Sprache als "Bürokratie der Seele"

Ein Spaziergang an der Filspromenade verknüpfte Zeitgeschichte mit der Historie des Industriezeitalters und dem Schicksal des Jakob van Hoddis.

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Einen weiten Bogen spannte die Veranstaltung "Garten Eden" der Kultur-Region Stuttgart und der Stadt Göppingen. Die Besucher wanderten mit Peter Blum vom Göppinger Stadtarchiv und Rolf Brüggemann, Diplom-Psychologe und Psychotherapeut im Christophsbad, vom Schickhardt-Brunnen entlang der Filspromenade bis zu den Filsterrassen, die im Rahmen des Projekts "Landschaftspark Fils" neu entstanden sind.

Auf den Filsterrassen sitzend eröffnete sich den gut 30 Gästen die industrielle Bedeutung der Fils - damals wie heute. Die bildliche Dokumentation zeigte, dass entlang der Jahnstraße 1870 bis 1880 eine Promenade angelegt war. 1913 wurde diese wieder entfernt, weil der Bahnhof verbreitert wurde. Zugang zur Fils für Spaziergänger wurde so erst heute wieder möglich durch die Filsterrassen. Im Uferbereich abgeflacht, ist die Fils begehbar. Der Park des Christophsbads mit altem Baumbestand führte ins Grün mit Informationen und Gedichtrezitationen.

Unter den alten Bäumen durfte früher wie heute zur seelischen Erbauung "Lust gewandelt" werden, so der Leiter des "MuSeele", Rolf Brüggemann. Dieser Gartenbereich führte zurück in die Zeit der Industrialisierung Anfang des 20. Jahrhunderts. Damals war die Arbeit der Patienten im Betrieb oft Teil der Therapie und finanzierte den Klinikbetrieb mit. Der Berliner Autor Jakob van Hoddis, mit bürgerlichem Name Hans Davidsohn, befand sich wegen einer Schizophrenie sechs Jahre lang im Hause Landerer. Jüdisch stämmig wurde er von den Nazis 1942 aus einer Heilanstalt bei Koblenz deportiert.

An der neuen Installation im Park, die an den Dichter des Expressionismus erinnert, fand sich die morgendliche Gruppe zum literarischen Teil der Veranstaltung ein. Die Stuttgarter Schauspielerin Dorothea Baltzer (Tribühne Stuttgart) rezitierte einfühlsam van Hoddis-Gedichte. Eine Gegenüberstellung von Gedichten und Arztberichten von Jakob van Hoddis brachte den Dichter und den Patienten zum Vorschein. Das Gedicht "Weltenende", das auch an der Installation zu lesen ist, "elektrisierte die Kaffeehausliteraten in Berlin", so die Schauspielerin, die sich fasziniert dem Künstler ganz neu näherte. Auch in den Beschreibungen seiner Person wurde der Mensch van Hoddis lebendig, wenn es etwa hieß, dass er mit tippelnden Schritten durch den Park ging . . . - an dem Ort, an dem sich die Gruppe gerade befand. "Devot sich verbeugend und selten sprechend, wenn er nicht angesprochen wurde ", so wurde van Hoddis weiter beschrieben.

"Die Sprache ist die Bürokratie der Seele . . .", schrieb van Hoddis einmal. "Vor Tieren zog er den Hut", so beschrieb Dorothea Baltzer den Dichter, und in genau dieser Pose wird er im Park des Klinikums Christophsbads gezeigt, wo sich am Ende der Veranstaltung - die eineinhalb Stunden vergingen wie im Fluge - eine Diskussion um Jakob van Hoddis entspann.

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