REPORTAGE: Glaskünstler zeigt sein Handwerk

Für den bekannten Glaskünstler Jörg F. Zimmermann ist das ganz normaler Alltag, für unsereins ein selten zu sehendes Handwerk: Glasblasen. Der Uhinger gab einen Einblick in diese Kunst.

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Macht einer dicke Backen, ist er meistens ein Blasmusiker. Oder ein Angeber, der von nix ’ne Ahnung hat. So sagt es zumindest die Redensart. Möglicherweise ist er aber auch Glasbläser von Beruf oder versteht das Handwerk so meisterhaft wie Jörg F. Zimmermann. Drei Stunden lang erlebten etwa zwei Dutzend Prisma-Leser im Energie-Wasser-Informationszentrum der Energieversorgung Filstal die Bandbreite dessen, was sich mit Hilfe von Gussformen und Glasmacherpfeife alles aus dieser heißen zähflüssigen Masse formen lässt. So lange dauerte der von der Kreissparkasse Göppingen organisierte „Einblick in eine durchsichtige Kunst“, wobei es der weltweit bekannte und agierende Uhinger Glaskünstler war, der Herz und Ofentür für dieses alte Handwerk öffnete.

Eine Woche vorgeheizt

Ein seltenes Schauspiel, was man normalerweise nicht zu sehen bekommt – ganz zu schweigen damit selbst aktiv zu werden. Wer mutig genug war und jeglicher Hitze trotzte, durfte buchstäblich dicke Backen machen. Ohne Energie geht freilich auch beim Glasblasen nichts. Gut eine Woche zuvor heizte Michael Betz den speziellen Brennofen ein, dort werden Quarzsand, Soda, Kalk, Pottasche und vielleicht noch weitere „Zimmermann’sche Geheimzutaten“ bei bis zu 1400 Grad Celsius geschmolzen – die Rohstoffe für Glas.

„Der Brennofen muss langsam austrocknen. Genau so ist es hinterher beim Abkühlen, zusammengerechnet ist der Ofen etwa 14 Tage in Betrieb“, weiß Michael Betz, Gruppenleiter der Kundenbetreuung der Energieversorgung Filstal. Er assistiert nicht zum ersten Mal, auch viele Schulklassen, Geschäftspartner oder Kunden der KSK staunten schon in der Glasbläser-Werkstatt unter freiem Himmel, die sich direkt neben dem Energie-Wasser-Informationszentrum im Stauferpark Göppingen befindet. Die Zuschauer blicken wie in einem Atrium hinab, sind gespannt auf die kommende und nur wenige Meter entfernte Geburt einer Vase oder Schale.

Die Ofentür öffnet sich

„Jeder kann, muss, soll was tun. Doch bitte passt auf, 1227 Grad sind nicht wenig, also, nirgends dran fassen. Wir verarbeiten circa 100 Kilogramm zähflüssiges Glas. Bleibt im Rhythmus und locker dabei, wir brauchen eure Hilfe“, macht ein gut gelaunter Jörg F. Zimmermann Appetit auf die honigartige Konsistenz, aus der später jeder selbst sein eigenes Glasobjekt produzieren darf. Nach der theoretischen Einweisung geht's los.

Die Ofentür öffnet sich und zwischen Vogelgezwitscher oder dem leisen Klicken der Kameras kann man das Zischen des ausströmenden Gases hören. Erstmals testet der Fachmann durch kurzes Einblasen, ob die Glasmacherpfeife frei ist, das heißt, er prüft ob auch Luft beim Hineinblasen austreten kann. Als nächstes wird die Spitze der Glasmacherpfeife, das wichtigste Werkzeug beim Glasblasen, im Feuer erwärmt. Ist sie leicht rötlich, kann der ganze Prozess beginnen.

Wohldosiertes Blasen wichtig

Routiniert entnimmt der Künstler mit dem circa 1,50 Meter langen zunderfreien Stahlrohr eine kleine Menge Posten aus dem Schmelztiegel, dem Hafen. Als Posten wird die anfangs benötigte Menge des glühenden Glases bezeichnet. Durch Hin- und Herwalzen auf einer Eisenplatte und gleichzeitigem wohldosiertem Blasen in die Glasmacherpfeife formt er eine kleine Hohlkugel, das sogenannte Kölbl. Ist die Glaskugel am Pfeifenrohr erstarrt, wird die nächste Menge des zähflüssigen Glases aus dem Ofen geholt. „Die Kunst vor dem Einblasen ist, die Glasblase in die günstigste Form zu bringen und deren Masse richtig zu verteilen. So darf das Glas weder zu heiß noch zu kalt sein, da es sonst zu schnell abläuft oder erstarrt“, erklärt Jörg F. Zimmermann und kreiert nebenbei einen „blumigen“ Briefbeschwerer.

Der Künstler verrät wie Glas Farbe bekommt. Grün wird’s durch Eisen und Chrom, rot mit Gold und Selen, für Gelb benötigt man Silber und Blau entsteht durch Kobalt. Entsprechend stehen neben unzähligen Gerätschaften, die bisweilen über hundert Jahre alt sind, auch etliche Gefäße mit Farbpulver herum. „Es ist ein unendlich Kreuz, gut Glas zu machen“, lautet ein alter Hüttenspruch. Von wem auch immer dieser Satz stammt, er hat Recht. Und dennoch spürt und sieht man: Am Ofen zu stehen bedeutet für Jörg. F. Zimmermann augenscheinlich Glück. Nassgeschwitztes Hemd hin, Brandflecken her. Gleichwohl wird offensichtlich, dass es ohne einen zweiten Mann und dessen Handgriffe nicht geht.

Ein Schmetterling in Glas

Gebannt verfolgten die Zuschauer das Geschehen rund um den Brennofen. Langsam merken sie die Hitze und freuen sich umso mehr, dass wenigstens die Sonne an diesem Vormittag gnädig ist. Das Drehen der Glasmacherpfeife im Feuer, das Abkühlen der Kugel im Wasserbad mit Rauchen und Zischen, „wann bekommt man so etwas zu sehen“, spricht Brigitte Holzäpfel aus Uhingen allen aus der Seele. Später drückt sie einen Stempel mit Schmetterlingsmotiv in die weiche Glasmasse: „Der bleibt als Erinnerung in meinem Garten.“ Denn jetzt ist Schluss mit Kiebitzen, jeder darf für sich ein nicht allzu schwieriges Glasobjekt aussuchen und selbst produzieren.

Blasen oder stempeln – ist hier die Frage. Es dauert ein wenig, bis sich der erste Glasbläser-Praktikant – Herbert Ritter aus Eislingen – meldet. Beherzt will er zugreifen, doch der Künstler bremst:„Halt, noch nicht. S’isch zu bald. Nirgends anfassen, noch sind es meine Finger“, gibt er unter Gelächter zu verstehen. Bis es soweit ist, soll er sich zwei Farben und eine Form für seine Vase überlegen. Oder doch lieber ein Stempel mit Herz? Herbert Ritter bleibt bei der Vase. „Lippen feucht machen, leicht drehen und anfangs kräftig mit Druck aus den Backen blasen. Dann etwas leichter, sonst platzt es. Ruhig zwischendurch Luft holen“, erklärt der Experte am anderen Ende der Pfeife und lobt anschließend: „Die Gesellenprüfung ist sicher.“ Auch Irene Serfass aus Zell macht ihre Sache mit der Stangenvase gar nicht schlecht.

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