Spannendes Wechselspiel

Die GZ lässt Experten beschreiben, was in einem Kunstwerk alles stecken kann. Heute geht es um einen Linolschnitt von Zita Ritter, noch bis zum 18. November im Alten Bau in Geislingen zu sehen

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Auf einem gestreckten Querformat zeigen sich scheinbar flott dahingeworfene Pinselhiebe, die sich aus einer kreisenden Pinselführung heraus zu einer kraftvollen Komposition entwickelt haben.

Belassene Pinsel- und Arbeitsspuren scheinen die Machart des Bildes offenzulegen. Ein aus der Dynamik des Machens heraus entstandener Tropfen bleibt stehen, er wird nicht getilgt, er gehört dazu, auch kompositorisch - verweist er doch auf Spontaneität, Einmaligkeit, den Fluss der Farbe und den Malakt an sich.

"O.T.", also "ohne Titel" ist diese Arbeit der 1988 in Wien geborenen Künstlerin Zita Ritter überschrieben; sie lässt sich ohne Lenkung und ohne Bezug zur Gegenständlichkeit verstehen, allein durch die Reduktion auf das entwickelte Liniengeflecht, das zum Ausdrucksträger wird: Kraft, Energie, Geschwindigkeit, direkt eingefangene Emotionalität, innere Bewegtheit, die in äußere und damit sichtbare Bewegung überführt wird, lassen sich assoziieren.

Umso mehr überrascht es, wenn wir der Technik, in der hier gearbeitet wurde, gewahr werden: Linolschnitt. Er gehört zu den Hochdrucktechniken, bei denen das, was nicht weggeschnitten wird, erhaben stehen bleibt, um Farbe "aufzunehmen" und damit abgeben zu können. Diese Stellen werden gleichmäßig, langsam mit einer Walze eingefärbt und mit einer Presse, einem Löffel oder dem Handballen aufs Papier "gedruckt". Beim Schneiden selbst muss man gegen den Widerstand des spröden Materials anarbeiten - das ist langwierig, kraftraubend.

Im Ganzen handelt es sich beim Drucken eher um eine reflektierende Herangehensweise, die viele kontrollierende Zwischendrucke mit einschließt, bis es zum gedruckten Bild - zumeist in kleiner Auflage - kommt.

Damit liegt dieser Arbeit ein langwieriger, entschleunigter, meditativ handwerklicher Prozess zu Grunde, der den ersten Eindrücken im Grunde diametral, komplementär und kontrapunktisch entgegensteht. Die Malerei diente der Bildfindung, fungierte somit als eine Art Vorlage und wurde auf eine andere Technik übertragen.

Eine leichte Irritation und die Frage, ob man dem, was man sieht, trauen kann, gehen hier mit einer kompositorisch überzeugenden Setzung ein interessantes Wechselspiel ein - das Besondere dabei: Die innere Bewegtheit, Kraft und letztlich Aussage der Ausgangsmalerei gehen auch in der Darstellung eines anderen Mediums nicht verloren und wirken täuschend "echt".

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