Time waits!

Man sieht nur, was man weiß: Getreu diesem Goethe-Zitat wollen wir Anhaltspunkte geben, was in einem Kunstwerk alles stecken kann. Heute: Die Fotografie "Westwind" von Martin Kögl.

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Der Umgang mit Zeit und Blende gehört zum Handwerk der Fotografie. Dass diese technischen Aspekte Bilderergebnisse wesentlich mitbestimmen, zeigt sich äußerst eindrucksvoll bei den Langzeitbelichtungen von Stadtansichten aus dem 19. Jahrhundert. Die Belichtungszeiten waren damals extrem lang, sodass die Bewegungen von Menschen oder Fuhrwerken noch nicht einmal bewegungsunscharf festgehalten werden konnten. Das führte dazu, dass auf den Abzügen bisweilen der Eindruck leer gefegter Städte entstand.

Die Fotografie als das künstlerische Medium, das unserem Sehen sehr vertraut ist und das im Zusammenhang mit der direkten Wiedergabe von Wirklichkeit steht, gibt hier ein seltsames Bild der Wirklichkeit von Städten wieder. Mit den technischen Aspekten der Fotografie ist auch der 1971 geborene Fotokünstler Martin Kögl aus Denkendorf, dessen Arbeiten derzeit im Kunstkabinett in der Fischhalle der WMF in Geislingen zu sehen sind, vertraut und nutzt diese, um in seinem Fall etwas sichtbar zu machen, das als kurzer Vorgang zwar stattfindet, der aber mit bloßem Auge kaum gesehen werden kann.

Das liegt an der Größe des Ausgangsmotivs und an der Geschwindigkeit, mit der dieses sich bewegt. Von Interesse sind für ihn auf Wasseroberflächen aufschlagende, in diese mit Wucht eindringende Tropfen aus "Tropfenspendern".

Äußerst Bewegtes und sich im Fluss Befindliches friert er durch extrem kurze Belichtungs- und Blitzzeiten ein. Wie fest geformt zeigen sich die auftreffenden Tropfen, ihre Spritzer und Spiegelungen. Es entstehen Bilder von an sich bewegten, im Moment erstarrten Bildmotiven, die neben ihrer ästhetischen Qualität auch ganz beiläufig und poetisch den Bruchteil der Sekunde konservierend veranschaulichen, in dem das Bild entstanden ist.

Da diese festgehaltenen Motive und Vorgänge auch auf dem Abzug plastisch anmuten - sie präsentieren sich seltsam fest, zart zerbrechlich, gläsern und wirken dreidimensional - werden sie von Kögl auch Tropfenskulpturen genannt. Diese werden zu seinem eigentlichen Thema, die Fotografie scheint lediglich Mittel zum Zweck des Fixierens zu sein.

Bis ein in sich stimmiges Bild dieser Skulpturen des Moments "im Kasten" ist, braucht der Fotograf oft viele Versuchsdurchführungen und Bilder - bis sich die Skulptur auf einem Bild aus einer Fotosession herausschält, die Assoziationen beim Betrachter loszutreten vermag, die mittels Titel gelenkt werden.

Der Momenthaftigkeit auf der einen Seite, steht auf der anderen Seite ein langwieriges, sich wiederholendes, zeitlich und technisch aufwendiges Experimentieren unter Einbeziehung des Zufalls gegenüber, gekoppelt an das Wissen, dass sich das, was sich einmal gezeigt hat, so nicht ein zweites Mal zeigen wird. Selbst dieser sich augenscheinlich gleich wiederholende Vorgang verweist auf die Einmaligkeit eines jeden Augenblicks.

All dies prägt auch das 60 mal 80 Zentimeter große Querformat mit dem Titel "Westwind". Das Motiv wirkt durch die enorme Vergrößerung des kurzen Bewegungsvorgangs im Kleinen äußerst monumental. Licht und Farbe verleihen ihm Plastizität. Die Farbigkeit rührt dabei zum einen von Lebensmittelfarben, zum anderen von den Blitzlichtern und der Ausleuchtung her.

Der Künstler hat Verdickungsmittel verwendet, um die Viskosität des Wassers zu erhöhen. So kommt es, dass das momenthaft Bewegte und Flüssige fast skulptural fest und begreifbar wirkt. Ein interessantes Spiel mit Wirklichkeits- und Assoziationsebenen wird hier initiiert.

Als Ausgangspunkt diente eine faktisch reale Bewegung, die fotografisch so eingefangen wurde, dass sie starr auf dem Abzug erscheint. Das Bild evoziert durch die Schwünge nach wie vor Bewegung, als "unbewegtes" Bild aber eben eine angedeutete und somit eine virtuelle Wirklichkeit, wie man sie auch von Gemälden und Skulpturen her kennt. Skulpturen sind an sich in Stein gehauene, plastische Ausdrucksformen, die nicht selten über Jahrhunderte hinweg überdauern. Fotografie wird oft genutzt, um erinnerungswürdige Momente für die "Ewigkeit" zu fixieren.

All dies scheint hier aufgegriffen, vereint, reflektiert und in ein schlüssiges Konzept gebracht worden zu sein, um einen stimmigen Ausdruck zu entwickeln, der auch dem Rechnung trägt, dass das Vergehen von Zeit in sprachlich bildhaften Wendungen mit "fließen" und "Fluss" in Verbindung gebracht wird.

Auch dem Stones-Song "Time waits for noone" wird mit dieser Fotografie, auf der das Warten und der Stillstand der Zeit einen Ausdruck gefunden zu haben scheinen, auf unaufdringliche Weise begegnet.

Info Die Ausstellung mit Arbeiten bon Martin Kögl ist noch bis zum 28. Juni im Kunstkabinett der WMF zu sehen.

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