Tafelläden haben Hochkonjunktur

Tafelläden haben das ganze Jahr und besonders um die Weihnachtszeit Hochkonjunktur. Immer mehr Menschen sind auf diese günstige Einkaufsmöglichkeit angewiesen, um finanziell über die Runden zu kommen.

|
Donnerstagvormittag halb elf – vor dem Carisatt-Tafelladen in der Göppinger Gartenstraße warten schon einige Einkaufswillige. Bis Marktleiterin Elisabeth Friedhoff um 11 Uhr endlich aufschließt, wird die Schlange immer länger. Vor dem Einkauf ein bisschen miteinander schwätzen, gehört dazu. Als sich die Tür öffnet, drängen alle hinein ins Warme. Nun gilt es, sich schnell einen Überblick darüber zu verschaffen, was heute angeboten wird. Ist irgendetwas etwas Besonderes dabei? Jawohl! Tomaten! Die gab es schon seit längerem nicht mehr.

„Guten Morgen Frau Siebert (Name von der Redaktion geändert), was darf es denn heute sein?“ Das Verkaufspersonal begrüßt die Kunden freundlich mit deren Namen und fragt nach den Wünschen. Es kennt seine etwa 160 Stammkunden, erkundigt sich nach ihrem Befinden und reicht Brot und Brötchen, Obst, Gemüse, Wurst und Joghurt über die Ladentheke. Mandarinen und Walnüsse gibt es heute im Überfluss, bei Kartoffeln hingegen herrscht Fehlanzeige. „Es gibt schon lange keine Kartoffeln mehr“, klagt eine ältere, aus der Ukraine stammende Frau, die von ihrer Wohnung am Stadtrand einen weiten Fußweg zum Tafelladen zurücklegen muss. „Vielleicht kommen Kartoffeln“, hofft sie und lässt sich auf einem Stuhl nieder, um auf das Tafelfahrzeug zu warten, das noch Ware bringen wird. „Milch und Margarine gibt es auch schon länger nicht mehr“, bedauert sie. Die Weihnachtsbäckerei muss also wieder verschoben werden. Kaufen was das Herz begehrt, geht in Tafelläden nicht.

Bescheidenes Angebot bei Fleisch und Wurst

Bekommen kann man nur, was es gerade gibt. „Wir kaufen nichts zu und können nur weitergeben, was wir selbst gespendet bekommen“, erklärt Elisabeth Friedhoff. „Glücklicherweise zeigen viele Unternehmen Bereitschaft überschüssige Waren kostenlos an uns abzugeben statt sie zu vernichten“, berichtet Sven Parylak, der für die Carisatt-Läden in Göppingen, Geislingen und Süßen zuständig ist. „Nahezu alle Discounter und Supermärkte in der Umgebung, aber auch Großhändler wie Schaper oder Gama leisten damit einen sozialen Beitrag.“ An Tagen, an denen weniger Ware eingeht oder von bestimmten Dingen nur eine geringe Anzahl, werde sie von Tafelmitarbeitern eingeteilt. „Dann gibt beispielsweise eben nur eine Paprika pro Nase“, erklärt Elisabeth Friedhoff.

Dass die Tafelläden trotzdem so stark frequentiert werden, wirft ein Schlaglicht auf die schwierige finanzielle Situation vieler Haushalte. Arbeitslos, eine geringe Rente, Asylbewerber ohne Einkommen – immer mehr Menschen sind auf günstige Einkaufsmöglichkeiten angewiesen, weil sonst am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig bleibt. „Wir verkaufen die Waren normalerweise 80 Prozent günstiger als beim Discounter“, erklärt Sven Parylak. „Backwaren gibt es bereits für fünf bis zehn Prozent des Normalpreises, dafür kosten besondere ,Goodies’, die es nur selten gibt, auch mal 30 Prozent.“

