon geben zu können, die schon zuvor klar ist. Denn wir kennen ja schon die Schuldigen. Das sagte Chefarzt Dr. Markus Löble quasi als Quintessenz seines Vortrags zum Populismus aus psychiatrischer Sicht, der sich im voll besetzten Herrensaal des Göppinger Christophsbads mit der Frage beschäftigte, warum Menschen einfache Antworten auf komplexe Fragen haben wollen und warum Populisten damit immer wieder erfolgreich sein können. Als Psychologe und Psychiater bezog Löble in seinem Referat philosophische, geschichtliche und gesellschaftspolitische Fragestellungen mit ein.

Den US-Präsidenten Donald Trump beispielsweise nannte er „einen narzisstischen Anführer, wie er im Psychiatrie-Buch steht“, denn eine Masse brauche einen Führer, an dem sie ihr unerfülltes Ich-Ideal und ihre Verliebtheit ausagieren könne. Da sei eben kein Platz für Differenziertheit. Bei Trump hoffe er, dass sich der gekränkte Narzisst irgendwann auf eine Insel zurückziehe, sagte Löble. Im Verlauf seiner Ausführungen streifte er in einem Zeitraum von etwa 500 Jahren das Thema der Judenverfolgung, die Hintergründe der Schuldaufladung auf einen Sündenbock, der sich auf Radfahrer genauso beziehen könne wie auf Moslems, Flüchtlinge oder die Donzdorfer oder die Juden oder die Terroristen eben. An diesen widersprüchlichen Antworten könne man sehen, dass die psychologische Botschaft dahinter heiße: „Ihr gehört nicht zu uns.“

Freies Denken, das Erarbeiten von Kompromissen und von Interessenausgleich, in dem es letztlich um Gerechtigkeit gehe, seien so viel mühsamer und langweiliger als das Ausleben von Machtphantasien. Gefühle von Angst und von Ausgeliefertsein würden verdrängt und könnten in Gewalt münden. Das sei weniger ermüdend und mache Spaß.

Man muss tätig bleiben

Als ein Beispiel nannte Löble die Aussage des AfD-Politikers Alexander Gauland unmittelbar nach der Bundestagswahl: „Wir werden Frau Merkel und die Regierung jagen.“ Wie kommen wir hier raus und welche Lösungen für Probleme es geben könne, das sei hier nicht gefragt. Fragen würden abgewertet und erst gar nicht gestellt, weil sie angstvoll seien.

Die Frage, was zu tun sei, beantwortete Löble mit dem Hinweis auf die Aufklärung und auf die Grundrechte im Grundgesetz und dass man „tätig bleiben“ müsse „durch Reden und Zuhören“. Wenn die unbewussten Anteile und Schattenseiten von Geiz, Neid und Rachsucht „bei uns selbst gesehen und akzeptiert“ werden könnten, dann könne auch die Welt friedlicher werden.

Dr. Niklas Gebele beleuchtete in seinem Anschluss-Referat drei Faktoren, die zu Radikalisierung als einem „verstehbaren Prozess“ führen könnten: eine tatsächliche oder eine vermeintliche Kränkung und Zurücksetzung, das Gefühl von realer oder subjektiv erlebter Nichtzugehörigkeit und eine Identitätsunsicherheit. An kleinen aktuellen Filmsequenzen, beispielsweise aus der Pop-Kultur, zeigte Gebele die Mechanismen, wie es zum Übergang von einer Einstellung zur Gewalt komme, bei der die Gruppe und die Abschottung nach außen eine zentrale Rolle spiele. Gebeles Antwort darauf: „Wenn man weiß, was Menschen brauchen, kann man dem entgegenwirken.“

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