Regisseurin Maren Ade: "Volles Kino ist wunderbar"

Für ihr Debüt "Der Wald vor lauter Bäumen" bekam sie beim Sundance Filmfestival den Großen Preis der Jury. Für "Alle anderen" kassierte Maren Ade auf der Berlinale zwei Bären. Mit ihrer Tragikomödie "Toni Erdmann" wurde sie jetzt in Cannes gefeiert.

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  • Maren Ade präsentiert sich bei den Filmfestspielen in Cannes mit ihrem "Erdmann"-Team den Fotografen: (von links) die beiden deutschen Protagonisten Trystan Putter und Sandra Huller und links Peter Simonischek alias Toni Erdmann. 2/2
    Maren Ade präsentiert sich bei den Filmfestspielen in Cannes mit ihrem "Erdmann"-Team den Fotografen: (von links) die beiden deutschen Protagonisten Trystan Putter und Sandra Huller und links Peter Simonischek alias Toni Erdmann. Foto: 
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Frau Ade, drei Filme, und jeder auf einem wichtigen Festival dabei - besser kann es kaum gehen. . .

MAREN ADE: Nach der Einladung auf das Sundance Festival dachte ich: Jetzt ist das doch klar mit meinem Beruf, ich werde immer weiter Filme drehen. Dann hörte ich: "Ja Maren, aber der zweite Film ist der wichtigste." Und danach hieß es: "Eigentlich entscheidet sich die Karriere erst beim dritten Film." Deshalb bin schon froh über Cannes, weil ich von nun an wohl schon auf einem gewissen Level weiter meine Filme machen kann.

Haben Sie mit dieser enormen Begeisterung im Kinosaal gerechnet?

ADE: Ich habe den Film erst vier Tage vor der Premiere fertiggestellt, ein Albtraum. Für mich wurde er immer depressiver, am Ende dachte ich: "Ist doch egal, ich habe zwar eine Komödie versprochen. Und jetzt ist das irgendwie so ein melancholisches Ding. Hauptsache er ist fertig." Deshalb war ich echt froh, dass dieser Komödienaspekt so funktioniert. Ein volles Kino ist einfach wunderbar. Es ist wie im Theater, wo die Zuschauer sich gegenseitig versichern, mit ihrem Sitznachbarn abstimmen und zu fast einem eigenen Wesen werden.

Wie kam es, dass am Ende die Zeit so knapp wurde? Fanden die Dreharbeiten nicht bereits 2014 statt?

ADE: Stimmt, das ist schon etwas her. Aber ich hatte am Ende in 56 Drehtagen gut 120 Stunden Material beisammen. Damit muss man erst einmal zurechtkommen. Wir haben viele Szenen in immer neuen Versionen gedreht, mit unterschiedlicher Haltung und anderem Subtext. Daraus dann am Ende auf die gesamte Länge die richtige Dramaturgie auszufummeln, das dauert.

Sie haben den Film nicht bewusst der Berlinale vorenthalten, weil Sie dieses Mal unbedingt nach Cannes wollten?

ADE: Nein. Wenn ich fertig gewesen wäre, hätte ich ihn auch auf der Berlinale gezeigt. Ihn dort nicht einzureichen und wirklich ausschließlich auf Cannes zu warten - das hätte ich mich wahrscheinlich nicht getraut. Aber es kam eben wirklich nicht in Frage, die Berlinale hätte ich nicht geschafft. Nicht zuletzt auch weil ich erst im November mein zweites Kind bekommen habe.

Sind 120 Stunden Material nicht ein bisschen viel für einen Spielfilm?

ADE: Wir haben die Kamera einfach immer laufen lassen, auch bei den Proben. Mir ist es wichtig, dieselben Szenen mit unterschiedlichen Nuancen zu spielen. Anschließend im Schneiderraum muss man mit diesem ganzen Material natürlich zurechtkommen. Aber Menge ist für mich kein Problem. Weil ich zugleich meine eigene Produzentin bin, weiß ich ja, dass ich das alles auch zu Ende schneiden kann.

Ihre Hauptdarstellerin Sandra Hüller erzählt, dass Sie im Durchschnitt 30 bis 40 Durchläufe für eine Szene gemacht hätten - das sind Verhältnisse wie bei Stanley Kubrick. Sind Sie eine Perfektionistin?

ADE: Ja. Beim Filmemachen muss man die Dinge sehr, sehr hoch hängen. Für die Schauspieler ist das schon ein anstrengender Prozess, immer wieder das Gleiche in verschiedenen Variationen zu spielen, ohne die Emotionalität oder ihre Präzision zu verlieren.

In den internationalen Reaktionen wundert man sich, dass die Deutschen plötzlich Humor hätten. Wird im deutschen Film tatsächlich zu wenig gelacht?

ADE: Die Franzosen finde ich jetzt auch nicht so ausgesprochen humorvoll. Es gibt doch überall solche und solche Leute. Ich meine schon, dass die Deutschen durchaus Humor haben, nur manchmal ist das eben ein bisschen versteckt.

Die Maske von Toni Erdmann erinnert an einen Sketch von Loriot. Ist das eine kleine Hommage?

ADE: Meine Inspiration für die Maske kommt eher von dem US-Komiker Andy Kaufmann. Der verwandelte sich in seiner Show zu einer Figur, die Tony Clifton hieß. Daher auch der Vorname für unseren Erdmann. Die Idee mit den falschen Zähnen und der Perücke gab es schon vorher, aber als ich Kaufmann und die Radikalität der Verwandlung seiner Rollen entdeckte, hat das wie die Faust aufs Auge gepasst. Loriot ist natürlich eine Legende, auf die sich viele beziehen, aber wer sich mit Comedians beschäftigt, stößt irgendwann immer der Name Andy Kaufmann.