Reichhaltige Auswahl am Gebäcktresen 

Besonders hohes Engagement bescheinigt der Caritas-Mitarbeiter den Bäckereien – und tatsächlich ist die Auswahl am Gebäcktresen reichhaltig und vielfältig, während das Wurst- und Fleischangebot eher bescheiden aussieht. „Das Problem ist, dass wir keine offenen Wurstwaren annehmen dürfen“, erklärt Paylak. „Fleisch und Wurst muss portionsweise vakuumverpackt und mit Mindesthaltbarkeitsdatum und Inhaltsstoffliste versehen sein. Das ist für die Metzgereien natürlich mit Aufwand und zusätzlicher Arbeit verbunden.“ Bisher konnten dafür nur die beiden Metzgereien Widmayer und Kick gewonnen werden. „Auch an Kühlware fehlt es uns manchmal“, berichtet Elisabeth Friedhoff.

Tafelläden unterliegen den gleichen Regelungen wie Supermärkte. So darf beispielsweise die Kühlkette nicht unterbrochen werden, und nicht alle Geschäfte haben die notwendigen Kühlkapazitäten, um aussortierte Ware zu kühlen. Der Göppinger Tafelladen selbst verfügt über eine Kühlzelle und einen Kühlwagen, mit dem die Waren abgeholt werden. Deren Finanzierung ist der Pfandspendenaktion der Firma Lidl zu verdanken. Wer dort Pfandflaschen in den Rückgabeautomaten wirft, kann wählen ob er das Geld haben oder es für die Tafel spenden möchte. „Lidl legt häufig noch was obendrauf und so sind bundesweit schon sieben Millionen Euro für die Tafeln zusammengekommen“, weiß Parylak.

Unterstützung vom Obstbauern

Unterstützt wird der Göppinger Tafelladen erfreulicherweise auch noch von anderen Seiten. „Bei einem Schlater Obstbauer dürfen wir zum Beispiel je nach Saison verschiedenes frisches Obst abholen“, berichtet die Marktleiterin. „Der Verein ,Hand in Hand mit Teddybär’ aus Deggingen unterstützt uns regelmäßig und im Keller lagern schon Weihnachtsgeschenke für die Kinder, die seit Jahren von der Dürnauer Grundschule gesammelt werden.“ Auch Privatleute unterstützen den Tafelladen mit Geld und Sachspenden. „Vor allem vor Weihnachten fragen immer mal wieder Leute nach, an was es uns fehlt und kaufen das dann für uns ein“, erzählt Friedhoff.

Mit Waren allein ist es im Tafelladen jedoch nicht getan. Es bedarf auch vieler helfender Hände, die Lebensmittel abholen, sortieren, einräumen, verkaufen und putzen. Neben zwei hauptamtlichen Angestellten tun dies vor allem Ehrenamtliche. In der Göppinger Tafel, die es seit 14 Jahren gibt, sind 25 Ehrenamtliche beschäftigt, in Süßen 32, in Geislingen 34. „Ohne sie würden die Tafelläden nicht funktionieren“, ist Sven Paylak überzeugt. Mittlerweile hat sich vor der einzigen Kasse eine lange Schlange gebildet. „Eine zweite Kasse wäre toll“, meint Elisabeth Friedhoff, „aber dafür haben wir weder Platz noch Personal.“

Die Kunden scheint das Warten nicht zu stören. „Wir haben ja Zeit“, meint ein älterer Herr. „Da unterhalten wir uns eben so lang, bis wir dran sind.“ Überhaupt geht es im Tafelladen entspannter zu als in manchem Supermarkt. Elisabeth Friedhoff bestätigt: „Es gibt wenig Stress und es herrscht insgesamt eine gute Stimmung vor. Es sind ja immer die gleichen Kunden, die zwei bis drei Mal in der Woche kommen. In letzter Zeit sind es durch die Flüchtlinge mehr geworden. Ab und zu gibt es Verständigungsschwierigkeiten, aber mit Händen und Füßen klappt das schon.“
Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Architekt spricht von Affront

Der Planer der neuen Klinik am Eichert, Manfred Ehrle, kann sich nicht vorstellen, dass die Pläne zum Erhalt des Altbaus ernst gemeint sind. weiter lesen