Tierarzt betont: "Viele Tierhalter sind überfordert"

Seit gut einem halben Jahr ist der Tierarzt Dr. Peter Rolf Vorsitzender des Tierschutzvereins Göppingen und Umgebung. Zeit für eine Zwischenbilanz.

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Tierarzt Peter Rolf legt Wert auf Trennung von Amt und Beruf.  Foto: 

Wie viele aufgefundene Tiere werden im Tierheim wieder abgeholt?

ROLF: Es kommt immer wieder zu berührenden Szenen, wenn Menschen ihre verschwundene Katze oder den ausgebüchsten Hund bei uns finden und glücklich in die Arme schließen. Dies ist überwiegend bei den entlaufenen Tieren der Fall. Leider bleiben trotzdem viele Tiere bei uns. Hunde, Katzen und Kaninchen, die absichtlich ausgesetzt wurden, weil sie unbequem geworden sind oder vielleicht durch Krankheit Kosten verursacht hätten. Besonders in den Urlaubszeiten werden vor allem Hunde und Katzen ausgesetzt.

Offenbar mangelt es an Verantwortungsbewusstsein - oder auch an Wissen?

Das ist ein weitverbreitetes Problem. Man verschenkt einen süßen Welpen, wünscht sich ein niedliches Katzenbaby, doch wenn die Tiere heranwachsen und sich ihrer Art entsprechend verhalten, sind viele Tierhalter überfordert. Um dem entgegen zu wirken, informieren wir als Tierschutzverein über die Haltung von Haustieren, klären über Bedürfnisse und erwartbare Kosten auf. Viele unserer Mitglieder informieren unermüdlich in ihrem Umfeld und vertreten den Tierschutzgedanken in der Öffentlichkeit. Wir tragen über unterschiedliche Aktionen und Veranstaltungen zum Verständnis für das Wesen und Wohlergehen der Tiere bei. Auch kümmern wir uns darum, Tierquälerei und Missbrauch von Tieren aufzudecken und zu verhindern. Auch dies tun wir überwiegend, indem wir aufklären, beraten und unterstützen, in drastischen Fällen durch Anzeigen bei den zuständigen Behörden.

Welche Aufgaben erfüllt der Göppinger Tierschutzverein?

Die erste und wichtigste Aufgabe des Vereins ist Betreiben und Erhalt des Tierheims in Göppingen. Der Tierschutzverein ist dessen alleiniger Träger. Er ist Mitglied im Deutschen Tierschutzbund und an dessen Satzung gebunden. Sechs Hauptamtliche und eine große Zahl Ehrenamtlicher kümmern sich mit großem Engagement um Fundtiere und Tiere, die vom Veterinäramt beschlagnahmt werden. Im Auftrag der Gemeinden nimmt das Tierheim die im Landkreis aufgefundenen Tiere auf und vermittelt sie an neue Besitzer weiter. Diese Tiere können innerhalb eines halben Jahres von ihren Besitzern wieder abgeholt werden. Die Gemeinden des Landkreises sind gesetzlich aber nur dazu verpflichtet, die Kosten für eine Versorgung von 28 Tagen zu übernehmen.

Wie kamen Sie zum Amt des Vereinsvorsitzenden?

Mitglieder des Vorstands haben mich gefragt, ob ich mich zur Wahl des Vorsitzenden stellen würde. Weil ich die Arbeit des Vereins für enorm wichtig halte, bewarb ich mich und wurde bei der Mitgliederversammlung im Oktober 2015 gewählt.

Jetzt ist der Tierarzt fest mit eingebunden....

Oh nein, das ist ein verbreitetes Missverständnis. Ich fungiere lediglich als ehrenamtliches Vorstandsmitglied für den Verein. Natürlich gebe ich hier und da mal einen Rat, wenn ich gefragt werde, aber sobald eine tierärztliche Behandlung erforderlich ist, wird das konsequent an zwei externe Tierärztinnen weitergegeben. Ich lege großen Wert darauf, hier sehr klar zu trennen und keine Verbandelung zwischen meiner tierärztlichen Praxis und meinem Ehrenamt im Verein aufkommen zu lassen. Das eine ist mein Beruf, das andere mein ehrenamtliches Bürgerengagement.

Wie häufig begegnet Ihnen der Vorwurf, sich für Tiere anstatt für notleidende Menschen zu engagieren?

Noch nie. Es gibt anspruchsvolle Aufgaben in unserer Gesellschaft zu lösen, und ich denke, daran sollten wir aktiv mitarbeiten. Das Elend vieler Tiere ist davon unabhängig nach wie vor zu verhindern. Man kann sich durchaus für hilfsbedürftige Menschen und für hilfsbedürftige Tiere einsetzen.

Ist aktiver Tierschutz Luxus in einer Gesellschaft?

Es ist definitiv kein Luxus. Wir tragen Verantwortung für alle Lebewesen. Unser derzeitiger Lebensstandard ist aufgebaut auf der Ausbeutung von Tieren. Beispielsweise die niedrigen Preise für Fleisch, sie sind nur durch nicht artgerechte Haltung der Tiere möglich. Wir dürfen nicht aufhören, uns auch für bessere Lebensbedingungen der Nutztiere und für die in Freiheit lebenden Tiere einzusetzen.

Zur Person

Tierarzt Peter Rolf ist seit Oktober 2015 Vorsitzender des Tierschutzvereins. Der promovierte Tierarzt ist 35 Jahre alt und Vater einer siebenjährigen Tochter, er wohnt in Hohenstaufen. Rolf arbeitet in einer Gemeinschaftspraxis in Eislingen. Der Tierschutzverein Göppingen und Umgebung wurde 1939 gegründet und hat derzeit rund 500 Mitglieder.

SWP

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