Warum haben Sie die Geschichte nach Rumänien verlegt?

ADE: Dass ich im Ausland drehen will, war klar. Schon weil es für den Konflikt wichtig ist, dass der Protagonistin die Heimat fehlt und dann in Form des Vaters zu Besuch kommt. Osteuropa hat mich dabei einfach am meisten interessiert, und gerade Rumänien hat ja doch einen starken Bezug zu Deutschland. Nach dem Ende des Kommunismus gab es dort viele Kooperationen und Fusionen, das war zum Teil ein schmerzhafter Ausverkauf. Teilweise mutete das Land an wie eine deutsch-österreichische Außenstelle. Langsam sind die meisten Firmen wieder übergeben an die Rumänen, aber lange hat eben jeder versucht, etwas vom Kuchen abzukriegen. Ich fand es in der Recherche jedenfalls auffällig, wie viele Unternehmensberater-Projekte es dort gab und gibt. Und mit welcher Selbstverständlichkeit sich viele Deutsche dort bewegen, so als wüssten sie ganz genau, wie es läuft.

Trotz der Wandlung, die Ihre Heldin durchlebt, macht sie am Ende doch weiter in ihrem Karriere-Beruf. Gab es nie die Idee, die Ines ganz aussteigen zu lassen?

ADE: Nein, das war immer so vorgesehen. Für mich liegt gerade darin der Witz. Der Vater hat auf seine komische Art seiner Tochter den Mut verschafft, ihren Job zu kündigen. Aber Ines wechselt nur die Firma und es ist weiter so, dass sich seine Werte oder sein Ansatz ins Gegenteil verkehren.

Apropos Erwartungshaltung: Ohne zu viel zu verraten, passiert in einer Hotelszene gerade das nicht, was alle glauben und wo bereits vorab heftig gelacht wird.

ADE (Lacht): Manche haben mich schon gelobt, wie schlau das doch wäre. Tatsächlich war diese Wirkung von mir gar nicht so geplant. Solche Effekte gibt es immer wieder einmal, wenn man sich die eigenen Filme anschaut: Das ist wie ein Wasser im Sand, das sich seinen Weg bahnt. Darüber war ich selber überrascht - aber die Reaktionen haben mich natürlich gefreut.

Wie viel Maren Ade steckt in Ihrer Heldin Ines?

ADE: Alle meine Filme haben in dem Sinne autobiographische Züge, dass ich etwas weiterdenke, was ich kenne. Gerade bei dem Thema Familie war es interessant, wie wenig ich meiner eigenen Familie beim Schreiben entkommen konnte. Nichts kennt man so gut wie seine eigene Herkunft. Familie hat man ja nur eine, Eltern-Kind, das ist immer lebenslänglich, dem kann man schwer entkommen. Das ist auch das, was mit Ines im Film passiert. Sie glaubt, es spielt keine Rolle mehr, wo sie herkommt, sie glaubt, da gibt es nichts mehr zu holen. Alles spielt sich in ritualisierten Abläufen ab. Jeder hat seine zugeschriebene Rolle.

Der Vater im Film, Winfried, erfindet die titelgebende Figur Toni Erdmann, in dessen Maske er dann seine Tochter ziemlich nervös macht. Wie kam es zu dieser Idee?

ADE: Winfried versucht mit seiner spontanen und waghalsigen Verwandlung in "Toni Erdmann" eine Auflösung der alten Vater-Tochter-Beziehung, die Figur Toni wird aus einer Verzweiflung heraus geboren. Humor ist ja oft eine Lösung, um etwas zu überwinden, und insofern auch immer dem Schmerz abgerungen. Der Vater ist unfähig, seiner Tochter anders zu begegnen. Er hat als Vater einen Versuch gestartet, das Verhältnis zu erneuern und ist gescheitert, er weiß nicht mehr weiter und ist hin und hergerissen zwischen der Sehnsucht nach mehr Nähe und seinen Aggression auf sie. Das Machtverhältnis zwischen den beiden war ja längst nicht mehr das alte.

Verstehen Sie Ihre Komödie als ein Plädoyer für das Loslassen?

ADE: Mit Loslassen verbinde ich zu sehr ein Aufgeben. Das ist zu sehr ein Ratgeberbegriff. Der Film ist weniger ein Plädoyer fürs Loslassen als fürs Hosenrunterlassen. Was Ines am Ende macht, ist radikal, mutig, sie traut sich was. Egal, ob sie etwas neben der Spur ist oder nicht. Sie wird jetzt immer die Frau sein, die irgendwann mal ihrem Chef nackt die Tür aufgemacht hat. Das ist ein Neuanfang, sie hat nichts losgelassen, sondern die Zügel wieder in die Hand genommen. Am Ende stehen sich zwei Menschen gegenüber, die sich vielleicht ein bisschen besser kennen und sich akzeptieren.

Die Frage der Frauenquote ist in Cannes immer ein Thema. Was sagen Sie zur Gender-Diskussion?

ADE: Danach werde ich häufig gefragt, seit der Film gelaufen ist, geht es ein bisschen mehr um den "Toni Erdmann". Am Anfang dachte ich, ich stünde in Cannes metertief im Gender-Schlamm und bin von tausend Fettnäpfchen umgeben. Klar ist es so, dass zu wenige Frauen Regie führen. Und es gilt herauszufinden, wie man das am besten verändern kann. Für mich war es immer wichtig, starke Filme von Frauen wie Andrea Arnold zu kennen. Das sind Vorbilder, um zu wissen: Das kann man schaffen.

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