Ton als Signal des "inneren Arztes"

Erneut volles Haus beim Arzt-Patienten-Forum: Rund 380 Zuhörer lauschten in der Göppinger Stadthalle gebannt den Experten zum Thema Tinnitus.

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Schlange stehen an der Kasse. Rund 25 Menschen ohne Eintrittskarte hoffen, noch ein Plätzchen im Klosterneuburg-Saal der Göppinger Stadthalle zu ergattern. Einige Glückliche erwischen noch einen Stuhl, "zehn mussten wir wegschicken", sagt Karin Hebel-Walther von der Volkshochschule. Das Arzt-Patienten-Forum von VHS und Kreisärzteschaft befasste sich dieses Mal mit dem Thema Tinnitus.

Der erneut enorme Zulauf war für den Moderator des Abends und Chefarzt der Klinik am Eichert, Gerhard Allmendinger, ein Indiz dafür, "dass Tinnitus den Charakter einer Volkskrankheit hat". Drei Experten unterschiedlicher Fachrichtungen verdeutlichten, wie komplex das Phänomen ist und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt. Auch zwei Patienten schilderten in der Stadthalle ihren Leidensweg.

Es rauscht, zischt, pfeift oder quietscht im Ohr. Tinnitus tritt meist in Folge oder als Begleiterscheinung einer anderen Erkrankung auf, erläuterte Dr. Guido Mühlmeier, Oberarzt und Leiter der Hals-Nasen-Spezialdiagnostik am Bundeswehrkrankenhaus Ulm. Wie fast kein anderes medizinisches Problem sei bei Tinnitus ein ganzheitliches und interdisziplinäres Vorgehen notwendig, erklärte Mühlmeier. Neben einer Schädigung des Innenohrs etwa durch Lärm oder einen Hörsturz können Wirbelsäulenprobleme, eine Fehlstellung der Kiefergelenke, Verspannungen, aber auch Stress oder seelische Belastungen die Ursache sein.

Die besten Therapiechancen böten sich innerhalb der ersten drei Tage bis etwa drei Wochen nach Auftreten der Ohrgeräusche, erläuterte der Arzt. Am beim Bundeswehrkrankenhaus angesiedelten Tinnitus-Therapiezentrum in Ulm habe man gute Erfahrungen mit Injektionen gemacht, die nach einer Sprühbetäubung ins Mittelohr gespritzt werden.

Schwierig werde es jedoch, wenn die Ohrgeräusche länger als drei Monate anhalten: "Es gibt kein Mittel, das bewirkt, dass das Geräusch komplett verschwindet", sagte Mühlmeier und konnte den Betroffenen dennoch Hoffnung machen. Am Tinnitus-Therapiezentrum habe man gute Erfahrungen mit einer so genannten Bewältigungstherapie gemacht, bei der die Patienten lernen, den Tinnitus zu überhören. Auch der gezielte Einsatz instrumentaler Musik, eigenes Musizieren und Singen könne dauerhaft zu einer Linderung des Leidens beitragen.

Auch im Landkreis niedergelassene Psychotherapeuten behandeln Menschen mit Tinnitus. "Wichtig ist hierbei, nicht nur die Ohrgeräusche zu behandeln, sondern herauszuarbeiten, wie sie entstehen und aktiv anzugehen", erklärte Dr. Reiner Kaschel aus Ebersbach. Oft trete das Problem in Verbindung mit Depression, Schlafstörungen oder extremem Stress auf. Die Betroffenen sollen lernen, in sich hineinzuhören und lernen, den Ton zu beeinflussen. Kaschel plädierte dafür den "Ton als Signal des inneren Arztes verstehen zu lernen".

Als weiteren Baustein im Gesamtkonzept der Tinnitusbehandlung empfahl der Göppinger Alexander Thieß die Physiotherapie. Unter anderem könnten eine Verbesserung der Körperhaltung durch Krankengymnastik, Fitnesstraining zur Verbesserung der Durchblutung oder Stressabbau durch Muskelentspannung, Atem- und Entspannungstechniken hilfreich sein.

Info www. tinnitus-centrum-ulm.de www. tinnitus-liga.de

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