Tiefer Griff ins Klischeekästchen

Schwere, aber trotzdem höchst amüsante Kost servierte der Wiener Kabarettist und Schauspieler Alfred Dorfer bei Odeon mit dem Programm "fremd".

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Bei Alfred Dorfers kabarettistischem Exkurs reicht die Spannbreite von den alten Griechen bis zum neuen Europäer. Foto: Inge Czemmel

"Humor muss spontan sein", erklärt Alfred Dorfer zu Beginn der Vorstellung dem Publikum und empfiehlt, sich nicht von den eingespielten Lachern aus dem "Off" beeinflussen zu lassen. "Sie dürfen natürlich lachen, wann sie wollen. Das sind nur Vorschläge zu ihrer Sicherheit. Wie beim Terrorismus, ein bisschen weniger Freiheit für etwas mehr Sicherheit." Entscheidet sich der Mensch für die Biografie, die er lebt, oder für die Biografien, die er leben möchte oder könnte? Lassen sich Geschichten besser verstehen, wenn sie von hinten nach vorne erzählt werden? Was ist realer, die Wirklichkeit oder deren durch Bilder beeinflusste Interpretation? Will man Dorfers philosophisch-global-sozialkritische Betrachtungen folgen, die unter Einbezug des "was wäre wenn gewesen" von den alten Griechen bis zum neuen Europäer reichen, stellt sich ein gewisses Bildungsniveau schnell als vorteilhaft heraus. Bei dem vor Komplexität und Dynamik strotzenden Programm gibts ohne Anstrengung kein Vergnügen. Wer sich amüsieren will, muss sich seine Lacher mit hohem Maß an Konzentration und Hirnschmalztätigkeit verdienen. Schon bei einem Milli-Sekundenschlaf lassen Dorfers schnelle Gedankensprünge den roten Faden zu einem unentwirrbaren Wollknäuel werden.

Der Kabarettist führt an den einzigen Platz seiner Kindheit, der ihm ungestörtes Nachdenken ermöglichte: die Toilette. Dort kam ihm die frühe Erkenntnis, dass mehrere biografische Seelen in ihm wohnen. Der "Zwischenmensch", die Sehnsucht, sich in der Kreativität zu verwirklichen, der Rationalist und der Macht- und Besitzbeansprucher. Dorfer zeichnet mit großer Ausdruckskraft, gekonnter Gestik und Mimik unterschiedlichste fiktive Biografien. Skurril, makaber, zynisch, beißend und trotzdem spielend und interpretierend geht er absurden Fragen nach und denkt sich eigenwillige Gesetze der Physik aus, reklamiert Shakespeare für sich und lässt auch kaum ein globales gesellschaftliches Problem aus. Mit profanem aktuellem Politgeschehen gibt er sich jedenfalls nicht ab. Dafür gönnt er dem Publikum Verschnaufpausen, indem er immer wieder einen tiefen Griff ins Klischeekästchen tut, aus dem er reichlich abgegriffene Stereotypen über Deutsche und Österreicher, Journalisten, Grüne und Banker herausholt.

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