Schulforum: Frauen auf dem Sprung

Das Bild von der Frau am Herd hat sich längst überlebt. Was das genau bedeutet, lernten die Teilnehmer beim ersten Göppinger Schulforum in der Stadthalle mit der Sozialforscherin Jutta Allmendinger.

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Locker, aber pointiert redete die Berliner Sozialforscherin Jutta Allmendinger über die richtige Kommunikationsstrategie und die Familienpolitik. Das erste Schulforum hatte 200 Zuhörer angelockt.  Foto: 

Ordentlich gefüllt war die Stadthalle zur Premiere des Schulforums, zu dem der Förderverein der Kaufmännischen Schule, die Kreissparkasse Göppingen und die NWZ geladen hatten. Das freute auch Dr. Hariolf Teufel. Der Sparkassen-Chef unterstrich zu Beginn erneut die Wichtigkeit der Veranstaltungsreihe: Schüler, Eltern und Lehrer sollen Orientierungshilfen und Impulse bekommen, sich untereinander austauschen. "Frauen auf dem Sprung", lautete das Thema. Dafür konnte Karl-Otto Kaiser von der Kaufmännischen Schule die hochdekorierte Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) und Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Berliner Humboldt Universität, Jutta Allmendinger, gewinnen.

Frei sprechend und bisweilen lässig an das Pult gelehnt, hatte die aus der Hauptstadt angereiste 57-Jährige nichts von einer abgehobenen Akademikerin. Bei einer großen Untersuchung sei herausgekommen, dass Führungspersonen die fehlende Möglichkeit mit anderen gesellschaftlichen Sektoren zu sprechen am meisten vermissen würden, erzählte sie. "Und da nicht genug miteinander geredet wird, können bestimmte gesellschaftliche Fortschritte gemeinsam nicht geleistet werden. Um so etwas anzugehen, braucht es Zusammentreffen, bei denen sich zum Beispiel Lehrer und Schüler nicht bekriegen", betont Jutta Allmendinger.

Nach dem Tipp, Lebensläufe lupenrein zu schreiben, folgte im lockeren Plauderton das Schildern von "Negativerlebnissen" bei der Bundesagentur für Arbeit und bei Bewerbungsgesprächen sowie ein interessanter Einblick in die Strukturierung einer Forschungslandschaft.

Nahtlos ging es dann über zum eigentlichen Thema: Nach ihrer neuesten repräsentativen Studie haben sich die Wertevorstellungen der 21- bis 34-Jährigen verändert. Der Erwerbswunsch von Frauen habe sich weiter gesteigert. Die Männer würden diese Bitte stärker unterstützen. Bei einer individuellen Befragung waren die jungen Leute wie füreinander gemacht, standen ungeachtet ihrer Bildung für eine Gesellschaft mit einheitlichen Lebensentwürfen.

"Ernüchterung pur" herrschte allerdings, als Frauen aufschrieben, was Männer denken oder wollen - und das Gleiche andersrum. Die Meinungen gingen extrem auseinander. "Frauen wollen hauptsächlich Kinder, dünn sein, gut aussehen. Eben die klassische Leier, wie so eine Frau angeblich denkt und tickt", bekräftigt die Referentin. Doch es war nicht nur so, dass die Männer die Frauen falsch einschätzten. Nein, die Damen gaben es richtig dicke zurück. "Das Beste was man in einer Partnerschaft haben kann, ist, sich auf Augenhöhe zu bewegen."

Gleichwohl, das stereotype Bild der Hausfrau gehört bei der jungen Generation der Vergangenheit an. Leider setze die Familienpolitik immer noch auf einen "Haupternährer", in dem Glauben, die Frauen würden ihre Meinung ändern, kritisierte die Referentin. Diese Retraditionalisierung habe gemäß der Studie jedoch nicht eingesetzt. Als Kernpunkte nennt die Soziologin: flexible Arbeitszeiten, Kinderbetreuung sowie die 32-Stunden-Woche für beide Geschlechter. Gerechnet über ein ganzes Arbeitsleben, können Frauen dann länger arbeiten, Männer weniger.

Den heutigen Zustand hält Jutta Almendinger jedenfalls für "suboptimal". So verdienen Frauen noch immer weniger als Männer, sind in höheren Hierarchie-Ebenen dünn gesät und haben im Alter oft geringere Rentenansprüche aus eigener Erwerbstätigkeit als von einer Witwenrente. Rund 200 Zuschauer erlebten eine Fülle an Informationen, leider traute sich von den vielen Jüngeren aber niemand, der Professorin eine Frage zu stellen.

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