Tüfteln an der Notfallpraxis

Das Konzept ist fast in trockenen Tüchern: Noch dieses Jahr soll eine zentrale Notfallpraxis in der Klinik am Eichert starten. Sonst bleibt alles beim Alten: Die neue Notdienstnummer 116 117 gilt im Land noch nicht.

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Dr. Emil Frick in seiner Praxis in Göppingen: Künftig werden er und seine Kollegen an Wochenenden oder Feiertagen nicht mehr hier, sondern in einer zentralen Notfallpraxis die Patienten behandeln. Foto: Giacinto Carlucci

Quälender Husten, schmerzhafte Blasenentzündung, schlimmer Hexenschuss oder plötzlich hohes Fieber: Eine Krankheit kommt manchmal unverhofft oder verschlimmert sich zusehends. Dann wird der Arztbesuch am Wochenende, am Feiertag oder mitten in der Nacht notwendig. Die Patienten melden sich in diesem Fall bei ihrem Hausarzt oder dem diensthabenden Mediziner in der Nähe. In schwerwiegenden Fällen überweist der Arzt den Patienten ins Krankenhaus.

Wer außerhalb der Sprechzeiten medizinischen Rat braucht, muss sich auch künftig nicht umstellen. Denn die neue zentrale Rufnummer 116 117 für den ärztlichen Bereitschaftsdienst, die am Montag bundesweit frei geschaltet wird, gilt in Baden-Württemberg vorerst nicht. Grund ist eine umfassende Reform, bei der Notfallbezirke zusammengelegt werden. "Derzeit haben wir eine total zerklüftete Struktur. Es ist daher nicht möglich, die einheitliche Nummer 116 117 umzusetzen", sagt Renate Matenaer, Pressereferentin der Kassenärztlichen Vereinigung in Stuttgart. "Das wäre mit horrenden Callcenter-Kosten verbunden." Sobald die Reform abgeschlossen sei, werde auch die Rufnummer 116 117 im Land gelten. Bis dahin behalten die bisherigen Rufnummern in den einzelnen Bezirken ihre Gültigkeit.

Die Umstrukturierung des ärztlichen Bereitschaftsdienstes beschäftigt auch die Mediziner im Landkreis: Vertreter der Kreisärzteschaft und die Geschäftsführung der Kreiskliniken haben vor gut einem halben Jahr einen Arbeitskreis gegründet. Nach vielen Diskussionsrunden haben sie sich darauf verständigt, eine Notfallpraxis in der Klinik am Eichert in Göppingen und in einem nächsten Schritt eine solche zentrale Anlaufstelle in der Helfenstein-Klinik in Geislingen einzurichten. Die Verträge sind noch nicht unterzeichnet, das Konzept ist aber weit gediehen. "Wir stehen unmittelbar vor der Gründung eines Vereins", berichtete gestern Dr. Hans-Joachim Dietrich, Chef der Kreisärzteschaft. Dies sei notwendig, um das Modell juristisch abzusichern. Zudem hätten die Verantwortlichen bereits einen Antrag bei der Kassenärztlichen Vereinigung gestellt, damit diese Notfallpraxis anerkannt wird. "Nächste Woche Donnerstag gibt es wieder ein Gespräch mit der Krankenhausleitung, um die Vertragsbedingungen auszuhandeln", kündigte Dietrich an. Er geht davon aus, dass die zentrale Praxis im dritten Quartal dieses Jahres starten kann - "auf jeden Fall aber noch in diesem Jahr". Ursprünglich hatte der Arbeitskreis die Eröffnung für den 1. April angepeilt. Dietrich ist aber trotz der Verzögerung zufrieden: "Wir sind schon recht weit."

Menschen mit akuten Beschwerden werden nach dem neuen Modell außerhalb der Sprechzeiten nur noch wenige zentrale Anlaufstellen haben. Zunächst soll das Konzept für die Stadt Göppingen und ihre Stadtbezirke an der Klinik am Eichert etabliert werden. Geislingen soll zeitnah folgen - "allerdings gibt es hier sehr viele Widerstände aus der Peripherie", berichtete Hans-Joachim Dietrich. Die Umsetzung gestalte sich dementsprechend schwierig. In Göppingen hingegen liefen die Planungen wie am Schnürchen: "Die Räumlichkeiten sind da, und auch die personelle Besetzung ist geregelt. Es geht gut voran."

Ziel der Reform, die bis zum 1. Januar 2013 umgesetzt werden soll, sei eine flächendeckende Versorgung. Das bedeutet, dass Patienten aus dem ganzen Landkreis künftig zentral in den beiden Notfallpraxen in Göppingen und Geislingen behandelt werden. Der Dienst soll zunächst nur an den Wochenenden und an Feiertagen eingerichtet und von Allgemeinmedizinern und Internisten personell gestemmt werden. An den Werktagen bleibt alles wie gehabt.

"Das wird eine sehr gute Sache", ist der Chef der Kreisärzteschaft überzeugt. Die Patienten würden besser versorgt, Röntgenbilder oder Labortests könnten vor Ort gemacht werden. Kritiker der Reform sehen jedoch längere Anfahrtswege und möglicherweise lange Wartezeiten als Nachteile. So manche Pflegekraft in den ambulanten Diensten geht davon aus, dass sie in Zukunft häufiger den Notarzt rufen muss.

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