Seine Lyrik hat eine Heimat

Die Koltersche Lyrik hat eine Heimat - die Landschaft: von Göppingen über den Bodensee bis nach New York und darüber hinaus. Dort treffen historische, persönliche und krankheitsbedingte Gedanken aufeinander.

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Schreiben bedeutet für Gerd Kolter Disziplin und handwerkliche Verdichtung. Zu den wichtigsten Lyrikbänden des Göppingers gehört "Fallende Handlung". Seine Bücher werden im aufwendigen Pressendruck hergestellt.  Foto: 

"Alles kommt auf den Standort an", so beginnt das Gedicht "Göppinger Notizen" im Lyrikband "Ortsgedächtnis", der anno 1997 in der Eislinger Edition erschienen ist. Gerd Kolter, der 1949 in Ludwigshafen am Rhein geboren wurde, ist eng mit der Natur rund um Göppingen verwoben. So verrät er, dass "seine" Lyrikstele des Eislinger Poetenwegs, auf der das Gedicht "Abstieg vom Hohenstaufen" zu lesen ist, tatsächlich der einzige Stelen-Standort sei, der auf den Hohenstaufen blicken lässt. Selbst in New York, das ihn zeitweise "fast erschlagen hat", so Kolter, habe er immer wieder an die Schwäbische Alb gedacht und aus diesem Kontrast auch einen Gedichtband gemacht. Der Bodensee als "zweite Heimat" spielt in seinen umfassenden Landschaftsgedichten ebenfalls eine wesentliche Rolle und dient auch aktuell als thematische Grundlage seines bald erscheinenden, neuen Lyrikbandes.

Vom Reichenauer "Inselgefühl" bis zum Central Park - Gerd Kolter gelingt es auf wahrnehmungszentrierte Weise, einzigartige Momente im Dialog mit der Natur festzuhalten. Er vertritt dabei eine minimalistische Herangehensweise in der Verwendung von Wörtern. Das Bild bleibt poetisch facettenreich und häufig bewusst ambivalent. "Es ist das alltäglich Ungeheuerliche, das mich aufrüttelt; und das Vergängliche", berichtet der Lyriker. Beim Leser soll eine neue Eindrücklichkeit entstehen, so formuliert Kolter seine Intention beim Schreiben. Er zitiert Gottfried Benn: "Ein Gedicht entsteht überhaupt sehr selten - ein Gedicht wird gemacht." Deshalb bedeute Schreiben für ihn vor allem Disziplin und handwerkliche Verdichtungs-Arbeit - im Gegensatz zu den heute bei vielen Lyrikern verwendeten üppigen Wortkaskaden. Als Vorbilder nennt der pensionierte Lehrer Hans Magnus Enzensberger und Günter Eich. Und auch Karl Krolow, über den Kolter promoviert hat.

Im 2004 erschienenen Lyrikband "Fallende Handlung" - der Name ist eine Anspielung auf den Terminus aus der Dramenwelt - zeigt sich die Koltersche Lyrik von einer anderen, subjektiveren und weniger ich-distanzierten Seite. Die Ohnmachtsgefühle, die er während einer Erkrankung erlebte, verarbeitete er unter anderem in Gedichten wie "Ausfall", "Kopfzerbrechen" und "In der Röhre". Das Geschehen spitzt sich zu und endet in einer seitenlangen Suada, einem Redeschwall. In diesem prangert Kolter unsere oberflächliche, bunte Selbst-Ausstellungswelt an: "In der Arena stellen sie sich aus / zeigen alles was sie haben." Der Literat fragt provokativ: "Wohin aber dann mit dem Innenleben".

Ein Gegentrend, den Kolter zur schnellen Welt der E-Books zeichnet, stellt seine Liebe zur bibliophilen Herstellung seiner Gedichtbände im Pressendruck dar. Das sei allerdings nicht als Kritik an anderen Herstellungsweisen zu verstehen. "Als Sohn eines Handwerkers hat das für mich eben etwas Besonderes. Ich mag außerdem das Gefühl, Papier in der Hand zu halten. Deshalb lese ich keine E-Books." Somit sind die meisten seiner Werke nur als Pressendrucke und direkt bei den Verlagen "Eric van der Wal" und "San Marco Handpresse" erhältlich. Ganz entgegen einem Trend, der Lyrik auf Poetenplattformen zum Nulltarif anbietet.

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