Sein Mut bleibt in Erinnerung

Gebhard Müller spielte Anfang der 50er eine zentrale Rolle in der Südwest-CDU, doch bei der Geburt des neuen Bundeslandes wurde er übergangen. Den Göppingern bleibt er wegen seines Muts in Erinnerung.

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  • Am Morgen danach: Eine historische Fotografie der ausgebrannten Göppinger Synagoge vom 10. November 1938 (Bild links). Das Eingreifen Gebhard Müllers war vergebens. Bild rechts: Gebhard Müller als Ministerpräsident auf dem Flughafen Echterdingen beim Abschied von seiner Familie. Müller flog zu einem mehrwöchigen Staatsbesuch in die USA. Fotos: Archiv 1/2
    Am Morgen danach: Eine historische Fotografie der ausgebrannten Göppinger Synagoge vom 10. November 1938 (Bild links). Das Eingreifen Gebhard Müllers war vergebens. Bild rechts: Gebhard Müller als Ministerpräsident auf dem Flughafen Echterdingen beim Abschied von seiner Familie. Müller flog zu einem mehrwöchigen Staatsbesuch in die USA. Fotos: Archiv
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Er war einer der einflussreichsten südwestdeutschen Politiker der Nachkriegszeit, bestimmte maßgeblich die Anfangsjahre des Landes Baden-Württemberg mit und legte eine steile Karriere hin, die ihn bis ins Präsidentenamt des Bundesverfassungsgerichts beförderte (siehe Infobox). Den älteren Göppingern aber ist Gebhard Müller wegen jener Nacht in Erinnerung geblieben, die als Reichspogromnacht in die Geschichtsbücher einging: der Nacht vom 9. auf 10. November 1938, als in Deutschland die Synagogen brannten.

Müller war zu jener Zeit Bereitschaftsrichter am Amtsgericht in Göppingen. Ein Geislinger SA-Trupp war gewaltsam in die Synagoge eingedrungen und hatte das Gotteshaus mit Benzin und Stroh in Brand gesteckt. Als Müller die Untätigkeit der Feuerwehr bemerkte, machte er aus seiner Abscheu über die von den Behörden gedeckte Tat kein Hehl.

Ein Polizeibeamter gab später zu Protokoll, dass Müller morgens gegen vier Uhr an ihm vorbeigegangen sei und gesagt habe: "Das ist doch keine Art und Weise, das ist keine Arbeit, so etwas zu machen." Ein dabeistehender SA-Mann habe sich daraufhin zu Müller hin umgedreht mit den Worten: "Geht Sie dies etwas an oder passt Ihnen dies vielleicht nicht?" Die Antwort: "Ich bin der Amtsgerichtsrat Müller." Darauf habe der SA-Mann ihn angeschrieen: "Sie können sein, wer sie wollen, wenn Ihnen dies nicht paßt!" - und hielt ihm die Pistole vor die Brust. Müller sei daraufhin weiter seines Wegs gegangen. Gebhard Müller, der spätere Ministerpräsident des Landes, verfasste einen Bericht an die Staatsanwaltschaft und erstattete vermutlich Anzeige wegen Landfriedensbruchs und Brandstiftung. Zu einer Untersuchung ist es jedoch nie gekommen. Bald darauf wurde Müller ans Landgericht Stuttgart versetzt.

Noch ein Mann wurde wegen der Göppinger Ereignisse des 9. November 1938 seines Postens enthoben. Karl Keuler war diensthabender Feuerwehrführer, als in Göppingen die Synagoge brannte. Er wollte helfen und lehnte sich gegen das von den Nazis verhängte Löschverbot auf. Nach heftiger Auseinandersetzung wurde dem Feuerwehrmann die Alarmierung eines Zuges zugestanden, aber verboten, den Brand zu löschen. Es sollten lediglich die umliegenden Gebäude geschützt werden.

Das Feuerwehrmagazin befand sich in der gleichen Straße wie die Synagoge, keine 50 Meter von ihr entfernt. Karl Keuler, dessen Aufgabe es war, Feuer zu bekämpfen, musste tatenlos mit anschauen, wie das Gotteshaus an der Freihofstraße, verfolgt von zahlreichen Schaulustigen, vollständig ausbrannte, wie die Kuppel einstürzte und am Ende nur die rußgeschwärzten Umfassungsmauern stehen blieben.

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