Stoff, aus dem Märklin-Träume sind

Zahlreiche Besucher rannten die offenen Tore des Märklin-Stammwerks ein und sahen, wie viel Handarbeit in einer Lokomotive steckt.

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Vor der Heizung. Unter dem offenen Fenster. Der Stoff, aus dem die Träume sind. Silbrig glänzt er im Lichtschein der Neonröhren. Barren, ein ganzer Stapel Zinkbarren. Grundstoff für die Krönung jeder Modellbahnanlage oder den Sammler-Traum in der Vitrine: Die Lokomotiven.

Vor den glänzenden Augen von Mike Schaper und Heinz Gottschalk, die wie viele andere während der Märklin-Tage die Chance nutzen, die heiligen Hallen des Stammwerks in der Stuttgarter Straße in Göppingen zu besichtigen, wird der Zinkbarren eingeheizt. In der Gießerei im Erdgeschoss werden die Barren geschmolzen. Bei 420 Grad Celsius ist die Feinzink-Legierung aus rund 95 Prozent Zink, etwas Kupfer, Magnesium und Aluminium fast so flüssig wie Wasser und wird in die Formen gedrückt. Heraus kommt das Gehäuse einer E- oder Diesellok. Oder die Räder einer Dampflok.

Kenner wie Schaper und Gottschalk wissen sofort, welche Lok als immer noch glänzender Gehäuserohling vor ihnen liegt. Seit Jahren beschäftigen sie sich mit Märklin, haben die typische Modellbahn-Karriere hinter sich: „Als Kind mit der Bahn gespielt, mit 15 oder 16 Jahren verschenkt oder weggepackt, vor einigen Jahren wieder rausgeholt“, sagt Schaper. Sein Kollege Gottschalk, mit dem er schon zum zweiten Mal aus dem Landkreis Hameln bei Hannover zu den Märklin-Tagen angereist ist, hat gewartet, bis die Kinder aus dem Haus waren: „Erst den freien Kellerraum beschlagnahmt, dann die Bahn aufgebaut. Meine Frau hatte damals nichts dagegen, heute wäre sie vorsichtiger“, Gottschalk grinst. Ein oder zweimal die Woche verschwindet er in den Katakomben, ist dann für die Gattin und alle anderen „nicht mehr ansprechbar“, lässt die Züge fahren oder bastelt an der Anlage herum. „Fertig werden soll sie natürlich nie.“

Die Loks im Märklin-Werk schon. Die glatten, glänzenden Werkstücke werden mit Stahlgusskügelchen gestrahlt, computergesteuerte Roboter schleifen die überstehenden Kanten, die Grate, millimetergenau ab. Spätestens in der Galvanik-Abteilung ist der Glanz auf den Gehäusen verschwunden. Ihre glatte Oberfläche wird phosphatiert, etwas aufgeraut, damit der Lack besser hält. In der Lackiererei wird grundiert, Farbe aufgesprüht, prozessorgesteuerte Maschinen stempeln Linien, Punkte und winzige Aufschriften auf die Gehäuse.

Trotz Computern und Robotern ist Lokomotivbau bei Märklin aber immer noch ein gutes Stück Handarbeit. Die rund um den Kessel einer Dampflok laufenden silbernen Linien bekommt kein Roboter so genau hin wie die ruhige Hand der Märklin-Mitarbeiterin. Ihre rechte Hand liegt ruhig auf einer Auflage, die dünne Pinselspitze fährt über den Kessel, der mit der linken Hand gedreht wird. Eine Etage höher werden noch mehr Hände gebraucht. Sechs Frauen sitzen nebeneinander in einer Reihe, die erste stopft winzige Haltegriffe neben die Türen in das fertig lackierte Gehäuse einer E-Lok. Ihre Kollegin passt die Puffer ein, es folgen Lichter und Stromabnehmer, dann wird das Fahrwerk mit Motor und Prozessor unter das Gehäuse geschraubt, fertig. „Baureihe 103, eine faszinierende Lok“, findet Schaper. Als das Original vor über 50 Jahren entwickelt wurde, war sie „technisch ganz weit vorne“. Die meisten können sich noch an die früher beige-rot lackierte Lok erinnern, die jahrzehntelang die Intercitys durch die Republik zog. Schaper lässt auch zuhause E-Loks rollen, Kollege Gottschalk „hat es nicht so mit E-Loks und Oberleitungen“. Bei ihm im Keller dieseln und dampfen die Loks aus Göppingen.

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