Tod des Sohnes soll Leben retten

Der Fachtag zur Suchtprävention hat bei den Kramers Vieles wieder aufgewühlt. Ihr Sohn starb vor neun Jahren an einer Überdosis. Grund für das Ehepaar, aktiv etwas zu tun.

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Gudrun und Hannsgeorg Kramer mit einem Foto ihres Sohnes, der an einer Überdosis Drogen starb. Das Ehepaar setzt sich nach diesem Schicksalsschlag aktiv für Suchtprävention ein.  Foto: 

Der Tag im August vor neun Jahren, als zwei Polizisten vor der Tür standen, hat das Leben von Gudrun und Hannsgeorg Kramer für immer verändert. Die Beamten teilten dem Ehepaar aus Börtlingen mit, dass ihr Sohn an einer Überdosis Drogen gestorben ist. „Er wurde in einem Treppenhaus im früheren Kaufhaus Frey gefunden. Die Spritze war noch drin“, sagt der 75-Jährige leise. Erst zwei Tage vorher hatte „Wolfi“ bei seinen Eltern auf den Anrufbeantworter gesprochen, ein Lebenszeichen nach längerer Funkstille. „Er hat gesagt, dass wir alles richtig gemacht haben und er uns lieb hat“, ergänzt Gudrun Kramer mit Tränen in den Augen. Ihr Sohn habe aussteigen wollen, die Kramers schöpften Hoffnung, dass der damals 33-Jährige die Kurve kriegt und eine Therapie beginnt. Seine Mutter schickte ihm eine SMS, schlug ein Treffen vor. Doch dazu kam es nicht mehr.

Was wäre gewesen, wenn sie sich vorher wieder gesehen hätten? Wann war überhaupt der Knack- oder Wendepunkt, an dem ihr Sohn auf die schiefe Bahn geriet? Und wie sieht es mit der eigenen Verantwortlichkeit aus? Bis heute nagen diese Fragen an den Kramers – wohlwissend, dass sie nie Antworten bekommen werden. Der Tod ihres Sohnes habe ihnen den Boden unter den Füßen weggerissen. „Wir waren nah dran, daran zu zerbrechen“, sagt Gudrun Kramer. Freunde hätten sich abgewendet, sie selbst zogen sich zurück. Ein bis zwei Jahre habe es gedauert, bis sie diesen absoluten „Schockzustand“ einigermaßen überwunden hätten.

Irgendwie hat es das Ehepaar dann doch geschafft, wieder ein stückweit Normalität in sein Leben zu bringen. Geholfen habe, sich einen Ruck zu geben und selbst aktiv zu werden im Kampf gegen Drogen. „Wir wollten einfach aus der gedanklichen Mühle raus und etwas tun“, blickt Hannsgeorg Kramer zurück. Er gründete im Jahr 2010 den „Wolfram-Kramer-Fond“, eine Unterstiftung der Göppinger Bürgerstiftung, die Präventionsprojekte unterstützt. Denn der 75-Jährige weiß, wie wichtig vorbeugen ist: „Jugendliche, die schon auf dem Trip sind, sind kaum noch erreichbar.“ Vor einem Jahr wurde die Stiftung Börtlingen gegründet, die sich unter anderem auch in Sachen Jugendarbeit engagiert. In beiden Stiftungen arbeitet Hannsgeorg Kramer an vorderster Front mit.

Die Kramers hoffen und wünschen sich, dass dieser „sinnlose Tod“ ihres Sohnes irgendetwas bewirken kann. Sie wollen das Thema pushen, geben Anstöße, suchen den Kontakt mit den Suchtbeauftragten der Schulen, mit der Stiftung werden Veranstaltungen gesponsert. Den Göppinger Fachtag zur Suchtprävention in der vergangenen Woche, bei dem sich zahlreiche Verbände, Vereine und Interessierte trafen, unterstützten die Kramers privat. Es ging darum, wie Süchtigen geholfen werden kann. Aber in erster Linie auch darum, wie Sucht verhindert werden kann. Denn steckt man einmal in dem Sumpf, wird es verdammt schwer: „Die Rückfallquote liegt bei 80 bis 85 Prozent“, weiß Hannsgeorg Kramer. Bei dem Börtlinger Ehepaar wühlen solche Veranstaltungen wie jetzt im Landratsamt Vieles auf: „Da rollt der Film wieder ab“, sagt die 76-Jährige. Ihr kommen die ersten Begegnungen mit ihrem Adoptivsohn im Kinderheim in den Sinn. Und wie er dann als Zweieinhalbjähriger zu ihnen kam und testete, wie seine Eltern es finden, wenn er Shampoo auf dem Teppich ausleert. „Er war ein Sonnenschein“, sagt seine Mutter, lächelnd und mit Tränen in den Augen. Aber Wolfram sei auch immer ein „schwieriges und freiheitsliebendes Kind gewesen“.

Bis zur Pubertät sei alles gut gelaufen, dann kam Wolfram Kramer mit Drogen in Kontakt. Er rutschte immer weiter ab, verweigerte die Schule, scheiterte bei sämtlichen Praktika und Ausbildungen. Aus seinem musischen Talent habe er leider nichts gemacht, bedauert sein Vater. „Mit 18 hat er sich dann losgesagt“, erinnern sich die Eltern. Ihr Sohn bekam Sozialhilfe, lebte zeitweise auf der Straße. Er schlief mal bei Freunden, wurde kriminell, um seine Sucht zu finanzieren, landete mehrfach als Notfall zur Entgiftung im Krankenhaus. Die Eltern suchten verzweifelt Hilfe in vielen Einrichtungen und Institutionen, fühlten sich aber missverstanden. „Das war vor 30 Jahren. Heute hätten wir sicher Hilfe bekommen“, sind sie überzeugt.

Gudrun und Hannsgeorg Kramer sitzen in ihrem Wohnzimmer und zeigen Bilder ihres Sohnes. Als Kleinkind, Jugendlicher und eines aus den letzten Wochen, das ihnen Wolframs Freunde als Erinnerung schenkten. In solchen Momenten überwiegt die Traurigkeit über den Verlust des Sohnes. Doch wenn Hannsgeorg Kramer über sein Engagement in der Flüchtlingshilfe berichtet und welch tolle syrische Freunde er dort gefunden hat, strahlen seine Augen. Das Leben der Kramers hat wieder einen Sinn bekommen. Auf dem Weg nach draußen zeigt der 75-Jährige Spielzeugautos seiner beiden Enkel. Der ältere von beiden kam 14 Tage nach dem Tag auf die Welt, als zwei Polizisten dem Börtlinger Ehepaar die Nachricht vom Tod ihres Sohnes überbrachten.

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